Sputnik V: Ein Corona-Impfstoff, der Fragen aufwirft

Coronavirus

Das russische Vakzin Sputnik V wurde als Propaganda belächelt, doch unabhängige Experten bescheinigen dem Serum eine gute Wirksamkeit. Trotzdem ist das Vertrauen in den Impfstoff gering.

Moskau

von Paul Katzenberger

, 19.02.2021, 10:49 Uhr / Lesedauer: 5 min
Algerien, Blida: Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens hält eine Ampulle mit dem in Russland hergestellten Corona-Impfstoff Sputnik V.

Algerien, Blida: Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens hält eine Ampulle mit dem in Russland hergestellten Corona-Impfstoff Sputnik V. © picture alliance/dpa

Journalisten sind zur Objektivität angehalten. Aber als der Moskauer Redakteur Andrej Baranow seinen Artikel über den russischen Impfstoff Sputnik V für das auflagenstarke Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda“ schrieb, konnte er seine Triumphgefühle nicht verbergen: „Der Westen hat schließlich zugegeben: Das russische Vakzin ist das beste“ titelte er.

Sputnik V weist wohl ähnlich hohe Wirksamkeit wie mRNA-Impfstoffe auf

Die Genugtuung, die da aus Ba­ranow herausbrach, beruht auf einem Beitrag in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, in dem Sputnik V mit 91,6 Prozent eine nahezu ebenso hohe Wirksamkeit wie dem deutsch-amerikanischen Serum Comirnaty von Biontech/Pfizer (95 Prozent) attestiert wird.

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Und das bei deutlich einfacherer Nutzung, wie das britische Fachblatt schreibt: Comirnaty müsse bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden, Sputnik V hingegen nur bei minus 20 Grad. Hinzu kommt: Dem in Deutschland ebenfalls bereits zugelassenen Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers Astrazeneca wird derzeit eine Wirksamkeit von 70 Prozent zugesprochen.

Und das auch nur bei Menschen unter 65 Jahren. Für ältere Bürger verweigerte die Ständige Impfkommission in Deutschland dem Präparat von Astrazeneca ihre Empfehlung.

Noch vor der Phase-III-Studie wurde Sputnik V in Russland verimpft

Ist Sputnik V bei diesen Aussagen also tatsächlich der beste Corona-Impfstoff der Welt? Daran bestehen Zweifel. Zunächst einmal: Baranows Hochstimmung ist offensichtlich die gefühlsbetonte Reaktion auf eine Kränkung, die sich aus seinem Artikel schon im ersten Absatz herauslesen lässt:

„Als Russland im vergangenen Sommer bekannt gab“, schreibt er, „dass es als erstes Land der Welt einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus, genannt Sputnik V, entwickelt hatte, brach der Westen in verächtliches Gelächter aus. Wer? Die Russen? Die bluffen doch nur schamlos!“

Es ist nachvollziehbar, dass die Genugtuung bei der vorangegangenen Demütigung groß ist, wenn von einem westlichen hoch angesehenen Fachblatt die Absolution erteilt wird. Doch was ist da Emotion und was sind die tatsächlichen Fakten?

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Denn was der Artikel nicht erwähnt, ist der Umstand, dass sich Russland die Skepsis gegenüber Sputnik V zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben hat. Um im August 2020 den Propagandaerfolg zu erringen, den ersten Corona-Impfstoff weltweit einzuführen, verzichtete das Land damals darauf, die entscheidende dritte Studienphase mit Massentestungen zu beenden, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird.

Stattdessen wurde damit begonnen, einfach so zu impfen. Unter den ersten Probanden war eine der beiden Töchter von Wladimir Putin, wie der russische Präsident wohl aus Propagandagründen mitteilte.

Studiendaten sind nicht vollständig

Inzwischen liegen Daten zur dritten Studienphase zwar vor, die „The Lancet“ für den Artikel auch übermittelt wurden. Doch die sind offensichtlich nicht vollständig.

