Peter Handkes "Immer noch Sturm" erntet viel Beifall

Theater an der Ruhr

Viel Beifall erntete die Premiere von "Immer noch Sturm" im Theater an der Ruhr. Roberto Ciulli zeigte, dass Peter Handkes Stück mehr ist, als ein Lesedrama.

MÜLHEIM

von Von Klaus Stübler

, 29.03.2012, 18:00 Uhr / Lesedauer: 1 min
<p>Petra von der Beek als Mutter des "Ichs". <p></p>  Foto Brachwitz</p>

<p>Petra von der Beek als Mutter des "Ichs". <p></p> Foto Brachwitz</p>

Bei Shakespeare erhofft sich der wahnsinnig gewordene König Lear vom Sturm die Vernichtung allen Seins. Peter Handke bezieht sich im Titel seines Stücks "Immer noch Sturm" auf die berühmte Heideszene, hat aber nicht Shakespeares dramatische Wucht. "Immer noch Sturm" ist ruhig, ein Familienepos das vor allem als Lesedrama funktioniert. Bis jetzt. Am Mittwochabend hat Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr die Bühnentauglichkeit bewiesen: Die Premiere löste einen Sturm der Begeisterung aus.Menschen statt Zombies Der Wind reißt die Sprossenfenster im Bühnenhintergrund auf. Herein kommen die Ahnen des mit Handke weitgehend identischen "Ichs". Die verstorbenen Großeltern und deren fünf Kinder sind aber keine Zombies. Ciulli macht aus ihnen Menschen aus Fleisch und Blut. Das "Ich" hat sie herbeigerufen, um Details aus der eigenen Geschichte und der seines Volkes, der slowenischen Minderheit in Kärnten, zu erfahren. Es geht um die Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der die Slowenen ihre Sprache und Kultur verleugneten oder zu Partisanen gegen die Nazis wurden. Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben hat da einen weiß gepflasterten Weg ausgelegt, der über das Herbstlaub der braunen Vergangenheit führt.Roberto Ciulli entfaltet ländliche Familienszenen in eindringlicher Bildsprache. Rupert J. Seidl und Simone Thoma geben die knorrigen Großeltern auf der Gartenbank. Petra von der Beek ist die "Frohsinn-Mutter". Mit leidenschaftlichem Spiel macht sie aus der Rezitation von Feldpostbriefen ein Ereignis. Dagmar Geppert zeichnet den Weg der "Finsterschwester" Ursula zur fanatischen Partisanin überzeugend nach. Ein vergleichbares Gegensatzpaar verkörpern Albert Bork in der Rolle des westlich gesinnten Casanovas Valentin und Klaus Herzog als einäugiger Partisane Gregor.Das "Ich" steht im Zentrum Im Zentrum der Inszenierung steht Volker Roos als "Ich": ein Chronist mit Notizbuch und Bleistift, neugierig forschend, zuletzt mit Sezierbesteck. Wer "Immer noch Sturm" im Mai für den Mülheimer Stücke-Wettbewerb sichtet, tut gut daran, neben der Uraufführungs-Inszenierung von Dimiter Gotscheff auch Ciullis Produktion anzusehen.

Termine: 30. und 31.3., 22.4.; Karten: Tel. (0208) 5 99 01 88.

 

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