Opferlämmer auf dem Altar der Medizin

"Alles was wir geben mussten" im Kino

Auf den ersten Blick ist Hailsham ein Internat, wo Kinder behütet aufwachsen. Sport, Kunst, Bildung, ein gesundes Leben. Bald zeigt die Idylle erste Risse. „Ihr werdet keine Schauspieler, auch keine Verkäufer. Ihr führt das Leben, das Euch bestimmt ist“, hören die Schüler. Selten erzählt ein Film monströse Dinge mit solcher Unaufgeregtheit wie Mark Romaneks „Alles was wir geben mussten“:

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 12.04.2011, 15:30 Uhr / Lesedauer: 1 min
Keira Knightley (v. l.), Carey Mulligan und Andrew Garfield spielen geklonte Menschen im Film "Alles, was wir geben mussten".

Keira Knightley (v. l.), Carey Mulligan und Andrew Garfield spielen geklonte Menschen im Film "Alles, was wir geben mussten".

Das wird hinterhältig empörungsfrei, ganz seelenruhig geschildert, als Melodram mit SciFi-Anstrich. Keine Verbrecher im weißen Kittel wie in Rainer Erlers „Fleisch“ oder Michael Crichtons „Coma“. Niemand rebelliert wie die Androiden im „Blade Runner“. Kinder wachsen heran und gehen schicksalsergeben der „Vollendung“ ihres kurzen Lebens entgegen. Darauf hat man sie konditioniert. Die Gesellschaft, die dieses kranke Gesundheitssystem hervorbrachte, bleibt außen vor. Debatten finden nicht statt, Klon-Organe sind ein akzeptiertes Mittel der Lebensverlängerung. Der Film interessiert sich für die, deren Daseinszweck das Sterben ist. Ambitionen oder Perspektive? Sie haben keine. Kathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield) kennen sich von Kind auf. Sie werden älter, verlieben sich, streiten. Menschen wie du und ich, Opferlämmer auf dem Altar einer „Humanmedizin“ ohne Gewissen.

Die feinnervige Inszenierung bleibt dicht bei den dreien, alle rührend gespielt mit ihren Wünschen und Hoffnungen. Sie wurden betrogen um das Menschsein, doch sie fügen sich. Eine Ohnmacht, die dem Film den Weg in einen Thriller verbaut, zugleich aber die Wut des Zuschauers anstachelt: So etwas darf nicht sein! Intelligentes Was-wäre-wenn-Kino. Ein Warnruf vor grenzenloser Genetik, der lange nachhallt.

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