So kritisiert der Molekularbiologe Enrico Bucci, der in Italien das Institut Resis für wissenschaftliche Integrität leitet, dass vom Moskauer Gemaleja-Institut, das den Vektorimpfstoff entwickelt hat, immer noch nicht die Werte der einzelnen Probanden der Stichprobe mitgeteilt wurden: „Diese Zahlen hätten an ‚The Lancet‘ weitergeleitet werden müssen“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Auch ich habe sechsmal danach gefragt und noch nicht mal eine Antwort bekommen.“

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Stattdessen habe die russische Seite sehr arrogant reagiert. Tatsächlich: Denis Logunow, der führende Forscher am Gemaleja-Institut für Sputnik, antwortete auf eine entsprechende Anfrage des US-Magazins „The New Yorker“ patzig: „Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Welt“, sagte er, „und es ist unmöglich, jedem die Daten zu übermitteln.“

Zulassung bei der EMA noch nicht beantragt

Wer auf die Daten allerdings bestehen würde, wäre die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), um Sputnik V eine Zulassung für die EU zu erteilen. Dass Russland die Registrierung seines Impfstoffs bei der EMA noch nicht einmal beantragt hat, erklärt sich Bucci daher mit der Weigerung, den gesamten Datensatz der Stichprobe herauszugeben.

In der Wissenschaftsgemeinde verursacht eine solche Renitenz Stirnrunzeln. Westliche Produzenten geben solche Daten heraus, und warum die russische Seite es nicht tut, wirft Fragen auf: „Es gibt im Artikel von ‚The Lancet‘ Unstimmigkeiten, die wir nur auflösen können“, sagt Bucci, „wenn wir diese Daten bekommen.“ Die genannte Wirksamkeit von Sputnik V stehe für ihn daher sehr infrage.

Sputnik V wird zum Exportschlager

Dennoch bringt das Fachmagazin dem russischen Impfstoff einen deutlichen Zuwachs an Reputation. Russlands Virenforschung, die schon seit Sowjetzeiten einen guten Namen hat, gesteht Bucci trotz aller Mängel zu, dass Sputnik V wahrscheinlich ein „wirksames Vakzin“ sei:

„Die russische Vektortechnologie ist wissenschaftlich anerkannt.“ Deswegen sei es schade, wenn Russland die Verfahrensregeln umgehen würde: „Sie fügen dem Nimbus ihrer Forschung selbst einen Schaden zu, der wahrscheinlich gar nicht nötig wäre.“

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Vor diesem Hintergrund wirkt die Aussage dann doch etwas zu sehr einer patriotischen Euphorie geschuldet, dass Sputnik V keine geringere Sensation sei als der erste sowjetische Satellit gleichen Namens, der 1957 als erster künstlicher Erdtrabant in die Umlaufbahn geschossen wurde, wie Baranow in seinem Artikel schreibt.

Und doch ist Russland aufgrund des gewachsenen Vertrauens in den Impfstoff inzwischen in der Lage, ihn in aller Welt sehr erfolgreich zu vermarkten. Ob in Tunesien, Argentinien oder Ungarn – in all diesen Ländern wird das russische Vakzin nun verabreicht. Wegen des akuten Mangels an Impfstoffen in Deutschland denkt mittlerweile sogar die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel laut über die Möglichkeit nach, das russische Serum auch in Deutschland verimpfen zu lassen – wenn es denn eine Zulassung gibt.

„Sputnik ist kein Pfizer“

Andererseits hat Russland Probleme, die eigenen Bürger von Sputnik V zu überzeugen. Deswegen tun die Behörden viel dafür, die Immunisierung besonders bequem zu machen: Geimpft wird jetzt auch im Einkaufszentrum Gum gegenüber vom Kreml oder in der Moskauer Oper Helikon, vor Beginn der Vorstellungen, in Smoking und Abendkleid.

