SEK-Beamten erschossen: Lebenslange Haft für „Polizistenhasser“

Justiz

Aus Hass auf Polizisten soll ein Drogendealer aus Gelsenkirchen einen SEK-Beamten erschossen haben. Jetzt wurde er verurteilt.

Gelsenkirchen/ Essen

von Jörn Hartwich

, 22.12.2020, 19:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Angeklagte verbarg beim Prozessauftakt sein Gesicht.

Der Angeklagte verbarg beim Prozessauftakt sein Gesicht. © Jörn Hartwich

Der Schuss traf genau dort, wo die kugelsichere Weste keinen Schutz bot. Vor acht Monaten hat ein Drogendealer aus Gelsenkirchen einen SEK-Beamten erschossen. Am Dienstag ist der 29-Jährige in Essen verurteilt worden. Die Strafe: lebenslange Haft wegen Mordes.

Richter Jörg Schmitt wählte bei der Urteilsbegründung deutliche Worte. „Sie sind ein Polizistenhasser“, sagte der Vorsitzende des Schwurgerichts an die Adresse des Angeklagten. Der Beamte habe einzig und allein deshalb sterben müssen, weil er bei der Polizei war. Das sei ein Motiv, dass nicht nur besonders verwerflich sei, sondern auf sittlich unterster Stufe stehe. „Damit sind sie auch ein Menschenfeind.“

Herz und Lunge getroffen

Der 29-jährige Deutsche hatte sich laut Urteil schon Wochen vor der Tat mit dem Thema beschäftigt, einen Polizisten umzubringen. Das gehe aus Internet-Recherchen des Angeklagten hervor, die bei der Auswertung seines Computers rekonstruiert werden konnten. Am 29. April 2020 habe er diese Planung dann in die Tat umgesetzt.

Als er die Beamten morgens um sechs Uhr im Hausflur gehört habe, habe er sich neben der Wohnungstür postiert und dann auch sofort geschossen.

Der 28-jährige Polizeibeamte hatte keine Chance. Er hatte die Ramme bedient, mit der die Wohnungstür aufgebrochen wurde. Der Schuss traf Herz und Lunge. Es gab keine Überlebenschance.

„Warum habt ihr nicht geklingelt?“

Der Angeklagte war nach der Schussabgabe ins Badezimmer geflüchtet und hatte sich dort widerstandslos festnehmen lassen. „Warum habt ihr nicht einfach geklingelt?“, hatte er die Beamten noch gefragt. „Ich hätte doch aufgemacht.“

Der 29-Jährige hatte bis zuletzt auf einen Freispruch gehofft. Er will mit einem Angriff einer Rockergruppe gerechnet haben, von der er im Rahmen von Drogengeschäften vorher angeblich bedroht worden ist. „Er hatte schlichtweg Angst und hat in Panik den Schuss abgegeben“, so Verteidiger Siegmund Benecken in seinem Plädoyer. Der Angeklagte sei davon überzeugt gewesen, dass er sich in einer Notwehr-Lage befindet. „Er hat nur geschossen, um sich zu verteidigen.“

Rockergeschichte „fad und gestelzt“

Der gesamte Polizeieinsatz sei aus Sicht der Verteidigung rechtswidrig und nicht verhältnismäßig gewesen. Der Angeklagte sei schließlich zwei Tage lang observiert worden. „Man hätte ihn einfach festnehmen können, als er mit seinem Hund spazieren ging“, so Benecken.

Die Rocker-Bedrohung haben die Richter dem Angeklagten allerdings nicht abgenommen. Sie sei konstruiert, fad und wirke gestelzt.

Bei der Wohnungsdurchsuchung waren damals nicht nur 1400 Gramm Marihuana und 6000 Euro Dealergeld gefunden worden, sondern auch zahlreiche Waffen – darunter Luftgewehre, Pistolen, Revolver sowie jede Menge unterschiedlicher Munition. „Sie waren bis über beide Ohren bewaffnet“, so Anwalt Jörn Dieker, der im Prozess den Vater des erschossenen Beamten vertrat. „Sie haben ein Zeichen setzen wollen, nach dem Motto: Wenn die Polizei kommt, bin ich bereit.“

Holocaust geleugnet

Der Angeklagte selbst hatte sich bis auf eine kurze Entschuldigung kurz vor der Urteilsverkündung und einer von der Verteidigung verlesenen Erklärung nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Laut Richter Jörg Schmitt sei er ein Mensch, der staatliche Institutionen ablehne, den Holocaust leugne und sich in einem wirren Menschen- und Weltbild verfangen habe. Wörtlich sagte er an die Adresse des Angeklagte: „Ich kann nur hoffen, dass sie inzwischen realisiert haben, dass es sich um einen Menschen gehandelt hat, den sie getötet haben – und nicht um eine Institution.“

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