Rockkonzert im Museum – Ausstellung wird zum Live-Erlebnis

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Das Rock’n’Popmuseum in Gronau ist alles andere als eine Kunstgalerie. Dank moderner Technik tauchen die Besucher in die Rock- und Popgeschichte ein. Der Besuch wird so zum Live-Erlebnis.

15.09.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Gewöhnlich ist anders. In neuem Gewand beschreitet das Rock‘n‘Popmuseum in Gronau seit Ende 2018 multimediale Wege. Die Musikgeschichte wird so zu einem Erlebnis für die Ohren, das weit über die Informationen eines üblichen Audio-Guides hinausgeht.

„Manch ein Fan wird regelrecht von der Ehrfurcht gepackt“, erzählt Thomas Albers, Leiter des Rock‘n‘Popmuseums. Die Fans verharren hier vor der Vitrine der deutschen Kult-Rockband Ton Steine Scherben. Hinter dem Glas verbirgt sich – in Bronze gegossen – die Totenmaske von Rio Reiser, Frontmann, Sänger und Texter der Band.

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„Wir wollten nie ein reines Kunstmuseum oder eine Bildergalerie sein.“

„Schreibt die Parole an jede Wand – Keine Macht für Niemand“, schallt es aus den Kopfhörern, die jeder Besucher am Eingang erhält. Ein Song, der Rio Reiser berühmt machte. Die Kopfhörer sind im Ticketpreis inbegriffen und für das „Abenteuer Rock‘n‘Popmuseum“ unentbehrlich.

„Wir wollten nie ein reines Kunstmuseum oder eine Bildergalerie sein“, schildert Thomas Albers das Konzept des Museums, das 2004 seine Heimat auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau gefunden hat. Zwischen 2017 und 2018 schloss das Rock‘n‘Popmuseum seine Türen für ein ganzes Jahr. „Die Technik in der Dauerausstellung war veraltet.“ Die Zeit haben die Betreiber genutzt und alles auf den Kopf gestellt.

Die Audio-Guides erkennen, an welcher Stelle der Ausstellung sich die Besucher befinden, und spielen die entsprechende Musik. Auch weiterführende Informationen oder Interviews mit den Künstlern sind auf dem Audio-Guide abrufbar.

Die Audio-Guides erkennen, an welcher Stelle der Ausstellung sich die Besucher befinden, und spielen die entsprechende Musik. Auch weiterführende Informationen oder Interviews mit den Künstlern sind auf dem Audio-Guide abrufbar. © Julia Knop

Zu den essenziellen Veränderungen gehört die Verlagerung der Dauerausstellung vom Keller ins Erdgeschoss. Auf jetzt 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche hangeln sich die Besucher von Themeninsel zu Themeninsel und erkunden die Entwicklung der modernen Musikgeschichte: Von der Intimität früher Jazzclubs über die beinahe psychedelische Erfahrung des Woodstock-Festivals hin zu den ausverkauften Stadiontourneen der Weltstars wie Michael Jackson.

Udo Lindenberg verspricht „Flut geiler Musik“

Gleich zu Beginn der Ausstellung wird jeder Besucher von Gronaus Ehrenbürger Udo Lindenberg in Empfang genommen. In seiner unnachahmlichen Art verspricht die deutsche Rock-Ikone per Videobotschaft eine „Flut geiler Musik“. Rock sei nicht nur Musik, sondern ein Lifestyle. Und wem sollte man Glauben schenken, wenn nicht ihm?

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„Für das Intro haben wir drei Stunden mit Udo gedreht“, verrät Thomas Albers. In der neu konzipierten Dauerausstellung findet der Sohn der Stadt Gronau mehr Platz als zuvor: „Die Würdigung wird ihm und seiner beispiellosen Karriere nun gerecht; das erfreut auch unsere Besucher.“ Den stilechten Hut und die Sonnenbrille hat Udo Lindenberg dem Museum persönlich gestiftet.