Zumindest in Moskau scheint es an Impfdosen nicht zu mangeln, wobei aus den Regionen die Klage zu hören ist, dass sie sich mal wieder von der Hauptstadt abgehängt fühlen. Doch viele, die Zugang zum Impfstoff hätten, sträuben sich. Es kursieren Gerüchte, dass Geimpfte gesundheitliche Probleme bekamen. Ihre Bedenken fasst die pensionierte Lehrerin Tatjana Andreewa in einem prägnanten Satz zusammen: „Sputnik ist kein Pfizer.“

Sie bringt damit ein Misstrauen zum Ausdruck, das in Russland der eigenen Pharmaindustrie gegenüber weit verbreitet ist. Menschen aus dem Westen, die in Russland leben, kann es mitunter passieren, dass sie gebeten werden, von Heimaturlauben Medikamente in großer Zahl für sie mitzubringen.

Als etwa der Handwerker Wolodja Ponomarjow in vor Corona-Zeiten erfährt, dass der deutsche Korrespondent über Weihnachten in die Heimat fahren wird, gibt er sofort eine Bestellung von 400 Tabletten Tamixofen Ratiopharm, 20 Milligramm, auf – ein Jahresbedarf für die Ehefrau, die krebskrank ist. Das Präparat wird auch in Russland produziert, doch Ponomarjow traut dem heimischen Wirkstoff nicht.

Es fehlt Vertrauen in staatliche Institutionen

Den Argwohn gegenüber Arzneimitteln aus eigener Produktion erklärt der Epidemiologe Wasilij Wlassow von der renommierten Wirtschaftshochschule Moskau mit dem grundsätzlich fehlenden Vertrauen der Russen in ihre staatlichen Institutionen: „Die Regulierung aller Gütermärkte ist in Russland sehr schlecht“, sagt er dem RND und fragt zurück: „Haben Sie schon einmal russischen Käse gegessen?“

Eine Frage als pointierte Antwort: Denn seit Russland als Reaktion auf die westlichen Sanktionen den Import von Käse aus der EU gestoppt hat, ist es ein täglicher Gemeinplatz in Russland, sich über die Qualität des Käses russischer Provenienz zu beklagen, der in der Tat extrem geschmacklos ist.

„Wenn es um einen sensiblen Bereich wie Medikamente geht“, erklärt Wlassow weiter, „bei dem es unter Umständen um Leben und Tod geht, wirkt sich das fehlende Vertrauen natürlich besonders stark aus.“

Ergebnisse der Impfstoffe sind schwer miteinander vergleichbar

Wobei das sicherlich nicht der ausschließliche Grund sei, warum sich viele Russen nicht immunisieren lassen wollten: „Impfgegner gibt es überall auf der Welt – in Westeuropa sind nur 50 Prozent der Bevölkerung bereit, sich impfen zu lassen“, erläutert der Epidemiologe, „der Wert dürfte in Russland ähnlich sein.“

Wlassow bezweifelt, ob die Angst vieler Russen vor einer Impfung mit Sputnik berechtigter ist als die von Deutschen, Franzosen, Italienern oder anderen Menschen in der westlichen Welt mit einem Impfstoff von Biontech/Pfizer, Moderna oder Astrazeneca: „Alle haben versucht, in der Situation der Pandemie einen möglichst kurzen Weg zur Zulassung zu nehmen“, sagt er. „Der russische Weg mag noch etwas kürzer gewesen sein, doch das macht nicht den entscheidenden Unterschied aus.“

Jeder Produzent habe sein eigenes Testverfahren und seine eigene Methodik angewandt, was es am Ende schwierig mache, die Ergebnisse zu vergleichen.

Fraglich ist auch, wie viel Sputnik Russland produzieren könnte. „Das weiß niemand so genau“, sagen sowohl Wlassov als auch Bucci: „Es gibt klare Anzeichen“, sagt der italienische Forscher, „dass Russland Sputnik V an andere Länder abgibt, obwohl noch nicht einmal die eigene Bevölkerung mit dem Serum ausreichend versorgt werden kann – aus Propagandagründen.“

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