"Schoßgebete" von Charlotte Roche - vier Leserinnen, vier Meinungen

Roman provoziert

Ihr Erstlingswerk brachte eine gesellschaftliche Debatte über die Grenzen des guten Geschmacks in Gang. Nun ist der zweite Roman von Charlotte Roche (33) erschienen – und der Titel verspricht, womit „Schoßgebete“ nahtlos an seinen Vorgänger „Feuchtgebiete“ anknüpfen möchte. Wir haben vier Frauen gebeten, das Buch zu lesen und für uns zu besprechen.

16.08.2011, 15:15 Uhr / Lesedauer: 4 min
Autorin Charlotte Roche: Auch ihr neues Buch »Schoßgebete« sorgt für Gesprächsstoff und Diskussionen.

Autorin Charlotte Roche: Auch ihr neues Buch »Schoßgebete« sorgt für Gesprächsstoff und Diskussionen.

Von den Sex-Fantasien einer 18-Jährigen verlagert sich der Blick im neuen Roman auf die Sex-Fantasien einer Anfang 30-jährigen Familienmutter. Die Hauptfigur Elizabeth findet im ausschweifenden Liebesleben einen Weg, verschiedene Probleme zu bewältigen: Ein Unfalltrauma, bei dem drei Brüder starben; die verhasste feministische Mutter, den Vaterkomplex. Außerdem glaubt sie mit gutem Sex ihren Mann für ewig an sich zu binden. Elizabeth hat autobiographische Züge, daraus macht Charlotte Roche kein Geheimnis. Der Roman hat Diskussionen ausgelöst. Soll man das Buch kaufen oder nicht?Dagmar Hornung (23), Studentin aus Dortmund: Weil Erotik im 21. Jahrhundert nicht mehr schocken kann, "normaler" Sex kein Aufreger-Potential mehr besitzt, setzt Charlotte Roche auch erneut gezielt auf Ekel - um wenigstens ein starkes Gefühl beim Leser auszulösen. Ekel fasziniert, macht interessant. Ob er ein Buch lesenswert macht? Daran scheiden sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Geister. Frau Roche als die Tabubrecherin schlechthin zu heroisieren zeigt auf, wie schnell wir vergessen. Mit einer Heizdecken-Liebesszene beginnt "Schoßgebete" so ungestüm, wie man es nach "Feuchtgebiete" erwartet. Man ahnt: Die Hauptfigur ist reifer. Nicht so, wie beim Stichwort Heizdecke zu erwarten, aber immerhin Familienmutter, Anfang 30. Die Heizdecke ist der derben Komik geschuldet, die den Roman streckenweise auflockert. Elizabeth hat viele Probleme, die sie im wilden Liebesleben kanalisiert. Das liest sich wie ein offenes Buch, das den Aufmerksamen einlädt, der kaputten Psyche einer äußerlich starken, innerlich verstörten Frau auf den Grund zu gehen. Elizabeth plagt Verlustangst um ihren Mann, ihr eigenes Leben, das sie nur für ihre Tochter lebt. In ihr steckt viele Charlotte Roche, daraus macht die Autorin keinen Hehl. Leider schafft sie kein rundes Ende: Der Leser wird ohne totale Auflösung zurückgelassen. Kann das Konzept "Sex als Kompensation" nicht verstehen. Es bleibt der Verdacht, dass Sexszenen wahllos eingeführt wurden - um voyeuristische Erwartungshaltungen zu bedienen.  

Laura Reinker (29), Lehrerin aus Münster:

"Fick dich Leben, fick dich Tod, ich werde schon mit euch beiden fertig." Mit dieser Kampfansage stürzt sich Hauptfigur Elisabeth in den Alltag. Elisabeths Gedanken rasen wie ein D-Zug und springen von der einen Paranoia zur nächsten. Komisch, kurzatmig und rastlos lebt sie ihr Leben der Extreme: Mutter und Hure. Eine ständig wummernde Geilheit, Puffbesuche mit ihrem Mann, die Theorie, wie sie in ihre kleine Tochter Gemüse reinkriegt und was testamentarisch für ihr Ableben alles noch so geregelt werden müsste, gehen nahtlos ineinander über.

