Macht Karriere glücklich? Früher stand für Christian Schulz (35) der Job an erster Stelle

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Was ist wichtiger - Arbeit oder Privatleben? Was macht glücklicher - privater oder beruflicher Erfolg? Die Geschichte eines Selbstständigen aus Schwerte - und was eine Expertin dazu sagt.

Schwerte

, 27.11.2018, 10:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es war in der achten Klasse: Christian Schulz saß in der Rudolf-Steiner-Schule in Dortmund und sah aus dem Fenster auf die Dachdecker.

Und wusste: Das will ich auch machen.

Sprach die Firma an. Machte ein Praktikum.

Arbeitete in den Ferien für die Firma. Ging in die Lehre.

Drei Jahre Lehre. Drei Jahre Junggeselle. Fünf Jahre Altgeselle - und dann endlich die Chance, den Meister zu machen.

Ein Jahr Vollzeit. In Münster. Während die Frau noch studierte. In Dortmund.

Die Frau, mit der er zwei Kinder hatte: eins war fünf und eins zwei.

„Wir hatten so viele Baustellen in unserem Leben und gar nicht die Ruhe zu hinterfragen, was wir denn eigentlich da machen.“

Christian Schulz machte weiter - was denn auch sonst? 70, 80 Stunden pro Woche im eigenen Betrieb, den er mittlerweile in Schwerte eröffnet hatte.

70, 80 Stunden pro Woche - als Selbstständiger eine Selbstverständlichkeit. „Ich hatte immer noch die Sicht, dass berufliches Glück an erster Stelle steht, um dann frei aufatmen zu können im Leben.“

Geld, Sinn, Struktur - Warum Arbeit überhaupt wichtig ist

„Arbeit hat eine wichtige Funktion weit über die finanzielle Komponente hinaus“, sagt Elena Schleu. Die Psychologin forscht an der Technischen Universität Dortmund über Motivation in Teams, über die Auswahl von Führungskräften, aber auch allgemein über das Thema „Arbeitsalltag“ und was er für den Menschen bedeutet:

„Arbeit bietet eine zeitliche Struktur für unseren Alltag, sorgt für soziale Kontakte, Anerkennung, ein höheres Aktivitätsniveau und ist wichtig für unsere Identität. Und wir spüren über die Arbeit einen Sinn.“

So zufrieden sind Deutsche mit ihrem Job

Wo gibt es die glücklichsten Arbeitnehmer der Welt? 2013 veröffentlichten Wissenschaftler eine Studie über 160 Länder. Ganz oben: die Österreicher, die zu 95 Prozent zufrieden waren mit ihrer Arbeit. Auf den Plätzen dahinter: Norwegen, Island, die Niederlande, die Schweiz, Thailand und Dänemark. Und Deutschland? Landete mit einem Wert von 90,4 Prozent auf Platz 16 - noch hinter Turkmenistan und Laos. Noch weiter hinter den USA (Platz 48, 85 Prozent) folgten meistens Länder aus den ärmeren Regionen: vor allem aus Afrika und Lateinamerika.

Was Forscher ebenfalls herausfanden: Wer Arbeit hat, lebt gesünder und länger. Eine Folge der vielen sozialen Kontakte, die Arbeit im Regelfall mit sich bringt. „Viele ziehen ja für den Job in eine andere Stadt“, erklärt Elena Schleu. Gerade dann sind Kollegen wichtige Sozialkontakte.

Und wie wichtig Sozialkontakte sind, zeigen andere wissenschaftliche Erkenntnisse über Rentner: Mit sozialen Kontakten steigt die Lebenserwartung.“

Termine abends und am Wochenende - irgendwann wurde es zu viel

Zu wenige berufliche Kontakte zu Menschen? Christian Schulz‘ Problem war eher, dass er zu viele hatte. Und zu Zeiten, an denen sich andere ihren Familien oder Hobbys widmen konnten: „Viele Gespräche fanden samstags, sonntags oder unter der Woche abends statt, weil die Kundschaft dann Zeit hatte.“

Was macht der Selbstständige? Er nimmt all diese Termine wahr.

Was macht der Familienvater? Er wird frustriert.

