"Schnauzen schnattern unentwegt"

"Dû bist mîn, ich bin dîn. / des solt dû gewis sîn." Viel mehr bleibt in den meisten Köpfen nicht hängen vom größten deutschen Dichter des Mittelalters. Jetzt beweist die RuhrTriennale, wie interessant Walther von der Vogelweide wirklich ist.

von Von Karsten Mark

, 21.09.2007, 14:55 Uhr / Lesedauer: 1 min
<p>Sanda Weigl singt Walther von der Vogelweide.  Foto Kneffel</p>

<p>Sanda Weigl singt Walther von der Vogelweide. Foto Kneffel</p>

Im Deutschunterricht ist Walther von der Vogelweide eher eine Randerscheinung. Und das kurze naive Liebesgedicht - "dû bist beslozzen / in mînem herzen; / verlorn ist das sluzzelîn" hat er höchstwahrscheinlich gar nicht verfasst.

"Schlüsselein" stammt nicht von Walther

Sängerin Sanda Weigl und Komponist Anthony Coleman lassen sich den Gag ebenfalls nicht entgehen. Aber ihre Version ragt in ihrer überspitzten Naivität so deutlich aus den anderen "Songs" hervor, dass garantiert keiner ihrer Zuhörer mehr den großen Walther für das kleine Stück mittelalterlicher Triviallyrik verantwortlich machen wird.

Weigl und Coleman widmen dem Dichter zur RuhrTriennale eine musikalische Hommage - allerdings nicht mit Drehleier und Kniegeige, sondern in moderner, nur dezent historisierender Vertonung.

Die Texte sind noch aktuell

"Yesterday?s tomorrow" - "früher ist jetzt", überschreiben sie ihre knapp 80 Minuten lange Revue mit Walther-"Songs" und wollen damit sagen: "Damals fühlten sie das Gleiche, wie wir es jetzt tun." Bei der Natur- und Liebeslyrik mag das nicht allzu sehr überraschen. Wenn es aber um die Streit-Kultur am königlichen Hofe geht, dann sind die Parallelen zur heutigen Mediokratie doch erstaunlich: "Die Schnauzen schnattern unentwegt, / und sänge jener noch so gut, / es hilft ihm alles nicht die Spur, / sie fallen ihm ins Wort: / "Ich und du und noch ein Tor, / wir gröhln ihm unser Lied ins Ohr, / so laut, wie nie ein Mönch im Chor / gesungen hat zuvor."

Jazz-Klänge und Chansons

Die musikalische Umsetzung geschieht so humorvoll wie textnah. Coleman ist unverkennbar Jazzmusiker mit Neigung zu Ethno-Grenzgängen. Sanda Weigl trägt ihre Walther-Songs schön nuanciert im Chanson-Stil vor. 

Am Samstagabend (22.9.) noch einmal, 20 Uhr, PACT Zollverein.

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