Prozess um „Fall Marvin“: Angeklagter hat Schäden am Gehirn

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Im Missbrauchsprozess um den „Fall Marvin“ sind Details über den Gesundheitszustand des Angeklagten bekannt geworden. An seinem Gehirn scheint einiges nicht normal zu sein.

von Jörn Hartwich

Bochum/Recklinghausen

, 17.06.2020, 16:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Narben am Gehirn, eine Metallplatte an der rechten Augenhöhle: Der Angeklagte im „Fall Marvin“ muss in seinem Leben schon mehrere schwere Unfälle gehabt haben. Das hat ein Neuropathologe am Mittwoch im Prozess am Bochumer Landgericht berichtet.

Ausgangspunkt der Untersuchungen waren die Angaben des Angeklagten. Der 45-jährige Mann aus Recklinghausen hatte bei der vom Gericht beauftragten Psychiaterin von Epilepsie und einem schweren Unfall in der Kindheit gesprochen. Schon im Kindergartenalter – so seine Angaben – sei er unter einen Bus geraten und hatte am Kopf operiert werden müssen. Schädelbasisbruch. Lebensgefahr.

Schweres Schädelhirntrauma in der Kindheit?

Im Krankenhaus sei ihm damals auch eine Platte eingesetzt worden. Das sollte nun überprüft werden.

Eine Platte am Schädelknochen hat der Neuropathologe bei der Computer-Tomographie zwar nicht gefunden, dafür aber eine über der rechten Augenhöhle. Die sei aber erst vor rund zehn Jahren eingesetzt worden. Das ergebe sich aus älteren Unterlagen des St. Elisabeth Krankenhauses Recklinghausen.

Festgestellt wurden außerdem Schäden am Gehirn. Vor allem Narben am sogenannten Stirnlappen. Die könnten sehr wohl schon seit der Kindheit bestehen. Die Ursache? Möglicherweise ein schweres Schädelhirntrauma, ausgelöst durch einen Unfall. In diesem Punkt könnten die Angaben des Angeklagten also stimmen. Die Platte über der Augenhöhle müsse dagegen von einer späteren Verletzung stammen.

Kleinhirn kleiner als normal

Auffällig auch: Das Kleinhirn des Angeklagten ist nicht so groß wie es eigentlich sein sollte. Laut Neuropathologe möglicherweise eine Folge jahrelanger Medikamenteneinnahme gegen Epilepsie.

Die Verletzungen am Gehirn bedeuten nach Angaben des Sachverständigen allerdings nicht, dass auch psychologische Probleme vorliegen müssen. „Man kann aufgrund einer Schädigung des Stirnlappens keine Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen“, so der Mediziner. „Zum Beispiel, ob jemand antriebsgemindert, antriebsgesteigert oder enthemmt ist.“ Für diese Eigenschaften sei der Stirnlappen zwar zuständig, entsprechende Untersuchungen müssten jedoch von Psychiatern oder Psychologen durchgeführt werden.

Angeklagter soll mit Psychiaterin gesprochen haben

Der Angeklagte, der den anfangs erst 13 Jahre alten Marvin zweieinhalb Jahre lang in seiner Recklinghäuser Wohnung versteckt und hundertfach missbraucht haben soll, schweigt weiter zu den Vorwürfen. Im Vorfeld des Prozesses vor der 6. Strafkammer soll er sich jedoch bei einer Untersuchung durch Psychiaterin Dr. Maren Losch zu seinem Lebensweg und auch zu den Vorwürfen geäußert haben. Das ist am Mittwoch am Rande des Prozesses bekanntgeworden. Das Verfahren wird fortgesetzt.

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