Christian Schulz geht den Alltag durch, den sein Leben als Handwerksmeister mit eigenem Betrieb in Schwerte mit sich bringe: „Acht bis zehn Stunden auf der Baustelle, abends die Akquise, dann die Aufarbeitung im Büro, oft bis Mitternacht. Und die Familie kommt viel zu kurz.“

Geld und Lob und Feedback - alles drei funktioniert

„Wir erleben Erfolg dadurch, dass wir eine Aufgabe gut meistern“, unterstreicht Arbeitspsychologin Schleu. Das führe zu einer höheren Selbstwirksamkeit.

Mit diesem Fachbegriff beschreiben Psychologen die Überzeugung eines Menschen, schwierige Situationen und Herausforderungen meistern zu können. Wer eine hohe Selbstwirksamkeit hat, geht sicherer und motivierter an Aufgaben. „Wir trauen uns dann einfach mehr zu“, erklärt Schleu.

Drei Wege können zu neuer Motivation führen:

  • Bezahlung: Wer mehr oder zusätzlich Geld erhält, wird neu motiviert. Ein finanzieller Bonus bei erfolgreicher Arbeit wirkt sich positiv aus.
  • Anerkennung: Ehrliche Anerkennung schmeichelt nicht nur, sondern erhöht auch die Selbstwirksamkeit, motiviert und führt damit zu einer hohen Leistung. Anerkennung kann auch über Auszeichnungen (Mitarbeiter des Monats), oder andere Benefits (gewünschte Fortbildungen, einen freien Tag, kleinere Geschenke) transportiert werden.
  • Feedback: Wenn jemand eine Rückmeldung auf seine Arbeit bekommt, erhält er damit auch die Botschaft: Ich habe gesehen, was du gemacht hast und mich intensiv damit auseinandergesetzt. Nicht unwesentlich hierbei ist der informative Gehalt; Soll heißen, man hat die Chance durch das Feedback sein Verhalten anzupassen und die Leistung zu optimieren.

Nur - und auch das sagt die Arbeitspsychologin: „Man braucht eine Work-Life-Balance. Alles muss in Maßen geschehen.“

Macht Karriere glücklich? Früher stand für Christian Schulz (35) der Job an erster Stelle

Was will ich tun? Christian Schulz hält Ausschau. © Foto: Björn Althoff

Arbeit oder Familie - was ist das größere Glück?

„Mir ist bewusst geworden, dass ich das allergrößte Glück in meinem Leben doch schon hatte“, sagt Christian Schulz: „Meine Frau und meine beiden Kinder.“

Richtig ins Grübeln kam der 35-Jährige vor einem halben Jahr: „Ich hatte einen Hexenschuss während der Arbeit. Aber als Selbstständiger konnte ich den nicht auskurieren.“

Schulz hatte keine andere Wahl. Er musste zurück auf die Baustellen. Auch wenn er sich nicht richtig bewegen konnte.

„Da habe ich mir ernsthaft die Frage gestellt: Ist das so sinnvoll, sich keine Genesung gönnen zu können, weil ja das ganze System weiterlaufen muss?“

Es blieb nicht bei dieser einen Frage:

  • Kann ich in meinem Beruf arbeiten, bis ich 67 oder 70 bin?
  • Wie viel Rente bleibt mir?
  • Kann ich nicht jetzt kürzertreten, um mehr im Hier und Jetzt zu leben?
  • Gibt es irgendeinen anderen Weg als den aktuellen?

„Ich halte ganz klar die Augen offen“, sagt Schulz: „Und ich versuche, mein Leben mit all den wunderbaren Facetten zu genießen.“

Angestellt oder selbstständig? Das hat Auswirkungen auf die Zufriedenheit

Selbstständige sind glücklicher als Angestellte - in Deutschland ebenso wie in den anderen Ländern West- und Mitteleuropas, wie in den USA, in Australien, in Japan. Das ist das Ergebnis einer 160 Länder umfassenden Studie aus dem Jahr 2013. Frei von Sorgen seien sie allerdings nicht. Die unternehmerische Verantwortung laste halt auf den Schultern des Selbstständigen.

Wann macht die Arbeit Spaß?

In der Regel arbeiten Menschen gerne in Teams. Wichtig sei, so Arbeitspsychologin Elena Schleu, dass jedes Team-Mitglied einen unverzichtbaren Beitrag leiste. Auch müsse das Ziel realistischerweise erreicht werden können und für das gesamte Team wichtig sein, damit alle gemeinsam an einem Strang ziehen. „Wenn manche nicht mitziehen, fühlen sich andere ausgenutzt“, so Schleu. Das wiederum führe nicht nur zur Unzufriedenheit, sondern potenziell auch zu geringerer Leistung. Schlecht: „Verantwortungsdiffusion“. Wenn also nicht klar ist, wer welche Aufgabe übernehmen soll. Gut: der Aspekt, dass niemand als „sozialer Faulenzer“ wahrgenommen werden wolle - und eben mitziehe, wenn alle anderen auch mitziehen. Das funktioniert nur, wenn die Leistung erkennbar ist und der Gesamt-Erfolg des Teams dem einzelnen auch wichtig.

