Retten und auch sterben lassen: ein Besuch auf der Covid-Intensivstation

Coronavirus

Viele Corona-Patienten brauchen Beatmungsgeräte. Aber das ist längst nicht alles. Über den Alltag auf einer Intensivstation – und den Versuch herauszufinden, was die Schwerstkranken alles benötigen.

Berlin

23.04.2021, 07:56 Uhr / Lesedauer: 5 min
„Um einen Menschen gut behandeln zu können, müssen wir seine Geschichte kennen“, sagt Palliativmedizinerin Wiebke Nehls.

„Um einen Menschen gut behandeln zu können, müssen wir seine Geschichte kennen“, sagt Palliativmedizinerin Wiebke Nehls. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Herr W. hat das Schlimmste hinter sich, der Tubus ist aus seiner Lunge raus, er holt jetzt wieder selbst Luft. Aufrecht sitzt er in seinem Bett, ein Herr von Ende siebzig, blass und schwach noch, auf seiner Stirn ein blauer Fleck, ein Andenken ans ständige Drehen – Bauch, Rücken, Bauch, Rücken –, durch zwei Schläuche strömt Sauerstoff in seine Nase, sein Bett ist umgeben von Monitoren, Spritzenpumpen, Menschen in Schutzanzügen.

Herr W. also, so viel kann man sagen, wird Corona wahrscheinlich überleben, seine Gesprächigkeit hat er schon zurück. Aber was heißt schon „das Schlimmste hinter sich“? Da ist ja noch der Krebs, Prostata, mit Metastasen, den er nicht mehr behandeln lassen will, „die Chemo…“, sagt er und winkt ab.

Und dann wäre da die viel zu kleine Schrift auf dem Handy, sodass er nicht mal die Nachrichten seiner Ex-Frau lesen kann. „‘ne Lesebrille“, sagt er, „det wär jetzt meine Lebensrettung.“ Und dann ist da noch der Juni. Sein großes letztes Ziel. Im Juni wird sein Urenkel geboren. „Det will ick noch erleben“, sagt er. „Juni…“

Einer von gut 5000 Corona-Patienten

Eine der Personen in den Schutzanzügen an seinem Bett ist die Ärztin Wiebke Nehls, sie nimmt seine Hand, beugt sich zu ihm und sagt: „Wir tuschen Ihnen den Himmel nicht rosa. Aber wir schauen, was wir machen können.“ Herr W. nickt. Dann laufen wieder Tränen über sein Gesicht.

Herr W. ist einer von gut 5000 Corona-Patienten, die derzeit in Deutschland auf einer Intensivstation behandelt werden. Er ist also einer von denen, von denen viele Mediziner fürchten, dass sie die Intensivstationen schon bald überfordern könnten, weil die Zahl der Patienten steigt und steigt. In den öffentlichen Debatten geht es meist um Beatmungsgeräte, Betten und Pflegekräfte, viele Zahlen also. Nur um eines geht es selten: um die Menschen und das, was sie in dieser Situation am dringendsten brauchen.

Herr W. zum Beispiel, der frühere Polizist, hatte wirklich Pech. Die erste Impfung hatte er schon bekommen. Er hatte auch schon den Termin für die zweite. „Und dann erwischt et mich doch noch.“ Das Helios-Klinikum Emil von Behring im Berliner Südwesten ist eines von 16 Krankenhäusern in der Hauptstadt, in dem außer in der Charité Corona-Intensivpatienten behandelt werden. Auf der Corona-Intensivstation gibt es derzeit ausreichend Betten, von denen an diesem Tag acht belegt sind.

