Skandal-Premiere im Schauspiel Dortmund: Zuschauer flüchten aus dem Theater

mlzJonathan Meese „Lolita“

Immer wieder der Hitlergruß: Jonathan Meese kann’s nicht lassen in seiner Performance „Lolita“ am Schauspiel Dortmund. Diverse Zuschauer flüchten aus der Premiere am Samstagabend.

Dortmund

, 16.02.2020, 12:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt einen Moment bei dieser Premiere in Dortmund, in dem einem wirklich der Atem stockt. Nämlich, wenn die Schauspieler zum x-ten Male brüllen: „Hier kommt die Mutter“ – und sie kommt wirklich.

Meeses 90-jährige Mutter Brigitte kraxelt mühevoll aus dem Zuschauerraum auf die Bühne und versucht immer wieder, den Arm herunterzudrücken, den ihr Sohn zum Hitlergruß erhebt.

Sie wirkt dabei etwas unglücklich, vor allem, als ihr noch ein Stück Sahnetorte ohne Teller in die Hand gedrückt wird. Die Schauspieler kümmern sich sehr um sie. Aber ist das jetzt Kunst, Mutterliebe oder doch eine Quälerei für eine so alte Dame?

100.00 Euro Förderung

Jonathan Meese ist jedenfalls unbestritten Künstler. Ein „Enfant terrible“ der Kunstwelt, ein Originalgenie mit wirren Haaren und Bart, das abseits des Aktuellen seine eigenwilligen Runden dreht. Mit 100.000 Euro hat die Krupp-Stiftung das Stück „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst“ bezuschusst.

Aber was heißt schon Theaterstück? Zu sehen ist eine Performance mit offensichtlich sehr vagem Drehbuch. „Dauer: variabel“ steht auf dem Programmzettel. Bei der Premiere waren es drei Stunden mit einem Vorlauf, in dem Bernhard Schütz – bekannt als Theater- und TV-Schauspieler aus Berlin – Lieder etwa von Robert Schumann zu singen versucht und Meeses Mutter per Video die Handlung von Nabokovs Roman „Lolita“ vorträgt, der im Folgenden sowieso nicht wiederzuerkennen ist.

Mal witzig, mal langweilig

Was dann beginnt, ist von absurder Komik, extrem laut (mit umgedichteter „Sonne“ von Rammstein), grell und provozierend. Mal zum Schreien witzig, mal mit langweiligen Durchhängern so tief wie ein schwarzes Loch.

Schwarz ist auch der Maulwurf, der in der ersten Szene „Ich bin sauber“ ruft – wie alle anderen. „Es wird ein Riss durch Deutschland gehen“ versichert Meese, und dass er im Teutoburger Wald die Alraune des Führers finden will, der bald aus dem Weltenraum einfliegt. Nur schlimm, dass es im Wald eine undichte Stelle gibt. Wahrscheinlich ist es der Popo von Bernhard Schütz, der sich eine eklige braune Pampe (zum Glück scheint es Schokolade zu sein) an den nackten Hintern schmieren lässt.

Die Schauspieler improvisieren den ganzen Abend

Es ist, als wären wir im Schädel des Jonathan Meese gelandet. Und darin wohnt trotz Hitlergruß kein Nazi, sondern eine Art anarchisches Kind in einem Bilder-Bad, das Meese selbst und Mona Ulrich als Ausstatter mit gigantischen Würfeln, einem Skelett und einem Riesen-Bleistift irrwitzig möbliert haben.

Thema ist die Diktatur – aber die der Kunst. Der Film „Zardoz“ von 1974 über eine Revolution wird projiziert, Stalin und Hitler hängen als Leinwand herum. Hier herrscht eine freie Lolita, die auf den Rücken des Künstlers springt und ständig „Nicht den Arm“ ruft.

Lilith Stangenberg agiert fantastisch fiebrig. Überhaupt Hut ab vor den Schauspielern, die die ganze Zeit über improvisieren. Schütz gibt Meese am besten Kontra. Maximilian Brauer und der Dortmunder Uwe Schmieder sorgen für Extreme. Anke Zillich aus dem Dortmunder Ensemble bleibt eher am Rande.

Nur halb geglückt

Der Abend hat Wucht, Kraft und gute Lieder, aber auch ermüdende Wiederholungen, die ganze Gruppen von Besuchern flüchten ließen. Muss man „Lolita“ sehen? Wer sich für den berühmten Meese interessiert, für den ist die Gelegenheit einmalig. Für alle anderen gilt: Das ist verrückt und nur halb geglückt.

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