Osterruhe gekippt: Was bedeutet das für die dritte Welle?

Corona-Infektionen

Corona-Experten rechnen mit einer sehr starken dritten Infektionswelle im April. Daten zeigen, dass Mobilität und Kontakte auf hohem Niveau stattfinden - wäre die Osterruhe angebracht gewesen?

von Saskia Bücker

, 25.03.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Supermärkte bleiben geöffnet, die Osterruhe wird nicht durchgesetzt - Virologen sind davon nicht begeistert.

Die Supermärkte bleiben geöffnet, die Osterruhe wird nicht durchgesetzt - Virologen sind davon nicht begeistert. © picture alliance/dpa/PA Wire

Die Wirtschaft jubelt – Corona-Experten aber sind leise entsetzt. Sie fürchten, dass die einfache Verlängerung bisheriger Lockdown-Regeln ohne verschärfte Osterruhe nicht ausreicht, um die dritte Infektionswelle abzumildern. Denn diese hatte Bundeskanzlerin Merkel am Mittwoch überraschend wieder gekippt – und damit auch die einzige zusätzliche Maßnahme, die nach der Ministerpräsidentenkonferenz in der Nacht am Dienstag beschlossen wurde.

Es bleiben zwar die von Bund und Ländern beschlossenen Lockdown-Regeln bis zum 18. April gültig – etwa mit einer Notbremse bei hoher Inzidenz, strikten Kontaktregeln, regionalen Ausgangsbeschränkungen und der Aufforderung, möglichst zu Hause zu bleiben. Doch Virologen, Epidemiologen, Modellierer und Intensivmediziner sind in Sorge, dass das nicht ausreicht, um die dritte Infektionswelle abzumildern.

Experten bewerten die Entscheidung negativ

Die Intensivmediziner in Deutschland bewerten die politische Entscheidung negativ. „Da wir ein exponentielles Wachstum bei den Intensivpatienten in den letzten Tagen sehen können, hätte die Osterpause sicherlich wieder einige Infektionen verhindern können, die jetzt unvermeidbar stattfinden werden“, sagte eine Sprecherin der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) dem RND. „Wir hätten die Osterpause sehr begrüßt.“

Auch der Epidemiologe Timo Ulrichs äußert Kritik. „Es ist sehr schade, dass diese ‚Ruhephase‘ nun nicht mehr wie geplant umgesetzt werden wird“, sagte der Wissenschaftler gegenüber dem RND. „Auch wenn die Zeitspanne knapp bemessen und der Beginn verzögert war, stellte diese Maßnahme doch den Versuch dar, eine Trendumkehr wenigstens einzuleiten.“

„Notbremse wird nicht ausreichen“

Nun bleibe nur der Appell, sich doch genauso zu verhalten: Als gäbe es die strikten Einschränkungen für die Osterfeiertage und als wäre die Maßnahme tatsächlich in Kraft. „Noch besser wäre, mit diesen Einschränkungen im persönlichen Umfeld bereits heute zu beginnen“, mahnte der Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin. „Denn wenn wir so weitermachen wie bisher - und wir sind ja immerhin noch in einem Lockdown -, werden wir eine Bewältigung der sich aufbauenden dritten Welle nicht schaffen.“

Deutschland benötige unbedingt weitere Einschränkungen von Kontakten und Mobilität. „Notbremse und verstärkte Testaktivitäten alleine werden nicht ausreichen, und wenn wir den Zeitverzug mit einpreisen, wird die Rücknahme der Osterruhe auch zu einer Verbreiterung der dritten Welle führen, sodass die Rückkehr zu Lockerungen und Normalität noch einmal nach hinten verschoben werden wird“, prognostizierte Ulrichs. Es bleibe zu hoffen, dass die Durchimpfungsrate in den nächsten Tagen spürbar gesteigert werde.

Dritte Welle: Individuelles Corona-Ansteckungsrisiko steigt

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt laut RKI-Lagebericht vom Mittwoch bei 108,1 und steigt „sehr deutlich“. „Eine Trendumkehr“ sei in fast allen Altersgruppen zu beobachten. Aufhalten lässt sich die dritte Welle also nicht mehr – nur noch bremsen. Virologen befürchten daher, die Viruskontrolle könnte komplett entgleiten – mit Konsequenzen für jeden.

„Mit steigender Inzidenz erhöht sich unser Ansteckungsrisiko ganz allgemein“, hatte der zu Sars-CoV-2 forschende Virologe Marco Binder bereits vor den Beratungen zwischen Bund und Ländern dem RND gesagt. „Und darum ist es, gerade jetzt mit der neuen Variante, umso wichtiger, dass jeder Einzelne darauf achtet, nicht zur weiteren Ausbreitung des Virus beizutragen.“

Stärkere Infektionsdynamik als in der zweiten Welle erwartet

Datenkenner rechnen im April und Mai mit einer weitaus stärker ausfallenden Infektionsdynamik als noch während der zweiten Welle. Dafür ist vor allem – wie es auch Bundeskanzlerin Merkel mehrfach betonte – die ansteckendere und tödlichere Virusvariante verantwortlich. Durch B.1.1.7 könnten auch die erhofften saisonalen Effekte quasi „aufgefressen“ werden, warnte auch der Virologe Ulf Dittmer vom Uniklinikum Essen bereits schon.

Zudem gibt es noch zu wenig Geimpfte und damit vor Covid-19 Geschützte. Selbst wenn bis Mitte April 15 Prozent der Deutschen ihre erste Dosis bekommen würden, sei dies deutlich zu gering, um die beschleunigte Dynamik auszugleichen, berichten Mobilitätsforscher der Technischen Universität Berlin.

Lockdown-Müdigkeit? Mobilität und Kontakte auf hohem Niveau

Bleibt also die Hoffnung, dass ein Großteil der Menschen freiwillig konsequenter Kontakte einschränkt, Abstand hält, sich regelmäßig testen lässt und bei Verdacht isoliert. Im Moment geht der Trend allerdings in eine andere Richtung. Bewegungsdaten zeigen, dass Mobilität und Kontakte in Deutschland „bereits im Verlauf des Februars deutlich zugenommen haben und seitdem auf erhöhtem Niveau verharren“, sagt der Pandemiemodellierer Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich dem RND, der ebenfalls von einem deutlichen weiteren Anstieg der Inzidenz in den nächsten Wochen ausgeht.

Wie hoch genau diese ausfallen werde, sei nicht vorhersehbar und hänge stark von den Kontaktraten, der Mobilität und der Anwendung von Schnelltests ab. „Gemeldete Inzidenzwerte von 300 bis 500 bereits zu Ostern erwarten wir aber nicht“, prognostiziert der Mathematiker.

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