Selbstjustiz im Freibad: „Stirb! Stirb!“ – 22-Jähriger sticht 10 mal auf Opfer ein

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Im Sportparadies Gelsenkirchen wird ein junger Mann vor den Augen zahlreicher Badegäste verfolgt und niedergestochen. Ein 22-Jähriger soll zehn Mal zugestochen haben. Aus Rache?

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, 07.05.2020, 13:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es müssen dramatische Szenen gewesen sein. Vor knapp elf Monaten ist im Sportparadies Gelsenkirchen ein junger Mann niedergestochen worden – vor den Augen zahlreicher Badegäste. Seit Donnerstag steht der mutmaßliche Täter (22) vor Gericht.

Es war einer der heißen Junitage im vergangenen Jahr, als der Angeklagte zum Messer griff. Er verfolgte sein späteres Opfer über die Liegewiese, stach dann immer wieder zu. Dabei soll er sogar noch gerufen haben: „Stirb! Stirb!“

„Ich bin innerlich völlig ausgerastet“

Die Ärzte zählten später zehn Messerstiche – im Gesicht, im Brustkorb, im Arm und im Bauch. Dabei wurde auch die Bauchhöhle eröffnet. Lebensgefahr, Not-OP.

„Ich bin innerlich völlig ausgerastet“, so der Angeklagte zum Prozessauftakt am Essener Schwurgericht. „Ich habe auf ihn eingestochen. Er sollte das kriegen, was er auch mir angetan hat.“

Was der 22-Jährige damit meinte? Dafür muss man rund sieben Monate zurückgehen. Bei einer Schlägerei vor rund 100 Schaulustigen im Dezember 2018 am Gelsenkirchener Hauptbahnhof war der 22-Jährige ebenfalls schwer verletzt worden.

„Ich wurde feige überfallen, einer hat mir mit einer abgebrochenen Flasche in den Kopf gestochen“, so der Angeklagte. Die langen Narben an der Seite seines Kopfes sind noch immer deutlich zu sehen. Außerdem klagt er über Lähmungserscheinungen im Gesicht.

Angeklagter bestreitet Rachepläne

Für diese Tat macht der 22-Jährige vier Brüder verantwortlich, mit denen er früher gut befreundet war. Zu einem Prozess ist es jedoch bis heute nicht gekommen.

War die Bluttat im Sportparadies also Selbstjustiz? Ein Rache-Akt? Die Staatsanwältin sagt ja. „Der Angeklagte entschloss sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen“, heißt es in der Anklageschrift.

Das will der 22-Jährige so jedoch nicht stehen lassen. „Ich war nicht davon getrieben, Rache zu nehmen“, ließ er die Richter wissen. Als er im Freibad einen der Brüder wiedergesehen habe, sei einfach alles wieder hochgekommen. „Ich war nicht Herr meiner Sinne“, so der 22-Jährige. „Ich kann mir nicht erklären, warum ich so etwas gemacht habe – vor so vielen Leuten.“

Flucht in die Türkei – Festnahme in Holland

Nach der Tat war der Angeklagte in die Türkei geflohen. Seine Festnahme erfolgte schließlich in Holland. „Ich wollte mich eigentlich stellen.“

Ursprünglicher Auslöser des Streits soll ein gemeinsames Gerichtsverfahren gewesen sein. Täter und Opfer waren wegen eines Raubüberfalls angeklagt worden. Der Angeklagte wurde freigesprochen, der andere verurteilt. Danach war es mit der Freundschaft vorbei.

Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. Der Prozess wird fortgesetzt.