Selbstversuch an der Stange: Wer Pole Dance macht, muss Schmerzen mögen

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Einfach nur tanzen und dabei gut aussehen? Schön wär‘s. Unser sportbegeisterter Autor hat sich an die Pole-Dance-Stange gewagt - und sieht die Sportart nun mit anderen Augen.

Essen

, 12.08.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schweiß tropft. Ich spüre ihn hinter meinem Ohr. Eine Stelle, an der man für gewöhnlich wenig schwitzt. In dem Raum ist es warm – fast schon erdrückend. Ich empfinde Anstrengung auf vielen Ebenen. Ich bin außer Atem, mir ist von den Drehungen schwindelig und etwas verzweifelt bin ich auch.

Verzweifelt, weil mein Körper nicht das macht, was er soll. Wir sind beim Pole Dance. Wir, das sind sechs Volontäre – darunter fünf Männer – und probieren im Tanzstudio VI-Dance in Essen zum ersten Mal das Tanzen an der Stange aus.

Trainiert werden wir von Karina van Beel. Die 25-Jährige strahlt Freude und Freundlichkeit aus. Wenn sie Hinweise gibt, dann immer mit viel Lob: „Das sieht super aus. Genau so. Richtig klasse!“ sind Sätze, die man an diesem Vormittag häufig hört.

Jeder hat seine eigene Stange

Nach einer kurzen Begrüßung wird es ernst: Schon beim Warm-up komme ich ins Schwitzen. „Hätte ich gewusst, dass es so kräftezehrend wird, hätte ich mir ein frisches T-Shirt eingesteckt.“ Aber das Eingrooven war nur der Vorgeschmack. Wir machen uns mit der Stange vertraut.

Zum Glück macht nicht einer vor und alle schauen zu. Nein. Jeder hat seine eigene Stange und darf so viel ausprobieren, wie er oder sie möchte. Das nimmt mir einige Sorgen. Alle haben Spaß, scheint es mir. Ich sehe häufig ein Lächeln auf den Lippen meiner Mitstreitenden.

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Am Anfang geht es besser als gedacht. Einige Drehungen klappen schon ganz gut – nur finde ich leider häufig nicht den richtigen Halt an der Stange. Meine Hände sind schwitzig. Mein T-Shirt ist schon nach einer halben Stunde durchnässt. Und so langsam bekomme ich auch konditionelle Schwierigkeiten. Eigentlich bin ich ein zweistündiges Training vom Basketball gewöhnt, doch irgendwie fühlen sich diese 45 Minuten beim Pole Dance wie ein 1500 Meter-Lauf in der Leichtathletik an: Die Strecke ist zu kurz, um das Tempo einmal herauszunehmen.

Voll ausgepumpt

Man braucht die ganze Zeit über viel Energie. Jeder Schwung, jede Bewegung kostet Kraft – und zudem auch geistige Anstrengung. Schließlich gilt es, sich zu konzentrieren, um die vorgezeigten Übungen umzusetzen. Das klappt so mittelmäßig. Je komplizierter die Übungen werden, desto mehr bekomme ich Probleme. Zudem wird mir von den Drehungen etwas schwindelig. Aufgeben ist jedoch keine Option.

Nicht immer hatte ich während der Pole-Dance-Trainingsstunde ein Lächeln auf den Lippen.

Nicht immer hatte ich während der Pole-Dance-Trainingsstunde ein Lächeln auf den Lippen. © Kerstin Wördehoff/ProContent

Nach der letzten schwierigen Übung steht noch das Cool Down an. Etwas herunterkommen von der Anstrengung. Jetzt merke ich erst so richtig, wie ausgepumpt ich bin. Die Streckungen und Dehnungen tun gut, aber es schmerzt auch an der einen oder anderen Stelle.

Unsere Trainerin sieht dagegen noch ganz entspannt aus. Kein Wunder: Die Lehramtsstudentin gibt regelmäßig Kurse und trainiert selbst mehrere Stunden in der Woche. Sie sagt, dass sie durch Pole Dance selbstsicherer geworden ist. Eigentlich sei sie eher schüchtern gewesen. Durch das Tanzen fühlt sie sich jetzt – wo sie den Sport seit zwei Jahren betreibt – viel wohler mit ihrem Körper.

Tanzen als immer wiederkehrende Herausforderung

Und auch der Job als Trainerin macht ihr Spaß. „Wenn ich vor einem Kurs stehe, ist es für mich so, als wenn ich vor Freunden stehe. Insgesamt hat mir Pole Dance einen starken ‚Boost‘ für mein Selbstbewusstsein gegeben.“ Boost (zu Deutsch: Auftrieb): ein Wort, das sie häufig verwendet. Tanzen bedeutet für sie, über sich selbst hinauswachsen. Ständig geht es darum, neue Figuren einzustudieren, sich selbst zu verbessern, den eigenen Körper mit neuen Herausforderungen zu strapazieren.

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Jemand, der Pole Dance betreibt, ist nicht wie ein Pferd, das nur so hochspringt, wie es muss. Nein. Er oder sie ist jemand, der ständig nach höheren Hürden sucht, um sich den neuen, größeren Herausforderungen zu stellen.

In der Fragerunde nach der sportlichen Betätigung wirkt unsere Trainerin locker, aufgeschlossen und hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Da sie mir genau gegenübersitzt, fällt mir die Aufschrift ihres T-Shirts ins Auge: „Feminism“ steht in großen Lettern drauf. Darunter in englischer Sprache die Definition des Wortes. Übersetzt bedeuten die Worte: „Die radikale Vorstellung, dass Frauen Menschen sind.“ Es handelt sich um ein Zitat von Cheris Kramarae: einer Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Frauenforschung und -kommunikation.

Bei vielen Bewegungen landeten wir auf unserem Hosenboden.

Bei vielen Bewegungen landeten wir auf unserem Hosenboden. © Kerstin Wördehoff/ProContent

Ruf des Pole Dance scheint im Wandel

Spannend, dass Karina gerade dieses Shirt trägt, hat doch Pole Dance den Ruf, sich dabei in Stripclubs oder Tabledance-Bars lasziv und erotisch an der Stange zu räkeln. Doch inzwischen sei der Ruf im Wandel, hat Karina festgestellt. Mittlerweile gewinnt der athletische, der sportliche Aspekt des Tanzens immer mehr an Bedeutung. Viele Teilnehmende der Kurse wollen Figuren lernen. Wobei auch die Angebote zu „Sexy Dance“ und „Exotischem Tanz“ gefragt sind.

Für mich steht am Ende die Erkenntnis: Pole Dance ist viel mehr als nur an der Stange tanzen und dabei gut aussehen. Nein. Pole Dance ist ein richtiger Sport. Körperspannung, Konzentration, Ausdauer: Man braucht viele Fähigkeiten. Aber, so betont es auch Karina immer wieder, das soll nicht heißen, dass man dies alles nicht auch erlernen kann. Viele kleine Erfolge sorgen immer wieder für einen kleinen „Boost“ - und das erhöht die Motivation auf weitere Trainingseinheiten.

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