„Pandemie ist ein Paradies für Betrüger“: Wie sich Detektivarbeit im Lockdown verändert

Detektive

Die Detektivarbeit hat sich während der Corona-Pandemie verändert. So ist die Observation von Menschen im Lockdown eine echte Herausforderung.

von Heike Manssen

, 10.03.2021, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Eine Fotokamera steht hinter einem Baum. Detektiveinsätze sind durch den Lockdown schwieriger geworden.

Eine Fotokamera steht hinter einem Baum. Detektiveinsätze sind durch den Lockdown schwieriger geworden. © picture alliance / dpa

Der Chef war skeptisch. Der Außendienstmitarbeiter für Praxisbedarf sollte im Homeoffice Ärzte anrufen und Aufträge heranschaffen. Ja, er schickte auch regelmäßig Telefonprotokolle, doch entweder war der Kunde nicht erreichbar oder wollte nichts bestellen. Dem Arbeitgeber kam das merkwürdig vor, er beauftragte eine Detektei, die herausfinden sollte, ob der Mann wirklich zu Hause arbeitete.

Über Festnetz war er zumindest telefonisch erreichbar. Bei der Observation samt Recherche kam dann heraus, dass der Angestellte aus dem Norden Deutschlands mehrere Wochen bei den Schwiegereltern in der Uckermark weilte. Ohne wirklich zu arbeiten – und wenn, dann ging er seinem Schwiegervater zur Hand.

„Immerhin war er so clever und hat über sein Handy eine Festnetznummer gebucht“, sagt Marcus Lentz, Chef der Frankfurter Detektei Lentz, einem bundesweit agierenden Unternehmen mit etwa 60 Mitarbeitern, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Nach fünf Tagen war der Fall gelöst, „wir haben da so unsere Tricks, um herauszufinden, wo jemand ist“, so Lentz.

Untreue – kaum ein Fall für Schnüffler

Die Spurensuche für Detektive hat sich in der Pandemie verändert. Während die Detektei aus Frankfurt nach eigenen Angaben zu Beginn der Pandemie viele Anfragen von misstrauischen Arbeitgebern zum Arbeitszeitbetrug hatte, haben sich bei anderen die Auftragsinhalte gewandelt – und wieder andere Ermittler sehen ihre Fälle vollständig dahinschwinden.

Wer sich als Detektiv in der jetzigen Zeit auf Untreue und Co. spezialisiert hat, kämpft ums Überleben. Denn wie soll ein Schnüffel einem untreuen Ehepartner auf die Spur kommen, wenn Menschen im Lockdown und Homeoffice sitzen, Hotels nur noch Geschäftsreisende beherbergen und ein Treffen mit der Affäre im Restaurant unmöglich ist? Auch für Kaufhausdetektive ist die Situation schwer, wenn der Laden dicht bleibt.

„Viele aus der Branche sind mit den Nerven am Ende“, sagt Raoul Classen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Detektive, dem RND. Und auch Andreas Heim, Vizepräsident des Bunds internationaler Detektive (BID), berichtet von einer angespannten Lage. Es gebe Kollegen, die jeden Auftrag annähmen – sorgfältige Prüfung bliebe da manchmal auf der Strecke.

„Corona-Pandemie ist ein Paradies für Betrüger“

Raoul Classen hat eine eigene Detektei in Hamburg und kommt ganz gut durch die Zeit. Das liegt auch an den neuen Aufträgen. Er erzählt von Fällen, in denen er Vertriebswege für Pandemieprodukte für seine Kunden ermittele und die Verantwortlichen entlarve. Auch einen Betrug mit fehlerhaften Masken habe er aufgedeckt und abgeschlossen „Die Corona-Pandemie ist ein Paradies für Betrüger.“ Es würden sich ganz neue Ermittlungsszenarien auftun.