Udo Lindenberg, Sohn und Ehrenbürger der Stadt Gronau, ist dem Rock‘n‘Popmuseum eng verbunden. Er stiftete nicht nur sein Bühnenoutfit, sondern begrüßt jeden Besucher per Videobotschaft.

Udo Lindenberg, Sohn und Ehrenbürger der Stadt Gronau, ist dem Rock‘n‘Popmuseum eng verbunden. Er stiftete nicht nur sein Bühnenoutfit, sondern begrüßt jeden Besucher per Videobotschaft. © Julia Knop

Der Vorhang öffnet sich und gibt die Ausstellung preis, deren ganzes Ausmaß erst jetzt wirklich zum Vorschein tritt. Lautsprecher, Verstärker und Monitore sind aufeinander getürmt, von der Decke hängen die Stahlgerüste mit der Lichtanlage und vier großen Leinwänden. Der Eindruck einer Konzerthalle lässt sich nicht leugnen. „Wir nutzen den ganzen Platz und die ganze Höhe aus, die wir zur Verfügung haben“, so Albers.

Keine zwei Meter in der Ausstellung begegnet den Besuchern schon der Urvater des Rock‘n‘Roll, Chuck Berry, und die Audio-Guides setzen ein. Neben Erläuterungen zu den Exponaten bieten sie vor allem eines: Musik.

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Der Song „Roll over Beethoven“ gilt als einer von Chuck Berrys ewigen Klassikern und dürfte in diesen Zeiten wortwörtlich verstanden werden. Die für dieses Jahr geplante Sonderausstellung „Ludwig lebt! Beethoven im Pop“ musste wegen der Corona-Pandemie kurzerhand gekippt werden. Ihr Start ist auf den 21. März 2021 verlegt worden.

Wie bei so vielen anderen auch hat Corona die Pläne des Rock‘n‘Popmuseum über den Haufen geworfen, weswegen Thomas Albers im nächsten Jahr mit gleich zwei Sonderausstellungen aufwarten kann. Ab Oktober 2021 widmet sich das Museum dem „Last Guitar Hero“ Eddie Van Halen.

Auch die Exzesse der Punk-Musik sind Teil der Ausstellung im Rock‘n‘Popmuseum.

Auch die Exzesse der Punk-Musik sind Teil der Ausstellung im Rock‘n‘Popmuseum. © Hendrik Bücker

Dass der Sprung von Beethoven zu Van Halen gar nicht so weit ist, wie manch ein Besucher denken mag, zeigt bereits heute die Dauerausstellung, denn sie ist alles andere als eine chronologische Reise, wie der Museumsleiter erklärt: „Wir wollen erfahrbar machen, wie die Musikrichtungen entstanden sind und welche gesellschaftspolitischen Entwicklungen dazu beigetragen haben.“

Die ausgestellten Exponate reichen von einmaligen zeithistorischen Stücken bis hin zu Kuriositäten: eine Mundharmonika von Bob Dylan, Elvis‘ Militäruniform oder der Schminkkoffer von Ace Frehley. Unterstrichen durch die Musik hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck. Und hier gibt es einen besonderen technischen Kniff: Der Audio-Guide lässt kein Band ablaufen, sondern reagiert auf Bewegungen.

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Begehbare und interaktive Klanglandschaften

Wie das funktioniert, zeigt Thomas Albers: „Oben auf den Kopfhörern befindet sich ein Sensor, zu erkennen an der kleinen grünen LED-Leuchte. Dieser gibt die genaue Position des Besuchers in der Ausstellung an unser System weiter. Wie ein GPS in klein.“ So registriert der Audio-Guide auf welcher Themeninsel und vor welcher Vitrine sich der Besucher befindet und spielt die entsprechende Musik, Informationen oder Interviews ab. Begehbare und interaktive Klanglandschaften nennt das Rock‘n‘Popmuseum diese audiovisuelle Ausstellungsbegleitung.

Bewegt sich der Besucher weiter, ändert sich auch das Programm. Und das in Stereo. Dreht er sich weg, ist die Musik nur noch auf dem, der Vitrine zugewandten, Ohr zu hören. So kann selbst der Laie zuordnen, von welchem Künstler die Musik stammt, die ihm abgespielt wird.