Etwas haben sie zu Beginn der zweiten Welle, im Herbst, schnell geändert. Auslöser war einer der ersten Covid-Patienten auf der Intensivstation, den sie Tag um Tag behandelten und alles versuchten, doch bei dem nichts anzuschlagen und der ihnen mehr und mehr zu entgleiten schien. „Wir kamen an ihn nicht ran“, erinnert sich Alexander Kreibig, leitender Oberarzt auf der Intensivstation, „und die Angehörigen konnten nicht helfen, da sie aufgrund der Mehrfachbelegung des Patientenzimmers nicht zu ihm ans Bett konnten.“

Denn auch das ist ein spezielles Problem in dieser Pandemie: Meist sind die Nächsten, wenn es sie denn gibt, ebenfalls in Quarantäne, gehören selbst zu einer Risikogruppe oder werden von Einschränkungen am Besuch gehindert. Oft sind Telefonate, in denen Basiswissen über den Patienten ausgetauscht wird, bevorzugte Fernsehprogramme, Radiosender, solche Dinge, das Äußerste an Kontakt.

„Wir sind nicht nur Behandler, sondern auch Familienersatz“

Die Vereinzelung, sie setzt sich in dieser Pandemie bis ins schwerste Stadium der Krankheit fort. Auch in Berlin-Zehlendorf. Gleichzeitig versuchen die Ärzte hier – wann immer möglich – Besuche auch auf der Intensivstation unter Einhaltung der Hygieneregeln umzusetzen. Pflegepersonal und Ärzte setzt das dennoch zusätzlich unter Druck. „Wir sind nicht nur Behandler“, sagt Kreibig, „sondern auch Familienersatz.“

In diesem Fall aber ist es der Beginn einer auf deutschen Intensivstationen noch eher ungewöhnlichen Kooperation. Wiebke Nehls, 48 Jahre, Chefärztin der Klinik für Palliativmedizin und Ge­ria­trie sowie im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, erfahren auch im Umgang mit kommunikativ kniffligen Fällen, sprach lange mit den Kindern des Patienten, bis sich herausstellte, was stets die größte Angst des Mannes war: „Bevor er ein Pflegefall geworden wäre, hätte er sich wohl eher selbst die Schläuche entfernt, so beschrieben es die Töchter.“

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Am Ende verzichteten die Ärzte auf noch mehr Intensivmedizin und den exzessiven Einsatz von Geräten, der Patient starb. Die Kinder konnten nicht dabei sein, Besuch war unmöglich. Was blieb, war eine Abschiedsfeier am Bett, auf der Sprachnachrichten der Kinder abgespielt wurden und der Song „My Way“ von Frank Sinatra lief, ein Wunsch des Verstorbenen.

Nicht alles tun, was technisch möglich ist

Für Kreibig, seit zwölf Jahren auf der Intensivstation, ausgebildet in Katastrophenmedizin, wie er selbst sagt, war es eine neue Erfahrung: „Aus der fachlichen Sicht hatten wir intensivmedizinisch versagt, denn der Patient war verstorben. Und doch bekamen wir anschließend einen langen, aufrichtigen Brief der Kinder, in dem für unsere Menschlichkeit gedankt wurde.“

Dem Patienten und seinen Angehörigen gerecht zu werden, indem man nicht alles tut, was technisch möglich ist: Das ist in der Intensivmedizin nach wie vor nicht selbstverständlich – und kann gerade in der Pandemie fatal sein.

Abschied vom Mann, der ihn 40 Jahre lang begleitet hat

Ein Donnerstag Mitte April, Raum 1.024, Dienstbesprechung auf der Corona-Intensivstation. Kreibig und Nehls sitzen in einem Raum an einem Monitor, um sie ein Kommen und Gehen von Kolleginnen und Kollegen. Es geht um Herrn R., der am Morgen verstorben ist, vor zwei Stunden, genau in dem Moment, als sein Lebensgefährte, mit dem er mehr als 40 Jahre zusammengelebt hatte, auf dem Weg in die Klinik war. „Mein Mann“, so haben sie sich genannt, „ganz selbstverständlich war das für sie“, sagt Benno Wohlatz später, der Palliativpfleger, 37 Jahre alt, der nun mit dem Partner von Herrn R. am Bett seines Lebensgefährten Abschied nahm, an diesem Morgen.

