Prozess im Vermisstenfall Marvin: In zweieinhalb Jahren nur drei Mal vor der Tür

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Eine Polizistin schildert traurig-schockierende Eindrücke von der ersten Vernehmung des Teenagers. Die Spuren der zweieinhalbjährigen Isolation seien ihm deutlich anzusehen gewesen.

Recklinghausen/Bochum

, 08.06.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um den „Vermisstenfall Marvin“ hat der Angeklagte am Montag erstmals sein Gesicht gezeigt – allerdings nicht ganz freiwillig. Der 45-jährige Recklinghäuser hatte sich schon am ersten Prozesstag geweigert, seinen Mund-Nasen-Schutz abzunehmen – trotz Bitte von Psychiaterin Maren Losch. Nun wurde Druck gemacht.

„Wir können ihnen die Maske zwar nicht mit Gewalt abnehmen“, so Richter Stefan Culemann. „Aber wir können bis zu einer Woche Ordnungshaft verhängen.“ Das würde eine mögliche Haftzeit natürlich verlängern. Personen, die an einer Verhandlung teilnehmen, dürfen ihr Gesicht nicht verhüllen.

Verteidiger verwies auf Corona-Pandemie

Verteidiger Markus Kluck hatte zwar auf die Corona-Pandemie verwiesen, und auf das Recht eines Jeden sich zu schützen. Nach einer kurzen Unterbrechung nahm der Angeklagte die Maske dann aber doch noch ab. Zu sehen war ein leicht aufgeschwemmtes Gesicht mit Dreitagebart, das er von nun an versuchte, mit seiner rechten Hand zu verdecken.

Zweieinhalb Jahre lang soll der 45-Jährige den heute 16-jährigen Marvin aus Duisburg in seiner Wohnung an der Hochstraße versteckt und immer wieder sexuell missbraucht haben.

Entsprechend schockierend waren die Schilderungen einer Polizistin, die den Teenager im Dezember 2019 als erste vernommen hat. „Es war ein erschreckend-trauriges Bild, als er zu uns kam“, so die Polizistin vor der 8. Strafkammer des Bochumer Landgerichts. „Er lief auf Socken, hatte einen alten Herrenpullover an, er roch stark und war dreckig.“

Mit dem Angeklagten auf Decken und Kissen geschlafen

Das erste, was Marvin erzählte, war, dass er sich freiwillig beim Angeklagten aufgehalten habe. „Er hat uns gesagt, dass er die Wohnung in der ganzen Zeit nur dreimal verlassen hat – in der Nacht“, so die Vernehmungsbeamtin. „Er hatte Angst, dass er aufgegriffen wird und in die Einrichtung nach Oer-Erkenschwick zurückmuss.“

Sein Lebensmittelpunkt sei das Wohnzimmer gewesen. Dort habe er mit dem Angeklagten auf Decken und Kissen geschlafen, sonst fast immer am Computer gespielt. Und zwar immer nachts. „Er hat uns gesagt, dass er sich erst morgens um sechs hingelegt hat.“

Überfordert im Umgang mit Menschen

Die zweieinhalbjährige Isolation war nach Angaben der Beamtin nicht zu übersehen. „Er war überfordert im Umgang mit Menschen.“ Durch den Mangel an Bewegung habe er außerdem überhaupt keine Körperspannung mehr gehabt.

Fünf Jahre habe Marvin nach eigenen Angaben beim Angeklagten bleiben wollen – bis zu seinem 18. Geburtstag. Danach hätte ihm niemand mehr Vorschriften machen können. Der heute 16-Jährige soll am Mittwoch vernommen werden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.