Pianist Alfred Brendel sagte leise Servus

ESSEN Er will sich überall verabschieden. Nach 60 Jahren auf der Bühne. Und so zieht Alfred Brendel ein letztes Mal klavierspielend um die Welt. Am Dienstag trat er zum letzten Mal beim Klavier-Festival Ruhr auf. Vor 2000 Zuschauern in der Philharmonie Essen. Zwölf Jahre war der Grandseigneur der Tasten dem Festival verbunden.

von Von Julia Gaß

, 23.07.2008, 17:11 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein bisschen Wehmut war dabei, als Alfred Brendel 2000 Zuhörern in der Essener Philharmonie Servus sagte.

Ein bisschen Wehmut war dabei, als Alfred Brendel 2000 Zuhörern in der Essener Philharmonie Servus sagte.

Brendel, der am 5. Januar 77 Jahre alt geworden ist, war und ist einer, der alles bis ins Detail plant - auch seinen Abschied von der Bühne, die Marathon-Tour. Er reist mit eigenem Steinway, der einen besonders weichen Klang hat, mit eigenem Klavierstimmer, die Texte im Programmheft schreibt er selbst, sein Programm ist vertraut.

Ein breites Repertoire hatte der Österreicher nie: Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Bach, der lyrische Liszt. Das sind die Komponisten der Brendel-Kennmelodien Zu seinem Abschied hat der Mann, der nicht nur an den Tasten, sondern auch mit Worten stets klug nachgedacht hat über Musik, ein introvertiertes Programm zusammengestellt. - Auch mit Abschiedswerken, die aber nicht plakativ das Abschiednehmen vor sich hertragen.

Süße und Wehmut

Wie Schuberts große B-Dur-Sonate aus dem Todesjahr. Süße und Wehmut klangen aus Brendels Interpretation dieses musikalischen Vermächtnisses. Spektakulär unspektakulär war sein Spiel, in dem jede Phrase eine tiefe Bedeutung hatte und mit dem er harmonische Klangwelten und Seelenlandschaften durchschritt. Das war Brendel, der Klaviervorleser, der Gert Westphal der Tasten, der Geschichten mit Tönen erzählen kann und einer der bedeutendsten Schubert-Interpreten des 20. Jahrhunderts ist - wohl auch, weil er so lange Liedbegleiter war von Fischer-Dieskau.

Zwiesprache mit der Musik hielt der Mann der milden Poesie auch in Beethovens "Sonata quasi una Fantasia". Romantisch, ganz ohne aufschreckende Akzente. Brendel war einer der Ersten, der Beethovens Klaviersonaten komplett eingespielt hat. Vertraut wie ein Ehepartner sind ihm die Werke. Das hörte man.

Brendel, der Gralshüter der Tradition, einer der letzten Pianisten alter Schule, hört ins Innere der Musik und zwingt auch das Publikum dazu. Er war ein Publikumserzieher, der nie Scheu hatte, die Zuhörer durch die dicken Brillengläser strafend anzusehen und zu rügen, wenn sie husteten und damit die Brendel-Klangwelt attackierten.

Einer der letzten Romantiker ist der Wiener - auch im schlichten Variationensatz von Haydn, der Mozart-Sonate KV 533 und später, in drei Zugaben (Andante aus Bachs Italienischem Konzert, Liszts "Au lac de Wallenstadt" und dem Schubert-Impromptu Ges-Dur). Das war Musik von einem anderen Stern.

Jahrhundertpianist

Das Wunder der langsamen Sätze, sein berührend leises Piano, den berühmten weichen Brendel-Anschlag, Innigkeit und Seelentiefe - all damit hat er in Essen leise Servus gesagt und dem Publikum vor Ohren geführt, was es verliert. Bei den Meisterwerken ginge es darum, mit ihnen zu leben, hat jüngst Brendel gesagt. 60 Jahre hat er uns an diesem Leben teilhaben lassen. Ein Jahrhundertpianist ist abgetreten.

Im Publikum saß schon die Enkelgeneration: Lang Lang, in Jeans, mit "Lang Lang Sneaker" und selten mit ruhigem Oberkörper. Das ganze Programm hat der 26-Jährige innerlich mitgespielt. - Bei ihm hätte ganz anders geklungen. Julia Gaß