Schutz vor Coronavirus: Wie viel Abstand ist eigentlich genug?

Coronavirus

Ein, anderthalb oder zwei Meter: Wenn es um den Mindestabstand zum Schutz vor Corona geht, scheiden sich die Geister. Studien kommen hierbei zu unterschiedlichen Ergebnissen.

18.06.2020, 10:48 Uhr / Lesedauer: 3 min
In Großbritannien gilt ein Mindesabstand von zwei Metern. Kritiker halten die Abstandsregel jedoch für zu straff.

In Großbritannien gilt ein Mindesabstand von zwei Metern. Kritiker halten die Abstandsregel jedoch für zu straff. © picture alliance/dpa

In Dänemark gilt inzwischen ein Meter Abstand als ausreichend, in Großbritannien sind es zwei Meter und in Deutschland anderthalb: In jedem Land gelten andere Abstandsregeln, um die Gefahr einer Infektion mit dem Coronavirus zu reduzieren. Der von der dänischen Regierung empfohlene Mindestabstand wurde im Mai schon von zwei Meter auf einen Meter reduziert. Auch in Großbritannien halten Kritiker die Zwei-Meter-Abstandsregel für zu straff und fordern eine Lockerung. Wie viel Abstand ist nun eigentlich empfehlenswert – und ausreichend?

Mindestabstand: In manchen Bundesländern aufgehoben

In manchen Bundesländern wird der Mindestabstand bei einigen Anlässen schon ganz aufgehoben: Ferienspiele und Kinderferienlager können in Mecklenburg-Vorpommern ohne den Corona-Sicherheitsabstand von 1,50 Meter stattfinden, gab Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) bekannt. Für die Jugendarbeit könne von der Abstandsregel von 1,50 Meter abgesehen werden, wenn sonst das pädagogische Ziel gefährdet sei. Auch im Trainingsbetrieb von Sportvereinen wurde der Mindestabstand aufgehoben.

In Nordrhein-Westfalen haben Grundschüler wieder regulären Unterricht – und müssen keinen Abstand mehr halten. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) begründete die Entscheidung damit, dass das Infektionsgeschehen in dieser Altersgruppe bei nahezu null liege.

Infektionsrisiko laut Metaanalyse bei geringerem Mindestabstand nur leicht höher

Laut einer Studie, die im medizinischen Fachblatt „Lancet“ erschienen ist, steigt das Infektionsrisiko nur minimal, wenn Menschen statt zwei Metern nur einen Meter Abstand halten. Demnach ist das Risiko, sich anzustecken, bei einem Abstand von mindestens einem Meter nur einen Prozent höher (2,6 Prozent) als bei einem Abstand von mindestens zwei Metern (1,3 Prozent). Ohne Abstandsregeln liegt das Infektionsrisiko bei 13 Prozent.

Das Forschungsteam trug im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 200 Untersuchungen zusammen, die sich mit dem Infektionsrisiko beschäftigen. Metaanalysen wie diese gelten als besonders zuverlässig, da die Ergebnisse aufgrund der zahlreichen zusammengefassten Studien auf höheren Fallzahlen beruhen. Doch die Studie findet keine eindeutige Antwort auf die Frage, wie viel Abstand ausreicht, um eine Infektion mit dem Coronavirus wirksam zu verhindern. Unter anderem ist noch unklar, welche Rolle Aerosole, also Kleinsttröpfchen in der Luft, bei der Ausbreitung spielen.

Die Auswertung stößt zudem auf Kritik. Der renommierte Statistikprofessor von der Cambridge University, David Spiegelhalter, sagte gegenüber dem „Guardian“, die Forscher gingen zu Unrecht pauschal davon aus, dass sich das Infektionsrisiko mit einem weiteren Meter Abstand halbiert. Wie viel sicherer ein größerer Abstand ist, lasse sich noch nicht genau sagen. Auf Twitter schrieb Spiegelhalter, er hoffe, dass niemand die Ergebnisse zu ernst nimmt:

Viruströpfchen kursieren vor allem beim Niesen

Eine Forschergruppe aus den USA hält hingegen selbst einen Abstand von zwei Metern für zu gering. In einer Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT), von der unter anderem der „Telegraph“ berichtete, fanden die Forscher heraus, dass sich ausgestoßene Viruströpfchen beim Niesen in einer feuchtwarmen Umgebung mit einer Geschwindigkeit von zehn bis 30 Metern pro Sekunde fortbewegen können.

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Dadurch entstehe eine Wolke, die sich über eine Länge von bis zu acht Metern erstreckt. Zudem könnten die mit dem Virus belasteten Tröpfchen stundenlang in der Luft schweben und auch leicht ihre Richtung ändern. Der auf Coronaviren spezialisierte Charité-Virologe Christian Drosten betonte immer wieder, dass Niesen aber kein typisches Symptom einer Corona-Infektion sei. Das Virus werde eher ausgehustet und falle relativ schnell zu Boden.

Zwei Meter Abstand beim Joggen zu wenig

Auch beim Joggen seien zwei Meter Abstand zu wenig – so zumindest das Ergebnis einer Studie von Forschen aus Belgien und den Niederlanden. Die Forscher der Universitäten Leuven (Belgien) und Eindhoven (Niederlande) untersuchten, wie sich der Ausstoß von Speichelpartikeln während verschiedener Bewegungen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten verhält. Sie beobachteten, dass Sportler Covid-19-Erregern verstärkt ausgesetzt sein könnten, wenn sie sich im Windschatten eines anderen Sportlers bewegten.

Gerade in einem Abstand von ein bis zwei Metern sei die Konzentration noch sehr hoch – bereits zehn Meter hinter dem Sportler hätten sich die größten Tröpfchen auf den Boden abgesenkt. Die Forscher empfehlen beim Gehen in die gleiche Richtung einen Abstand von mindestens vier bis fünf Metern, beim Laufen oder langsamen Radfahren zehn Meter und bei schnelleren Bewegungen gar 20 Meter.

Singen und laut Sprechen erhöht Ansteckungsrisiko
Wenn man lange viel schreit, fliegen viele Tröpfchen und da entstehen Aerosole.
Joans Schmidt-Chanasit, Virologe

Beim Singen und lauten Sprechen sollte man zudem auf einen ausreichenden Abstand zu den Mitmenschen achten. „Wenn man lange viel schreit, fliegen viele Tröpfchen und da entstehen Aerosole“, sagt etwa der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Diese kleinen Luftteilchen flögen weiter als anderthalb Meter und könnten das Risiko einer Übertragung erhöhen. Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt, welche Rolle Aerosole bei der Verbreitung des Virus spielen.

Dennoch solle man zum Beispiel bei Demonstrationen auf laute Parolen verzichten. Je lauter man redet, desto mehr Tröpfchen produziert man, weiß auch Christian Kähler vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München. Dadurch steige auch das Ansteckungsrisiko.

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