Qualvoller Tod von Luis (2): Arzt schildert dramatische Zustände - „So etwas noch nie gesehen“

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Im Prozess um den Hitzetod eines zweijährigen Jungen kam am Dienstag ein Rechtsmediziner vor dem Essener Gericht zu Wort. Was er zu berichten hatte, ist kaum vorstellbar.

Essen

, 25.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Auftritt der Ärzte in Mordprozessen ist immer schwere Kost. Doch dieser Bericht ging absolut unter die Haut. Der zweijährige Junge, der im vergangenen Sommer einen qualvollen Hitzetod gestorben ist, hatte kaum noch Flüssigkeit im Körper.

„Ich bin seit über 35 Jahren als Rechtsmediziner tätig, aber so einen ausgetrockneten Körper habe ich noch nicht gesehen“, sagte Dr. Andreas Freislederer von der Uniklinik Essen. „Da war praktisch keine Flüssigkeit mehr drin.“

Alles Blut im Herzen konzentriert

Im Kampf ums Überleben habe der Körper fast alles Blut im Herzen konzentriert. Die Gliedmaße: blutleer. Die inneren Organe, die Muskeln, das Unterhautgewebe: alles ohne Blut. Wie ein Reflex ums Überleben habe der Körper die noch vorhandene Flüssigkeit zentralisiert, um es von dort in die Organe zu pumpen. „Doch das ging nicht mehr“, so Freislederer am Dienstag im Prozess am Essener Schwurgericht.

Auch der Urin des Jungen sei schon dunkelbraun gewesen. Ein Zeichen für absoluten Wassermangel. Selbst die Augäpfel waren wenige Stunden nach dem Tod des Kindes bereits tief in die Augenhöhlen getreten. „Das passiert bei Leichen normalerweise erst nach ein paar Tagen.“

Im Kinderzimmer waren über 30 Grad

Der kleine Luis war in der Nacht auf den 27. Juli 2019 in seinem Kinderzimmer an Herzkreislaufversagen gestorben. Es war die Zeit der extremen Hitze. Im Zimmer waren über 30 Grad.

Der nun wegen Mordes angeklagte Vater hatte den Jungen abends gegen 17 Uhr ins Bett gelegt. Morgens um zehn war Luis tot. Er hatte es zwar noch geschafft, aus seinem Bettchen zu klettern. Doch weiter kam er nicht. Die Türklinke in Kinderzimmer war abmontiert. „Damit er nicht herumläuft“, hieß es im Prozess.

Luis war massiv unterernährt

Es war jedoch nicht nur diese eine Nacht, die Luis das Leben gekostet hat. Laut Freislederer war der kleine Junge massiv unterernährt und hat wahrscheinlich schon mehrere Tage lang nicht ausreichend getrunken.

Monatelang hatte der Junge kaum noch zugenommen. Das ergibt sich aus den Untersuchungsunterlagen der Kinderärzte. Doch die Mediziner hatten keinen Alarm geschlagen. „Dass das nicht hinterfragt wurde, ist hanebüchen“, so Freislederer.

Einer Psychiaterin hatte der Angeklagte erzählt, dass Luis in den letzten Tagen vor seinem Tod Durchfall und Fieber gehabt habe. Er sei „knötterig“ gewesen, habe nicht essen und trinken wollen. Ernsthafte Gedanken habe er sich aber nicht gemacht.

Angeklagter glaubt, unschuldig zu sein

„Man hätte mit dem Kind frühzeitig zum Arzt gehen müssen“, so der Rechtsmediziner. Dann wäre es wahrscheinlich nicht so weit gekommen.

Der Angeklagte selbst glaubt trotzdem, nichts falsch gemacht zu haben. Noch während des Prozesses flüsterte er seinen Angehörigen im Zuschauerraum deutlich hörbar zu: „Unschuldig.“ Am Freitag soll das Urteil gesprochen werden.

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