Dann geht es um Herrn H., 45 Jahre alt, am Morgen neu aufgenommen. „Kardial dekompensiert“, so referiert eine Ärztin, eine schwere Herzattacke also, dazu die Corona-Infektion, aber alles das umschreibt noch nicht das ganze Pro­blem, denn zusätzlich war Herr H. drogenabhängig und ist nun im Methadonprogramm. Was ist nun das größte Problem, das Herz, Corona, das Methadon? „Wir sind da noch am Ordnen“, sagt Palliativärztin Nehls.

Jüngster Patient ist 31 Jahre alt

Es geht um Frau H. und Frau P., die nun verlegt werden können, Herrn C., der nun in Bauchlage daliegt und ein Tracheostoma bekommen soll, einen Luftröhrenschnitt für den Tubus. „Ich glaube, den Patienten kriegen wir durch“, sagt eine Ärztin.

Und um den „Corona-Sturz“ geht es, so nennt es Wiebke Nehls, wenn die Patienten mit doppeltem blauen Auge und zerschrammtem Gesicht in die Klinik kommen, weil sie allein leben und von der Corona-Infektion irgendwann so geschwächt waren, dass sie in ihrer Wohnung gestürzt sind.

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Der jüngste Patient auf der Corona-Intensivstation in Berlin-Zehlendorf ist 31 Jahre alt. Der älteste ist Herr W., der ehemalige Polizist, mit 79. Und allen gemeinsam ist, dass Corona nicht das einzige Problem ist, das sie drückt. Dass da immer auch noch andere sind, medizinische oder soziale oder beides zusammen.

„Bis über die Grenzen unserer Kräfte gegangen“

In der Zehlendorfer Klinik haben sie die zweite Corona-Welle in voller Wucht erlebt, als im Herbst die Älteren, die Vorerkrankten, kamen. Die Hälfte von ihnen, erklärt die Medizinerin Nehls, brauche eine Palliativversorgung.

Und nun die dritte, in der die Patienten jünger werden und in der Klinik bleiben. „Wir sind oft bis über die Grenzen unserer Kräfte gegangen“, sagt Nehls. Oft seien sie abends erschöpft und auch sehr traurig und am Rande der Tränen nach Hause gegangen.

Ihre Zusammenarbeit von Intensiv- und Palliativmedizin, die Kooperation dieser in der Praxis vielleicht gegensätzlichsten medizinischen Disziplinen, verstehen sie hier auch als Chance, der Pandemie zumindest an dieser Stelle doch etwas Positives abzugewinnen. Für Alexander Kreibig und Wiebke Nehls geht die Gefahr dieser Pandemie nicht nur davon aus, dass die Betten und Beatmungskapazitäten knapp werden könnten – sondern auch davon, dass das, worum es eigentlich geht, aus dem Blick gerät.

„Wie viel Medizin braucht ein Mensch, um würdevoll behandelt zu werden?“

„Wie viel Medizin braucht ein Mensch, um menschlich und würdevoll behandelt zu werden?“, sagt Nehls. Das sei die Frage, die im Mittelpunkt stehen müsse. Und die Antwort darauf sei eben manchmal auch: nicht alles, was theoretisch möglich ist. „Um einen Menschen gut behandeln zu können, müssen wir seine Geschichte kennen“, sagt die Palliativmedizinerin. Doch genau das könne die Intensivmedizin gerade kaum leisten.

Die Geschichte von Herrn W., dem Berliner Polizisten, handelt von der Krankheit, bei der er gerade dabei ist, sie zu überstehen, vom Krebs, an dem er vielleicht sterben wird, und von seinem großen Ziel, sein Urenkelkind noch zu sehen. Und dann geht es noch um einen Wunsch, den er den Ärzten am Intensivbett mit schwacher Stimme lächelnd zuraunt: „Det kann ick jut jebrauchen“, sagt er, „det ick moralisch ein wenig ufjemöbelt werde.“

RND

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