Schnitzeljagd oder Aerobic - Museen und Theater in NRW bieten Corona-Programm

Kultur

Theater und Museen sind zu. Das Publikum surft im Internet - und findet dort überraschende Angebote. Die Corona-Pandemie lässt bei allen Schattenseiten die Ideen für Neues sprudeln.

Düsseldorf

von Dorothea Hülsmeier, Ulrike Hofsähs

, 25.01.2021, 07:06 Uhr / Lesedauer: 4 min
In der Corona-Pandemie leiden Museen und Theater hart unter den Schließungen. Doch die Krise hat auch der Kreativität im Netz einen gewaltigen Schub gegeben. (Symbolbild)

In der Corona-Pandemie leiden Museen und Theater hart unter den Schließungen. Doch die Krise hat auch der Kreativität im Netz einen gewaltigen Schub gegeben. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Aerobic für zu Hause statt Ballett auf der Bühne, Schriftsteller Florian Illies philosophiert über die Wolkenbilder von Caspar David Friedrich, ein Schauspieler experimentiert mit alten Tonbändern: In der Corona-Pandemie leiden Museen und Theater zwar hart unter den Schließungen. Doch die Krise hat auch der Kreativität im Netz einen gewaltigen Schub gegeben. Ob Live-Führungen, digitale Schnitzeljagden oder 80.000 Kunstwerke im Internet - in der Zeit des winterlichen Lockdowns muss niemand auf Kultur verzichten.

Täglich zehn Minuten Fitness von Aerobic bis Zumba

Mit einem eher sportlichen Angebot für die Menschen im Homeoffice überrascht das Landestheater Detmold: Dort bieten die Tänzer des Ballettensembles ab dem 8. Februar täglich zehn Minuten Fitness von Aerobic bis Zumba an. Um sechs Uhr morgens geht es los. Im Februar lesen Schauspieler im Live-Stream Abitur-Stoffe. Wer es gruselig mag, kann am 19. Februar über Zoom am Werwolf-Spieleabend teilnehmen.

Viele Museen gehen seit langem digital auf ihr Publikum zu, aber im Lockdown geht noch mehr. In der neuen Sammlung Online des Museums Folkwang in Essen sind inzwischen mehr als 80.000 Werke veröffentlicht, die vorzeitig beendete Keith Haring-Schau ist in „Video-Spotlight-Führungen“ im Netz zu sehen.

Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf ist die Ausstellung zu Caspar David Friedrich zwar geschlossen, aber in Zoom-Videos erklärt der Kunsthistoriker und „Wolkenpapst“ Florian Illies die „überirdischen Ansichten“ des Malers. Eine andere Ausstellung, „Empört Euch“!“, war nur vier Tage zu sehen, bis der Lockdown kam. Jetzt steht sie als virtueller Rundgang im Netz.

Live-Führungen im Internet und Online-Zeichenkurse

Das Kunstmuseum Bonn hat für eine Ausstellung zum Expressionisten Alexej von Jawlensky Live-Führungen im Internet entwickelt, „die vom Publikum begeistert angenommen werden“, wie Museumsintendant Stephan Berg erzählt. „Die einzige große Schwierigkeit bei der digitalen Vermittlung besteht bei uns momentan darin, dass diese Filmformate relativ viel Geld kosten, wenn sie professionell rüberkommen sollen.“ In der Bundeskunsthalle in Bonn sind zur Zeit Online-Zeichenkurse zur ebenfalls geschlossenen Max-Klinger-Ausstellung beliebt: Erst waren es 20 Teilnehmer, inzwischen sind es 80.

Auch im Von der Heydt-Museum in Wuppertal wird das digitale Angebot häufiger genutzt. „Die Menschen vermissen das Museum“, sagt Museumsdirektor Roland Mönig. Das Haus hat im Netz eine Gesprächsreihe mit Museumsdirektoren gestartet.

Museen als „Rettungsinseln“

Die Kunstsammlung NRW hat den Lockdown genutzt, um das stark beschädigte Gemälde der amerikanischen Malerin Helen Frankenthaler „Cross“ zu restaurieren. Das gesamte Ausstellungsprogramm der Landesgalerie ist ins Netz gewandert. Zum Finale der Thomas Ruff- Ausstellung gibt es am 7. Februar ein mehrstündiges Live-Symposium im Netz.

Museen könnten gerade in der Krise eine wichtige Funktion erfüllen, sagte Kunstsammlungs-Direktorin Susanne Gaensheimer kürzlich der Süddeutschen Zeitung“. „Wir könnten Rettungsinseln sein.“ Trotz Lockdowns „steht das Museum nicht still“, erzählt eine Sprecherin des Museums Folkwang.