Im museumseigenen Café Backstage können die Besucher die zahlreichen Eindrücke bei einem Kaffee sacken lassen.

Im museumseigenen Café Backstage können die Besucher die zahlreichen Eindrücke bei einem Kaffee sacken lassen. © Julia Knop

Wer nach Gronau kommt, sollte eines mitbringen: Zeit. Denn die Exponate im Zusammenspiel mit der Musik lassen sich nicht genießen, wenn man eiligen Schrittes durch die Ausstellung huscht. Stattdessen laden die Musikstücke dazu ein, vor den Exponaten zu verweilen und sie auf sich wirken zu lassen.

So gewinnt die Gitarre von George Harrison eine völlig neue Dimension, wenn sie mit den Klängen vom Album Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band unterlegt wird. Wie das Konzeptalbum der Beatles in den berühmten Abbey Road Studios Form annahm, erfährt der Besucher dank eines aufgenommenen Interviews mit dem mittlerweile verstorbenen Produzenten Sir George Martin.

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Effektreiches Live-Erlebnis

Dessen Ausführungen werden jedoch jäh unterbrochen. Plötzlich verstummen die Kopfhörer, das Licht geht aus und die Bildschirme sind tot – alle Technik fährt runter. Ein lautes Rauschen und die Blicke richten sich nach oben. Auf den vier Leinwänden läuft ein Countdown, gesprochen von Udo Lindenberg.

Bei null angekommen, bricht es aus den Lautsprechern los. Über die Leinwände werden alle Museumsbesucher in ein Konzert hineingeworfen. Wer mag, kann den typischen Duck-Walk vom AC/DC-Gitarristen Angus Young nachahmen oder gemeinsam mit Herbert Grönemeyer in das Steigerlied einstimmen.

Das legendäre Studio der deutschen Band Can wurde in Köln-Weilerswist ab- und im Keller des Gronauer Rock‘n‘Popmuseums wieder aufgebaut.

Das legendäre Studio der deutschen Band Can wurde in Köln-Weilerswist ab- und im Keller des Gronauer Rock‘n‘Popmuseums wieder aufgebaut. © Julia Knop

„Wir wollten ein effektreiches Live-Erlebnis kreieren“, sagt Thomas Albers. „So entstand unser Pop-Himmel.“ Dieser öffnet sich alle 30 Minuten für bis zu drei Minuten und versetzt die Besucher in verschiedene Konzertmitschnitte. Danach kann die Museumstour fortgesetzt werden – als wäre nichts gewesen.

Ein Platz in der Ausstellung ist übrigens noch leer, aber längst verplant. „Der ist reserviert für Golden Earring“, verrät Thomas Albers. So nah an der Grenze gelegen, achtet das Museum darauf, den Anteil niederländischer Künstler zu erhöhen.

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Die deutschen Besucher lädt hingegen das benachbarte Enschede zu einem kurzen Abstecher ein. Der Tag im Museum lässt sich aber auch mit einem Ausflug zum nahe gelegenen Drilandsee kombinieren, empfiehlt Thomas Albers.

Das Museum selbst ist ebenfalls in ein Naherholungsgebiet eingebettet. Auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau befinden sich unter anderem eine Kletterwand oder die Möglichkeit Ruderboot zu fahren. Einkehren lässt sich außerdem im museumseigenen Café Backstage. Der Mix aus zusammengewürfelten Tischen und Stühlen auf ausgedienten Perserteppichen verleiht dem Café einen ganz eigenen Charme.

Das Rock‘n‘Popmuseum ist von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, geöffnet. Erwachsene zahlen 9,50 Euro Eintritt, Kinder bis sechs Jahre frei. Der ermäßigte Eintritt liegt bei 7 Euro. Tel.: (02562) 81 480, Udo-Lindenberg-Platz 1, 48599 Gronau, www.rock-popmuseum.de.
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