Abgesehen von der Auftragslage läuft Detektivarbeit derzeit unter erschwerten Bedingungen. Persönliche Treffen mit dem Auftraggeber sind tabu, jedoch für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nötig. Detektive leben außerdem von Kontakten zur ZP, also zur Zielperson, wie der zu Beschattende im Detektivjargon heißt. Gespräche im Restaurant belauschen, in der Hotellobby oder bei Veranstaltungen mithören – all das geht derzeit nicht.

Und auch die Observation – das Schwarzbrot der Ermittlungsarbeit – gestaltet sich schwierig. Neulich, so Classen, habe ihn die Polizei nachts um 2 Uhr kontrolliert, weil er ein Objekt in einem Ort beschattet habe, in dem es eine Ausgangssperre gab.

Ein an der Straße parkendes Auto fällt den Nachbarn auf

Sind die Straßen leer und alle Menschen daheim, fällt den Nachbarn ein für längere Zeit parkendes Auto am Straßenrand besonders auf. „Wir wechseln täglich unsere Einsatzfahrzeuge und melden Observationen vorsorglich bei der Polizei an“, erklärt Marcus Lentz. Andere Ermittler benutzen Kastenwagen, um Handwerkerarbeiten vorzutäuschen. Und dann gibt es auch noch dieses andere, sehr menschliche Problem.

Der kaffeetrinkende Detektiv, der sieben bis acht Stunden im Auto sitzt und in der Innenstadt ZP beobachtet, hat irgendwann mal ein Bedürfnis. Dem kann er aber nicht nachgehen, weil Restaurants, Einkaufszentren und Cafés mit Toiletten geschlossen sind. Einen Vorteil gebe es allerdings in der jetzigen Zeit: die Maske. „Damit wird man nicht so schnell wiedererkannt“, so Heim.

Wer observiert, soll möglichst schnell Beweise liefern. „Das ist die Erwartungshaltung der Kunden“, sagt Andreas Heim. Doch oft könne das gar nicht erfüllt werden. Da kann bei Tagessätzen von 800 Euro und mehr der Frust bei den Auftraggebern schon groß werden.

Anfragen von Chefs zu blaumachenden Angestellten

Zurück zum Arbeitszeitbetrug. Lentz erwartet, dass bei besserem Wetter wieder mehr Anfragen von Chefs kommen, die befürchten, dass ihre Angestellten blaumachen. „Im letzten Lockdown im Frühjahr haben sich die Leute anstatt vor dem Rechner viel draußen aufgehalten“, sagt Lentz. Im Garten, im Baumarkt, beim Grillen.

Ganz so einfach ist der Schnüffelauftrag allerdings nicht. Unternehmen brauchen von Gesetz wegen einen begründeten und konkreten Anfangsverdacht, dass der Angestellte im Homeoffice nicht arbeitet – sei es ein Hinweise aus der Belegschaft, dass der Kollege schlecht zu erreichen ist, oder die Tatsache, dass jemand über einen längeren Zeitraum schlechte Ergebnisse abliefert.

„Diesen Verdacht lassen wir uns von dem Kunden eidesstattlich versichern“, sagt Lentz. Wenn Firmen ihre Mitarbeiter willkürlich beschatten und das auffliegt, drohen teure Schadensersatzklagen. Ist ein Arbeitszeitbetrug bewiesen, droht dem Arbeitnehmer die Kündigung oder zumindest eine Abmahnung.

Wie viele private Ermittler es in Deutschland tatsächlich gibt, ist nicht genau zu beziffern. Jeder, der das Detekteigewerbe angemeldet hat, kann die Bezeichnung Detektiv führen. Es gibt keinen Berufsbezeichnungsschutz. Nach Schätzungen unter Mithilfe von Zahlenmaterial des Statistischen Bundesamtes arbeiten rund 4000 bis 5000 Menschen in diesem Bereich, mit oder auch ohne weitere Zertifizierungen.

Das Aufgabenspektrum der vielen kleinen und einigen großen Detekteien ist riesig: Es reicht von der Wirtschaftskriminalität über das Sorge- und Unterhaltsrecht bis hin zum Aufspüren von vermissten Personen, Affären oder illegaler Müllentsorgung.