2,6 bis 2,9 Prozent Wachstum, Jahr für Jahr - das ist die Empfehlung der Handwerkskammer für gesunde Betriebe. „Das würde aber meine Lebensqualität einschränken - und auch die Qualität auf den Baustellen“, verdeutlicht Schulz: „Ich besitze nicht den Biss wie andere Dachdeckermeister in meinem Alter, die unbedingt wachsen wollen.“

Zwei Gruppen von Menschen seien in der Meisterschule aufeinandergetroffen: „Die, die keine Familie hatten - das waren die Haifische im Becken. Und die, die Familie hatten. Die meisten von denen sind untergegangen. Ich zum Glück nicht, weil ich damals ganz klar wusste, was ich wollte.“

Konzentration und Präsizion ist alles auf dem Dach. Jeder Fehltritt kann verheerende Folgen haben - für sich selbst und für andere. Wer hier oben viel nachdenkt, ist nicht unbedingt im Vorteil.

„Als junger Mensch ist man unsterblich“, erinnert sich Christian Schulz, „und das ist richtig und wichtig, um nach vorne zu kommen.“ Aber je mehr Erfahrungen man sammele, je mehr Unfälle auf dem Dach passiert seien, „desto mehr entwickelt man die Sichtweise für die Einzigartigkeit des Lebens.“

Nach der Geburt seiner ersten Tochter wurde Schulz gepackt von Höhenangst. „Das hat sich zum Glück wieder gelegt nach einigen Jahren.“ Dennoch: Die eigene Verletzlichkeit ist dem 35-Jährigen seitdem bewusst.

Macht Karriere glücklich? Früher stand für Christian Schulz (35) der Job an erster Stelle

Hoch oben. Schulz weiß, dass jeder Fehltritt böse enden kann. © Foto: Björn Althoff

Was macht mich zu einem guten Chef?

Oft sei es doch so, kritisiert Arbeitspsychologin Elena Schleu: Jemand mache seinen Job so gut, dass er an die nächsthöhere Stelle befördert werde. Doch in der Chef-Rolle sei vielleicht etwas ganz anderes wichtig. Führungskräfte müssten Anforderungen auf vielen Gebieten erfüllen, zitiert Schleu den aktuellen Forschungsstand: komplexe Probleme lösen können, flexibel, offen und intelligent sein, kreatives Denken, Selbstregulation, emotionale Stabilität und Gewissenhaftigkeit. Chefs müssten ihren Gegenüber verstehen, den Vorstandsvorsitzenden anders ansprechen können als den einfachen Arbeiter, müssten zudem Konflikte managen können. Drittens gebe es motivationale Anforderungen. Nur wer etwas habe, das ihn antreibe, wer Verantwortung übernehmen wolle und ein gewisses Bedürfnis zu führen habe, würde das Zeug zum guten Chef haben, so Schleu.

Wie gelingt denn nun der Spagat zwischen Familie und Beruf?

Sieben Jahre nach der Meisterprüfung hat Schulz seinen Betrieb gesundgeschrumpft: nur noch er und ein Mitarbeiter. Für größere Aufträge ist er vernetzt mit anderen Handwerkern. Ob er noch jahrzehntelang aufs Dach steigt? Er wirkt nicht so.

Vielleicht biete er irgendwann nur noch Reparatur und Beratung an, nicht mehr das volle Programm. Vielleicht schließe er die Firma irgendwann ganz und gehe in die Industrie - als Fachberater und Vertreter für Baustoffe. Vielleicht gehe es auch in eine ganz andere Richtung.

Schulz‘ Prioritäten haben sich verschoben: „Ich definiere mich nicht mehr über meinen Beruf, sondern über meine Person: als stolzer und glücklicher Familienvater.“ Acht bis zehn Stunden pro Tag für die Arbeit, der Rest für die Familie - das müsse reichen, irgendwie: „Wir sind schließlich keine Maschinen, die ohne Schlaf auskommen.“

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