Alles wird bis ins kleinste Detail beschrieben. Der kleine Riss in der Decke über ihrem Bett und der Plan, wie man sich und Familie möglicherweise beim Einsturz des Hauses retten könnte, und wer dabei eventuell auf der Strecke bleiben würde. Dass man auch an die Umwelt denken sollte. Wie geil sie ihrem Mann "einen blasen" kann. Wie schnell ihre Gedanken von einem zum anderen Problem springen.

Eine kurzweilige Lektüre für jedes Wetter. Nachhaltig? Nicht im geringsten. Obwohl ich mich gestern dabei ertappt habe, wie ich ebenfalls beim Zwiebelschneiden die Zunge leicht rausgestreckt habe, um Zwiebeldämpfe vom Feuchtgebiet Augen in Richtung Mund umzuleiten. Ja, es hat geklappt. Vielleicht waren die Zwiebeln auch schon älter. Ich werde das aber noch herausfinden.Christiane Köhne (44), Heilpraktikerin im Bereich der Psychotherapie aus Dortmund:

Auf voyeuristische Art nimmt die Ich-Erzählerin uns mit in ihr Eheleben. Wir dürfen mit ihr auf die Toilette gehen, etwas über ihr Poloch mit Würmern erfahren und natürlich, last but not least, das Ehebett mit ihr teilen. Wir dürfen hautnah in jede Ritze schauen, mit lecken und mit schlecken, eben das ganze Programm.

Bis dahin fragt sich der Leser, was das eigentlich soll. Doch wer bis Seite 92 das Buch noch nicht zur Seite gelegt hat, merkt, dass sich irgendetwas verändert. Die Autorin schreibt von einem traumatischen Ereignis, das mit ihrer Hochzeit und dem Tod von drei geliebten Menschen zu tun hat. So langsam dämmert es einem, warum die Ich-Erzählerin sich in sexuelle Praktiken flüchtet. Nur in dem Zustand der Lust und der Befriedung kann diese für einen kleinen Moment in ihrem Leben, dem ständigen Gedanken grübeln, Schuld an dem Tod der Menschen zu sein, entfliehen. Depressionen, Ängste, Magersucht - alles drin. Der Schreibstil ist ordinär, provokant, aber vielleicht auch Mittel zum Zweck, hat sich das Erstlingswerk "Feuchtgebiete" dadurch bestens verkauft.

Wenn Sie Lust haben sexuelle Spielchen im Analbereich kennen zu lernen, oder Sie schon immer wissen wollten wie so ein Dreier in einem Bordell abgeht, dann greifen Sie zu, ansonsten lassen Sie es lieber bleiben.

Annika Ruhfaut (27), Projektredakteurin in der Chefredaktion aus Dortmund:

Mir reicht es schon nach den ersten zwanzig Seiten. Hauptfigur Elizabeth im Bett mit ihrem Mann, Charlotte Roche schildert den Sex in wirklich allen Einzelheiten. Unerträglich ist dabei nicht einmal die Pornografie der Szene - das mag jeder anders empfinden -, sondern die grenzenlose Selbstdarstellung der Autorin. Die hält nicht hinterm Berg damit, dass ihr neues Buch zumindest autobiografische Elemente enthält. Roche postet nicht auf Facebook oder Twitter, sie schreibt ein Buch.

Wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, es durchzulesen, hätte ich es nach dem ersten Kapitel wieder zugeklappt. Doch nach dem an Roches Erstling "Feuchtgebiete" erinnernden Auftakt schafft sie es ganz allmählich, eine Geschichte zu erzählen. Ich nähere mich Elizabeth an, finde sensible Seiten an ihr. Und beginne, sie ein bisschen sympathisch zu finden. Auch bei den Sexszenen wird Roche geschmackvoller - und garniert sie sogar mit echtem Witz. Gegen Ende des Buches habe ich sogar ab und zu gelacht. Wer bei "Schoßgebete" durchhält, lernt eine zahme, nahezu charmante Charlotte Roche kennen. Und gerade deshalb stellt sich die Autorin mit ihren anfänglichen Provokationen selbst ein Bein. Als ob es nicht mehr möglich wäre, ohne ständige Grenzüberschreitungen Beachtung zu finden - ob als Autorin oder im echten Leben. 

  • Charlotte Roche: Schoßgebete, Piper Verlag, 282 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3-492-05420.
  • "Schoßgebete" ist auch als Hörbuch erschienen. Charlotte Roche liest den Text ungekürzt selbst - 9:41 Stunden.