Schrille Revue provoziert

ESSEN Dieses war der dritte Streich... Nach vehementen Inszenierungen der Wagner-Opern "Der fliegende Holländer" und "Tristan und Isolde" am Essener Aalto-Theater brachte Regisseur Barrie Kosky dort nun Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" heraus.

von Von Klaus Stübler

, 27.01.2008, 15:36 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das goldene Kalb ersetzt ein überdimensionales Skelett eines Widderkopfes: Jim (Jeffrey Dowd, oben) und Astrid Kropp in der Essener Inszenierung.

Das goldene Kalb ersetzt ein überdimensionales Skelett eines Widderkopfes: Jim (Jeffrey Dowd, oben) und Astrid Kropp in der Essener Inszenierung.

Als schrille Revue, gewürzt mit pornografischen Provokationen. Zum Theaterskandal wie 1930 bei der Leipziger "Mahagonny"-Uraufführung reichte es zwar nicht. Aber immerhin lichteten sich bei der Premiere am Samstagabend zur Pause die Reihen, und am Ende hagelte es Buhrufe und Pfiffe für die Regie.

Menschen auf der Flucht, die Versuchungen des Kapitalismus, apokalyptische Naturkatastrophen - Kosky betrachtet die Oper von Weill, dem Sohn eines Synagogen-Kantors, als jüdische Volksoper und biblische Burleske: "Es sind die Bücher Moses 'Genesis' und 'Exodus', die von den Marx Brothers gespielt werden." So teilen bei ihm während des kurzen Vorspiels zwei Moses-Figuren mit Silberhaar und Rauschebärten die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten unter sich auf, welche fortan den Bühnenrahmen bilden.

Mix aus Typen

Auch Jim Mahoney und die drei anderen Holzfäller aus Alaska sind deutlich als Juden gezeichnet. Die megaphonverstärkte Stimme Gottes klingt allerdings wie die eines Muezzins. Ansonsten ist die Bühnenumsetzung der gesellschafts- und hier auch religionskritischen "Mahagonny"-Oper jedoch eher bunt und beliebig ausgefallen: Jenny und die anderen Prostituierten kommen als hochschwangere Heilsarmee-Mädchen daher. Die auf eine sandfarbene Halfpipe reduzierte Wüstenstadt Mahagonny (Bühne: Ralph Zeger) wird bevölkert von einem Mix aus Typen, die US-Produktionen von "Ein Käfig voller Narren" bis "High School Musical" entsprungen sind.

Die knappen, epischen Texte zwischen den Musiknummern, die, eigentlich auf Leinwand projiziert, für den Brechtschen Verfremdungseffekt stehen, werden einem ständig neu ausstaffierten Erzähler anvertraut. Bei der Darstellung von Sex und Gewalt geht es überdeutlich zur Sache.

Überragender Sänger-Darsteller ist Jeffrey Dowd in der Rolle des Jim, aber auch Astrid Kropp (Jenny), Ildiko Szönyi (Witwe Begbick) und Robert Wörle (Fatty) liefern überzeugende Rollenporträts ab.

Mit Wärme und Biss

Das eigentliche Ereignis des Abends sind einmal mehr die Essener Philharmoniker unter GMD Stefan Soltesz, welche ihren Weill mit Wärme wie mit Biss spielen. Ärgerlich, zumindest für Besucher im rechten Parkett, war bei der Premiere das permanente Scheppern der über Mikroports verstärkten Sprechstimmen im Lautsprecher.

 Karten: Tel. (02 01) 8 12 22 00.

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