Risikopatienten in NRW sorgen sich: „Vergesst uns nicht“

mlzCoronavirus

Was Risikopatienten in NRW über neue Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen denken und was eine zweite Infektionswelle für sie bedeuten würde.

von Stephanie Weltmann

Bottrop/Velbert

, 15.05.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Christin Beran steht eigentlich mitten im Leben. Sie ist 27 Jahre alt, sie schätzt ihre Arbeit als Erzieherin in einem Kinderheim und wollte in diesem Jahr mit ihren Eltern zu deren 60. Geburtstag in den Urlaub fahren. Stattdessen ist Christin Beran – isoliert zu Hause.

„Ich habe schweres Asthma“, sagt die junge Frau aus Velbert am Telefon. Ihre Lungenerkrankung, dazu Diabetes und eine Herzerkrankung sorgen an guten Tagen dafür, dass Beran nach 300, 400 Metern außer Atmen ist. An den Tagen der Corona-Pandemie bedeuten ihre Diagnosen, dass sich die junge lebensfrohe Frau zurückzieht: „Wenn jemand wie ich an Covid 19 erkrankt, wäre der Verlauf mit großer Wahrscheinlichkeit ein schwerer.“

Auch junge Menschen gehören zur Risikogruppe

Beran gehört zu den Menschen, über die am Anfang der Pandemie viel gesprochen wurde: Risikopatienten. Dazu werden oftmals ältere Menschen gezählt, doch auch junge mit bestimmten Vorerkrankungen sind gefährdet. Wie gehen sie damit um, dass Corona-Schutzmaßnahmen wieder gelockert werden?

Wer mit Betroffenen spricht, bekommt oft die gleiche Antwort: Das kommt zu früh. Das sagt der herzkranke Kita-Koch, der seine Töchter aus Angst vom Schulbesuch befreien lässt. Das sagt der Diabetiker aus Witten, der nur in den Supermarkt geht, wenn der Parkplatz davor leer ist, weil viel mehr gedrängelt werde. Und das sagt Christin Beran aus Velbert.

Anfeindungen im Internet

„Viele Leute haben erst in den vergangenen zwei Wochen richtig verstanden, wie alle Schutzmaßnahmen richtig umgesetzt werden und was der tatsächliche Grund für sie ist“, glaubt die 27-Jährige. Es sei zu wenig Zeit vergangen, um Schutzregeln zu verinnerlichen. „Stattdessen sieht man jetzt öfter, dass Masken verrutschen oder Abstände nicht eingehalten werden.“ Beran sagt, sie sei kein ängstlicher Mensch, aber sie schütze sich seit Wochen besonders. Als einzige Lockerung habe sie sich zugestanden, die beste Freundin zu sehen, „im Garten mit Abstand und Mundschutz“.

Christin Beran am Fenster ihrer Wohnung: Die 27-Jährige lebt seit Wochen weitgehend isoliert. Zu groß ist die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus.

Christin Beran am Fenster ihrer Wohnung: Die 27-Jährige lebt seit Wochen weitgehend isoliert. Zu groß ist die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus. © Christof Köpsel/FUNKE Foto Services

Sie bemängelt, dass die Sorgen der Risikopatienten zu wenig gehört würden, vielfach die Wertschätzung für sie und ihre Nöte fehle. Fremde hätten ihr im Internet vorgeworfen, Risikopatienten seien Schuld am Lockdown. „Da wird uns vorgeschlagen, wir könnten uns doch monatelang isolieren „, erzählt Beran und ärgert sich. „Haben Risikopatienten kein Anrecht auf Freiheit?“ Beim Ärger belässt sie es nicht: Beran hat mit Gleichgesinnten eine Initiative gegründet, die schon früh fürs Maskentragen zum Schutz anderer geworben hat.

Sie habe Verständnis für die Unternehmer und Betriebe, die auf Lockerungen gedrängt haben, sagt Beran. „Geschäfte müssen Geld verdienen und die Menschen arbeiten.“ Sie wolle nichts anderes: „Ich kann meiner Arbeit erst wieder nachgehen, wenn die Infektionszahlen stabil sind.“ Sonst sei es für sie zu gefährlich. „Ich bin darauf angewiesen, dass sich die Leute vernünftig verhalten.“

Selbst wichtige Untersuchungen werden aufgeschoben

So wie Hasan-Ali Bayram. Der 37-Jährige will nicht öffentlich über seine Diagnosen sprechen, er ist mehrfach schwer erkrankt. „Mein Immunsystem ist zu schwach für dieses Virus“, sagt er.

Freunde sieht der Sozialversicherungsfachwirt aus Bottrop deshalb seit zwei Monaten nur noch durchs Fenster, wenn sie Einkäufe bringen, selbst wichtige Untersuchungen in der Klinik verschiebt er so lange, bis es nicht mehr geht. Er habe Angst, auch um seine pflegebedürftige Mutter. Sie wohnt mit ihm im Haus und gehört mit 72 Jahren selbst zur Risikogruppe. „Wenn sie sich mit dem Virus infiziert, ich könnte sie nicht einmal im Krankenhaus besuchen.“

Ratlos machten ihn die Bilder von Anti-Corona-Demonstrationen. „Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen so aufregen. Die Einschränkungen waren nicht so gravierend, wir konnten in den Supermarkt, spazieren gehen, vieles war machbar.“

Appell: Haltet euch an die Regeln

Die Lockerungen kommen Bayram nicht nur zu früh, er hält sie für trügerisch und damit gefährlich. Wenn nach und nach immer mehr Schutzmaßnahmen zurückgenommen würden, so seine Sorge, glaubten bald viele, dass die Pandemie überstanden sei. „Die Menschen werden leichtsinnig und wir bekommen eine zweite Infektionswelle.“ Er appelliert eindringlich an seine Mitmenschen: „Denkt an uns. Schüttelt keine Hände, haltet die Abstände und Hygieneregeln ein.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt