Spahn: „Es gibt in Europa noch nicht genug Impfstoff, um die dritte Welle zu stoppen“

Coronavirus

Vor dem Impfgipfel von Bund und Ländern hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und RKI-Vize Lars Schaade weiter „um einen langen Atem“ gebeten.

Berlin

19.03.2021, 10:31 Uhr / Lesedauer: 4 min
Jens Spahn (CDU, r), Bundesminister für Gesundheit und Karl Lauterbach, (SPD, l) bei der Pressekonferenz zur aktuellen Coronalage und dem weiteren Vorgehen bei den Impfungen.

Jens Spahn (CDU, r), Bundesminister für Gesundheit und Karl Lauterbach, (SPD, l) bei der Pressekonferenz zur aktuellen Coronalage und dem weiteren Vorgehen bei den Impfungen. © picture alliance/dpa

Es war nur eine kurze Unterbrechung, doch sie zeigt ihre Wirkung. War nach Berichten über eine Nichtwirksamkeit des britisch-schwedischen Impfstoffs Astrazeneca bei über 65-Jährigen die Skepsis bereits zu Beginn groß, dürfte das abrupte Aussetzen der Impfungen wegen möglicher Thrombosen als Nebenwirkung das Vertrauen nicht gestärkt haben.

Am Donnerstag dann das Votum der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA): Der Nutzen des Impfstoffs übersteigt die Risiken. Daraufhin kündigte Spahn noch am Donnerstagabend an, dass ab Freitag Astrazeneca wieder eingesetzt werden könne. „Es gibt in Europa noch nicht genug Impfstoff um die dritte Welle zu stoppen“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und dem Vize-Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lars Schaade am Freitagmorgen.

Spahn: Eher noch auf Verschärfungen setzen

„Ich verstehe die Sehnsucht nach schnellen Lösungen, doch die Wahrheit ist, dass es nicht die eine schnelle Lösung gibt“, so Spahn weiter. Es könne somit sein, dass man in naher Zukunft keine Öffungsschritte geht, sondern eher wieder auf Verschärfungen setzten muss. Es brauche noch einen langen Atem.

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RKI-Vize Schaade betont, dass die die Infektionsrate wieder exponentiell ansteige. „Es ist gut möglich, dass wir nach Ostern wieder eine ähnliche Situation haben wie an Weihnachten mit hohen Infektionszahlen und schweren Verläufen.“ Schaade bittet erneut darum, Kontakte zu reduzieren. „Halten sie sich unbedingt weiter an die Regeln.“ Im Hinblick auf Ostern solle man die Feiertage nur im engsten Kreis verbringen.

Lauterbach begrüßt die Entscheidung der EMA: „Der Impfstoff ist sicher. Ich würde ihn zu jederzeit nehmen.“ Die Situation des exponentiellen Wachstums lasse sich nur verhindern, wenn man wieder in einen harten Lockdown gehe, der dann nicht alt zu lang dauere. „Jede Verzögerung des Lockdowns verlängert einen solchen nur. Rein epidemiologisch gibt es keinen Grund auf den Lockdown zu warten.“

Bund und Länder treffen sich zum Impfgipel

Doch wollen jetzt überhaupt noch alle nach Impfreihenfolge aktuell Berechtigten mit Astrazeneca geimpft werden und was, wenn nicht? Wenn tausende, gar hunderttausende Dosen liegenbleiben? Darum wird es auch beim Impfgipfel gehen, bei dem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Länderchefs am Freitagnachmittag (ab 16 Uhr) via Videoschalte den Impfstart in Arztpraxen abstimmen wollen.

Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nehmen die Impfungen mit Astrazeneca an diesem Freitag wieder auf, wie ihre Landesregierungen mitteilten. Im Südwesten sollen verfügbare Termine zunächst weiter Menschen über 80 sowie den über 65-Jährigen aus besonders gefährdeten Berufsgruppen angeboten werden. In Nordrhein-Westfalen soll Astrazeneca Berufsgruppen wie etwa Lehrerinnen und Lehrern an Grund- und Förderschulen zur Verfügung gestellt werden. Im Saarland sollen Impfungen in einem Modellprojekt der Hausarztpraxen sowie in Krankenhäusern fortgesetzt werden. In Hamburg soll das Astrazeneca-Mittel etwa in Schwerpunktpraxen Menschen mit besonderen Erkrankungen verabreicht werden.

Kritik an den Ländern

Dass etwa Lehrkräfte wie in NRW vorrangig geimpft werden, ruft seit Tagen Kritik hervor. Zunächst müssten Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren bis tödlichen Verlauf geimpft werden, hatten etwa die Beauftragten von Bund und Ländern für die Belange der Menschen mit Behinderung gefordert.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, hatte den Länder vorgeworfen, etwa Erzieher, Lehrkräfte oder Polizisten zu impfen. Die Schwächsten und Gefährdetsten für schwere Covid-19-Verläufe dürften nicht benachteiligt würden. In NRW tobt zugleich ein Streit darüber, ob Kitas und Schulen wegen steigender Corona-Infektionszahlen wieder geschlossen werden sollen.

Forderungen nach Impfungen in Praxen

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte der Deutschen Presse-Agenur in München: „Die Einbindung der Ärzteschaft in die Regelversorgung wäre ein starkes Signal.“ Er hoffe sehr, dass sich Merkel und die Ministerpräsidenten darauf einigen könnten. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte Bund und Länder auf, frühzeitig mit den Corona-Impfungen in den Praxen zu beginnen.

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Bestimmte Kontingente sollten bald über die Apotheken an die Hausärzte gehen, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte der dpa, rund 400.000 schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen daheim hätten keine Chance, eines der über 400 Impfzentren aufzusuchen. „Ohne Einbindung der Arztpraxen kann das nicht gelingen.

Empfehlungen der Länder

Bereits am 10. März hatten sich die Landesgesundheitsminister auf eine Empfehlung für das Spitzentreffen von Bund und Ländern geeinigt. Spätestens in der Woche vom 19. April sollen demnach die Impfungen in den bis zu 70.000 Haus- und Facharztpraxen flächendeckend beginnen. Die Länder wollen ferner, „dass für die Startphase im April bundesweit eine Grundmenge von 2,25 Millionen Impfdosen pro Woche für die Impfzentren zur Verfügung steht“. Bis zu diesem Freitag wollen die Länder dem Bund mitteilen, „wie ihr Anteil auf die verschiedenen Hersteller im April pro Woche aufgeteilt werden soll“.

Zweifel an schnellem Impfstart in Praxen

In der Woche vor dem Impf-Stopp von Astrazeneca haben die Länder knapp 1,8 Millionen Impfdosen gespritzt, also weniger als sie für sich künftig reserviert sehen wollen. Spahn hatte vor einer Woche gesagt, wenn 50 000 Praxen mitmachten und sich auf die geringe Menge von je 20 Impfungen pro Woche beschränkten, bräuchten sie schon eine Million Dosen.

Da die Länder aber auf 2,25 Millionen Dosen für die Praxen bestanden hätten, sei es eine einfache Rechnung, dass zunächst mehr Impfstoff da sein müsse. Die Liefermengen sollen allerdings auch deutlich steigen. Im zweiten Quartal sollen 46,6 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna und 16,9 Millionen Astrazeneca-Dosen geliefert werden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) forderte Klarheit über die im April zu erwartenden Impfstoff-Lieferungen. „Wir müssen insbesondere mit den Prioritätsgruppen 1 und 2 schnell vorankommen“, mahnte Schwesig.

Weitere Forderungen

Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel (CDU) sagte der „Passauer Neuen Presse“: „In den Arztpraxen darf die Priorisierung keine Rolle spielen. Menschen, die prioritär geimpft werden sollen,können über die Impfzentren einen Termin erhalten.“ Der Virologe Alexander Kekulé forderte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, die Impfunterbrechung aufzuholen, indem alle Älteren zunächst nur einmal geimpft werden.

Der AfD-Gesundheitspolitiker Detlev Spangenberg forderte, „dass die Bürger in ihrer Entscheidung, ob und womit sie sich impfen lassen wollen, frei bleiben“.

RND/fw mit dpa

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