Shitstorm von rechts: So entstand die Empörungswelle zum „Umweltsau“-Video

Kinderchor-Video

WDR-Chef Tom Buhrow hat sich für das Kinderchor-Video entschuldigt. Eine Social-Media-Analyse zeigt nun allerdings: Empört haben sich vor allem rechte Twitter-Accounts.

Köln

31.12.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der WDR erntete für das „Umweltsau“-Video viel Kritik.

Der WDR erntete für das „Umweltsau“-Video viel Kritik. © dpa

Tom Buhrow bleibt dabei: Das „Umweltsau“-Video sei „misslungen“. Es habe „viele Menschen verletzt und empört - vor allen Dingen ältere Menschen“. Das bekräftigte der WDR-Intendant am Montag nochmals in einem Video.

Eine Analyse des Social-Media-Analysten Luca Hammer zeigt nun allerdings: Die Empörungswelle über das Kinderlied wurde keineswegs von Oma oder Opa ausgelöst, sondern vor allem von rechten Twitter-Accounts - und zwar mit System.

Video findet zunächst keine Beachtung

Wie „Spiegel Online“ mit Berufung auf die Auswertung berichtet, wurde das „Umweltsau“-Video am 27. Dezember erstmals auf einigen Twitter-Accounts herumgereicht, fand dort jedoch kaum Beachtung. Wenig später allerdings twitterten einige reichweitenstarke Accounts aus dem rechten Spektrum das Video - etwa der Account @hartes_geld oder auch @exgruene.

In den Tweets beklagten die Nutzer eine angebliche „Instrumentalisierung von Kindern“ oder sprachen abwertend von „Staatsfunk“. So verbreitete sich die Empörung schnell weiter - bis sie schließlich rechtskonservative Multiplikatoren erreichte und erste Medienberichte erschienen.

Auch der Onlinejournalist Martin Hoffmann wies auf Twitter auf ein solches Muster hin. „Zunächst gibt es irgendwo eine (öffentliche) Aussage, einen Auftritt oder - wie hier - einen Tweet, nach dem früher kein Hahn gekräht hätte. (...) Kurz darauf kriechen die ersten (meist rechten) Twitterer aus ihren Löchern und kritisieren den Auslöser in drastischen Worten. Sie greifen dabei oft zu Beleidigungen und schiefen, aber drastischen Vergleichen - und setzen damit den Ton für die weitere Debatte.“

All das passiere meistens über pseudonyme Accounts und nicht unter Klarnamen. Mikro-Influencer der rechten Blase würden das Empörungsrauschen dann noch verstärken.

Debatte wird weiter befeuert

„Die Minikritik schafft es dann manchmal zu einem großen rechtskonservativen Multiplikator (...). Dieser gibt den anonymen Kritikern eine größere Bühne und trägt mit seinen Anmerkungen oft selbst zu einer Radikalisierung der Debatte bei.“ Zu diesem Zeitpunkt würden sich rechte Nutzer bereits über Telegram, Discord und Co. organisieren, um die Debatte weiter zu befeuern.

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Auch an den Medien übt Hoffmann Kritik: „Es folgt der entscheidende Moment, an dem viele Medien versagen: Die Kritik dieser Accounts wird in ersten Berichten aufgegriffen („Shitstorm für ...“, „Empörung über ...“) und Pars pro Toto mit den eingebetteten Tweets aus der rechten Filterbubble scheinbar gestützt.“ Daraufhin würden dann auch Politiker und Prominente auf den Zug aufspringen.

„Das ‚Oma-Gate‘ ist ein ganz typisches Beispiel rechter Empörung und Mobilisierung - was sowohl die Struktur als auch die Themen und Argumente anbelangt“, sagt der Journalist und Autor Patrick Stegemann „Spiegel Online“. Umweltthemen seien in der letzten Zeit in der rechten Mobilisierung wahnsinnig beliebt, Greta sei der personifizierte Feind der Rechten.

Debatten nach dem Trial-and-Error-Prinzip

Rechte Influencer und Gruppen würden nach dem Trial-and-Error-Prinzip immer wieder Debatten entfachen, die Empörung auslösen sollen: „Es werden sehr viele Köder ausgeworfen - und sobald etwas verfängt, geht die Maschine so richtig los, dann geht es rund.“

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Der WDR hatte das Kinderchor-Video am Samstag nach ersten Empörungswellen im Netz gelöscht und dafür viel Kritik auf sich gezogen. Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, nannte den Rückzieher am Montag „wenig hilfreich“.

Tom Buhrow muss sich der Frage stellen, ob er mit seiner eilfertigen redaktionellen Distanzierung von dem Beitrag nicht all denen Oberwasser gegeben hat, die nicht auf den Austausch von Argumenten, sondern auf das Mundtotmachen kritischer Journalisten aus sind. „Wünschenswert wäre eine Versachlichung der Auseinandersetzung“, so Überall.

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