Pflegeexpertin: Einige Krankenhäuser missbrauchen Corona-Verordnung, um Kasse zu machen

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Um in der Coronavirus-Krise handlungsfähig zu bleiben, hat Gesundheitsminister Spahn die Untergrenzen für Pflegepersonal gekippt. Einige Krankenhäuser nutzen das offenbar aus, um abzukassieren.

Dortmund

, 09.03.2020, 14:36 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wegen des Coronavirus in Deutschland hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Untergrenze für Pflegepersonal in Krankenhäusern gekippt. Johanna Knüppel, die Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegebrufe (DBfK) in Berlin, wirft einigen Krankenhäusern vor, die Neuregelung auszunutzen, um Kasse zu machen.

„Es gibt Krankenhäuser – ich weiß von solchen Fällen – die haben in ihrer ökonomischen Verblendung nur darauf gewartet, dass die Personaluntergrenzen aufgehoben werden“, sagte Johanna Knüppel am Montag unserer Redaktion.

So hätten sie wegen Personalmangels geschlossene Intensivbetten wieder in Betrieb nehmen können: „Nicht, um Corona-Patienten zu betreuen, sondern um planbare, für das Haus wirtschaftlich lukrative OPs durchzuführen“, sagt sie und zitiert Pflegefachkräfte, die ihr geschrieben haben, mit dem Satz: „Die operieren, was das Zeug hält“.

„Das ist kontraproduktiv“

Eine Pflegekraft betreue dann nicht mehr, wie eigentlich vorgesehen, zwei oder zweieinhalb, sondern womöglich vier Patienten auf einer Intensivstation. „Das ist natürlich kontrapoduktiv, weil es darum gehen müsste, die Mitarbeiter jetzt nicht zu überlasten, sondern einsatzfähig zu halten.“

Spahn hatte in der vergangenen Woche die Pflegepersonaluntergrenzen außer Kraft gesetzt. Diese Untergrenzen regelten, wieviel Personal wenigstens auf bestimmten Stationen vorhanden sein muss. Sind nicht genügend Fachkräfte vorhanden, muss eine Station geschlossen werden. Das gilt aktuell nicht mehr.

Bei Anordnungen haftet der Staat

Johanna Knüppel glaubt, dass es besser gewesen wäre, nicht die Personaluntergrenzen aufzuheben, sondern die Zahl der planbaren, der elektiven Operationen wie beispielsweise Hüft-, Knie oder Bandscheiben-OPs, einzuschränken. „Das Problem: Wenn der Staat das anordnet, dann ist er auch entschädigungspflichtig. Deshalb bliebt es bei Empfehlungen“, sagt sie.

Im übrigen hätten die 2019 eingeführten Untergrenzen für Pflegepersonal nicht zu einer Qualitätsverbesserung und mehr Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter geführt, sondern im Gegenteil: „Es ist noch Personal abgebaut worden. Man hat seinerzeit das personell am schlechtesten ausgestattete Viertel der Krankenhäuser zum Maßstab gemacht. Diese schlechte Ausstattung ist dann zur Normalität und zum Regelfall geworden. Häuser, die noch besser ausgestattet waren, haben dann auch noch Personal abgebaut“, sagt Johanna Knüppel.

Pflegewissenschaftlerin: „Die Hysterie geht mir auf den Zeiger“

Prof. Dr. Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin aus Dortmund, sagt: „Die Hysterie mit dem Coronavirus geht mir auf den Zeiger, als ginge es um Lepra oder Malaria.“ Dabei würden bisher nur ganz wenige Coronavirus-Patienten in den Krankenhäusern behandelt. In den meisten Fällen reiche eine häusliche Quarantäne völlig aus. „Aber ich kann auch Herrn Spahn verstehen“, sagt Angelika Zegelin. „Wir sind doch jetzt schon an unserem Limit, haben nicht ausreichend Leute.“

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Das Gesetz zu den Pflegeuntergrenzen hätten die Politiker nur gemacht, weil nicht ausreichend Leute zur Verfügung stünden. Sie gehe davon aus, dass sich die Aufhebung der Untergrenzen jetzt am ehesten so auswirken werde, dass man Pflegekräfte nicht in den Urlaub schicke und Arbeitszeitvorgaben aufhebe. „Auf solche Situationen muss man sich in diesem Beruf einstellen. Das kommt vor.“ In den Krankenhäusern, Altenheimen sei jetzt schon die Hölle los. „Die können auf keinen verzichten“.

„Typisch deutsche Überreaktion“

Dass Krankenhäuser die Situation ausnutzen, um Intensivbetten trotz fehlenden Personals zu reaktivieren, halte sie für möglich, meint Angelika Zegelin. Sie persönlich gehe nicht davon aus, dass Hunderte von Coronakranken auf den Intensivstationen landen werden. „Es wird eher so sein, dass wir uns mit dieser Welle noch einige Wochen weiterschleppen, bis es wärmer wird.“ Sie halte den aktuellen Hype für „total überzogen“: „ Das ist ein Lehrstück, eine typisch deutsche Überrektion.“

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