„Lockdown verursacht sogar mehr Arbeit“, heißt es im Museum Ludwig in Köln. In einem Podcast führt das Museum hinter seine Kulissen. Kuratoren und Leute vom Wachdienst erzählen von ihrer Arbeit.

Schließung als Chance

Von Leerlauf in Corona-Zeiten kann auch in den LWL-Museen in Westfalen-Lippe keine Rede sein. Infotafeln werden erneuert und Maschinen und Fahrzeuge der Museen werden für Probeläufe angeworfen. Aufsichtskräfte beteiligen sich an Instandsetzungsarbeiten. Einige von ihnen helfen auch in den LWL-Kliniken, Wohnheimen und Verwaltung. Das Literaturzentrum Burg Hülshoff hat online 27 „Care-Pakete“ aus Kunst und Kultur zusammengestellt. Das LWL-Römermuseum in Haltern nimmt mit auf eine digitale Live-Führung als „Schnitzeljagd“.

So schmerzlich die Schließung sei, berge sie auch die „Chance, unsere digitale Präsenz und Sichtbarkeit weiter zu verstärken und neue Vermittlungsformate zu entwickeln, um die Menschen auch zu Hause zu erreichen“, sagt LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger. Die Schließungen haben aber auch Schattenseiten, wie etwa Kurzarbeit, berichten einige Häuser. Und der Lockdown produziert auch Verluste - allein 10.000 Euro pro Tag sind es im Kunstpalast.

Probenbetrieb im Theater läuft weiter

Auch die Theater sind ins Netz gewandert. Doch der Probenbetrieb läuft weiter - in der Hoffnung, dass der richtige Vorhang irgendwann wieder aufgehen darf. „Die Grundstimmung ist melancholisch und ein wenig traurig“, beschreibt der Düsseldorfer Intendant Wilfried Schulz die Gemütslage. „Wir arbeiten und wir proben auch, aber man weiß im Augenblick nicht, wann die Produktionen dann das Licht der Welt erblicken.“

Mit Live-Streamings tummeln sich viele Bühnen im Netz. Im Bochumer Schauspiel werden Aufführungen als „Geistervorstellungen“ im leeren Schauspielhaus gespielt und in die Wohnzimmer gestreamt. Danach sind die Vorstellungen nicht mehr abrufbar, „um die Einmaligkeit des Theatererlebnisses ein Stück weit zu bewahren“, sagt Sprecher Alexander Kruse. Parallel läuft ein Live-Chat, der ein Gemeinschaftsgefühl wie im richtigen Theater schaffen soll.

Auch das Theater Dortmund produziere gerade „eine Aufzeichnung nach der anderen fürs Netz“, sagt Sprecher Alexander Kalouti. Mitschnitte aus der Zeit vor der Pandemie fänden ebenfalls ein Online-Publikum.

Ausgewählte Produktionen streamt auch die Deutsche Oper am Rhein und stellt sie in Kooperation mit dem europäischen Opernnetzwerk Operavision im Netz kostenlos zur Verfügung. Händels „Xerxes“ avancierte 2020 mit über 100.000 Online-Zuschauern zur erfolgreichsten Netz-Aufführung. Die derzeitige Produktion von Victor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“ erreichte bereits mehr als 10.000 Zuschauer weltweit.

Geheimtipp: Podcast „Lost and Sound“

„Die Ideen sprudeln vielfältiger“, sagt Intendant Schulz vom Schauspielhaus Düsseldorf. „Das Netz eröffnet einen neuen Freiraum und Spielraum.“ Der Geheimtipp im Schauspielhaus ist derzeit der Podcast „Lost and Sound“. Schauspieler André Kaczmarczyk hat Hunderte alte Magnettonbänder des Theaters vor der Entsorgung im Müllcontainer gerettet - beschriftet mit Namen von Inszenierungen und Schauspielern längst vergangener Zeiten.

Erst im Lockdown fand er Zeit, die jahrzehntealten Bänder abzuhören: Sprechchöre, Ute Lemper, Grillenzirpen, Türenknarren, Grillenzirpen. Alle zwei Wochen hält er nun im Podcast eine neue Überraschung bereit. Ein Fan kommentiert auf der Website: „Wenn es etwas Positives an Corona gibt, dann dass es Zeit für diesen wunderbaren Podcast gibt.“

dpa

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