Picassomuseum erinnert an den Beginn der abstrakten Kunst

Von Malewitsch bis Kandinsky

Selten wurden künstlerische Hoffnungen so enttäuscht wie in den ersten Jahrzehnten der Sowjetunion. Und doch haben die russischen Maler, die damals die Welt neu erfinden wollten, bahnbrechende Werke hinterlassen. In Münsters Picassomuseum sind sie zu sehen.

MÜNSTER

, 22.08.2014, 19:19 Uhr / Lesedauer: 2 min
Boris Kleints »Grüner Kosmos« von 1940 wirkt wie eine Zusammenfassung aller Elemente der Kandinsky-Ära.

Boris Kleints »Grüner Kosmos« von 1940 wirkt wie eine Zusammenfassung aller Elemente der Kandinsky-Ära.

Bis 19. Oktober
Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, geöffnet bis 19. Oktober, Di bis So 10-18 Uhr, Eintritt 10 (ermäßigt 8) Euro. Das umfangreiche Katalogbuch aus dem Wienand-Verlag kostet 34 Euro.

Eine Schau über die junge Abstraktion passe sehr gut ins Picassomuseum, erläutert dessen Direktor Markus Müller. Denn Picasso trat mit der Entwicklung der kubistischen Kunst in Paris (etwa 1907 im Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“) die Entwicklung los, die zur abstrakten Malerei führte. Er zerlegte Menschen und Dinge in geometrische Formen. Die russischen Avantgardisten, die sich vor dem Krieg oft in Paris aufhielten, ließen sich davon inspirieren, gingen aber weiter. Bei ihnen führten die geometrischen Formen bald ein Eigenleben. Quadrat, Kreis und Linie lösten sich vom Gegenständlichen ab. Picasso machte das zeitlebens nicht mit. Sein Motto lautete: „Ein abstrakter Jäger fängt keinen Hasen“, so Markus Müller. Künstler wie Kasimir Malewitsch oder El Lissitzky wollten hingegen der Welt eine neue Optik verpassen. Im Überschwang nach der russischen Oktoberrevolution sahen sie eine Menschheit am Start, die sich von der Natur entfernt hatte und im Rhythmus der Maschinen lebte. Statt im Atelier für die adelige Schicht zu malen, gingen die Künstler in die Fabriken und schufen abstrakte Werke aus Industriematerialien.

Anfangs hatten sie damit großen Erfolg. Malewitsch wurde etwa Dozent an der einflussreichen Volkskunstschule im weißrussischen Witebsk. Aber die moderne Epoche der Sowjetunion dauerte nur bis Anfang der 30er-Jahre. Dann kehrte mit dem „Sozialistischen Realismus“ der staatlich verordnete Kitsch zurück. Malewitsch und seine Mitstreiter wurden kaltgestellt, die Malerin Nina Kogan kam im Arbeitslager um. Wassily Kandinsky war schon 1922 ans Bauhaus nach Weimar gegangen, musste jedoch 1933 vor den Nazis nach Paris fliehen. Viele Werke gerieten jahrzehntelang in Vergessenheit.

Im Picassomuseum kann man diese kurze Blütezeit der Kunstgeschichte packend nachvollziehen. Schon der erste Raum mit kubistischen Bildern aus der Zeit um 1914 ist ein Genuss. Die futuristische Dampflokomotive von Iwan W. Kljun, die nackte und doch geharnischte Frau von Ljubow S. Popowa oder das in allen Rottönen der Abendsonne strahlende Dorf von Aristarch Lentulow: All diese Bilder wollen mit den edlen Schönheitsidealen der klassischen Malerei brechen und schaffen dabei doch einen neuen Schönheitsbegriff, der bis heute wirkt und ältere Epochen oft übertrifft. Auch die rein abstrakten Gemälde der großen Meister bieten niemals nur eine Grammatik der Formen oder eine Feier der sozialistischen Ästhetik. Es sind Kosmen aus Planeten und Bergen oder Mikrokosmen aus Amöben und Zellkernen. Das „Verschmelzende Rosa“ von Kandinsky ist eine strenge Komposition aus Kreisen, Dreiecken und Vierecken, aber man ahnt doch blühende Baumkronen darin.

Der Kandinsky-Bewunderer Boris Kleint geht 1940 in seinem „Grünen Kosmos“ fast zu weit: Zwar ist das große Gemälde eindrucksvoll, in seiner lindgrünen Lieblichkeit voller bunter Spielzeug-Elemente aber zu gefällig. Es erinnert daran, dass auch die revolutionärste Kunst eines Tages auf Servietten und Bettwäsche landen kann. Das ist aber nicht das Fazit der unbedingt sehenswerten Ausstellung. Die junge Moderne im Picassomuseum ist modern und ansprechend geblieben, und ihre Klasse darf man in der heutigen Wiederkehr der gegenständlichen Malerei durchaus vermissen.  

Bis 19. Oktober
Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, geöffnet bis 19. Oktober, Di bis So 10-18 Uhr, Eintritt 10 (ermäßigt 8) Euro. Das umfangreiche Katalogbuch aus dem Wienand-Verlag kostet 34 Euro.

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