Superspreading: Städte sollten sich für Pandemien der Zukunft rüsten

Pandemien

Urbanisierungsforscher versuchen herauszufinden, wie die Bevölkerungsdichte und Virusausbreitung zusammenhängen. Was könnte Städte für zukünftige Pandemien widerstandsfähiger machen?

18.07.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wo Menschen auf engstem Raum wohnen, kann sich das Coronavirus rasch ausbreiten. (Symbolbild)

Wo Menschen auf engstem Raum wohnen, kann sich das Coronavirus rasch ausbreiten. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Wo Menschen auf engstem Raum wohnen, kann sich das Coronavirus rasch ausbreiten. So geschehen in Göttingen, wo es Mitte Juni zum Ausbruch des Virus in einem Hochhauskomplex kam. Die knapp 700 Bewohner wurden allesamt unter eine strikte Quarantäne gestellt und durften das Gebäude vorübergehend nicht mehr verlassen. Bei nahezu 120 Anwohnern konnte eine Infektion mit Covid-19 nachgewiesen werden.

Lokale Ausbrüche wie jener in Göttingen befeuern das Infektionsgeschehen immer wieder aufs Neue. Deshalb befasst sich mittlerweile auch die Stadtforschung mit den Auswirkungen der Pandemie. Wie verändert das Coronavirus das Zusammenleben, die Ökonomie der Stadt – und unsere Mobilität?

Superspreading-Standort Stadt?

Superspreading-Standorte wie Göttingen, Gütersloh oder Heinsberg, an denen die Infektionsrate besonders hoch ist oder war, können innerhalb weniger Tage Hunderte neue Corona-Fälle erzeugen. So infizierten sich auf einem Lebensmittelmarkt in Peking vergangenen Monat mehr als 100 Menschen mit Sars-CoV-2 und im Mai steckten sich mehr als 200 Besucher des Ausgehviertels Itaewon in Seoul mit dem Virus an. Zudem traten mehr als 90 Prozent der Covid-19-Fälle in Singapur in den ersten 48 Tagen in Massenunterkünften für Wanderarbeiter auf.

Die Situation ist weltweit ähnlich: Wo eine hohe Bevölkerungsdichte herrscht und die Wohnverhältnisse beengt sind, kann sich die Ausbreitung des Coronavirus stark beschleunigen. Auch historisch betrachtet haben diese Faktoren maßgeblich zu den Ausbrüchen von Krankheiten wie Sars, Cholera, Typhus oder Tuberkulose beigetragen.

Um beurteilen zu können, welche Orte einer Stadt das höchste Infektionsrisiko darstellen, benötigen die Regierungen bessere Instrumente, schreiben Roland Bouffanais und So Sun Lim im Fachmagazin „Nature“. Nach Ansicht der Professoren der Singapur University sollten große Mobilitätsstudien mit epidemiologischen Modellen und demografischen Profilen von Personen, die miteinander in Kontakt gekommen sind, kombiniert werden.

Großstädte als Pandemie-Beschleuniger?

Die dichte Bebauung der Großstädte scheint nicht der Schlüsselfaktor für die Beschleunigung der Corona-Pandemie zu sein. „Zumindest für Deutschland sehen wir derzeit keine robusten Belege für signifikante Unterschiede in der Betroffenheit von Stadt und Land“, so Ralf Zimmer-Hegmann vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS). Hotspots seien eher auf Zufälligkeiten oder lokale Veranstaltungen zurückzuführen, schreibt der Wissenschaftler in der „ILS-Impulse“.

Gänzlich ausblenden könne man die Bedeutung der Bevölkerungsdichte für die Ausbreitung der Pandemie nicht – andere Faktoren scheinen jedoch ebenso wichtig zu sein. Dazu zählt das ILS etwa die Alterszusammensetzung der Bevölkerung oder wie attraktiv Städte für den Tourismus sind. „Besonders entscheidend erscheint uns, wie Städte mit der Krise umgehen und diese managen“, erklärt Co-Autor Prof. Stefan Siedentop. „Großstädte verfügen oft über eine hervorragende medizinische Infrastruktur. Notwendige Einkaufsmöglichkeiten sind nicht weit entfernt und der Nahverkehr sichert eine gute Grundversorgung.“

Das Ende der öffentlichen Verkehrsmittel?

Städte sind geschäftige Orte, an denen sich jeden Tag die Wege Tausender Menschen kreuzen. Ein großer Teil der täglichen Wege spielt sich in öffentlichen Verkehrsmitteln ab. Welche Rolle überfüllte und schlecht belüftete Züge und Busse bei der Verbreitung des Coronavirus spielen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch langfristig könnte sich die Pandemie auf die Frequenz und die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel auswirken.

Möglicherweise sind jedoch Veränderungen nötig, da zum Beispiel die Anordnung der Sitzplätze in U-Bahnen und Bussen in Hinblick auf die Virusübertragung überdacht werden müsste. Gleichzeitig könnte die Ansteckungsgefahr in Massenbeförderungsmitteln zu einer Verzögerung der Verkehrswende führen, da Social Distancing im Auto leichter fällt. Fuß- und Radwege könnten Abhilfe schaffen, müssten dafür jedoch stärker gefördert werden.

Auch für die Wissenschaftler der Singapur University stehen solche potenziellen Kontaktorte im Zentrum ihrer Überlegungen. Wie oft stehen wir in engem Kontakt mit Menschen? Für wie lange? Und welche Orte in unserem Alltag bringen uns in engen Kontakt mit der größten Anzahl fremder Menschen? Das sind die zentralen Fragen.

Widerstandsfähigere Städte werden zur Hauptaufgabe

Womöglich kann die Stadtplanung Einfluss auf den Verlauf der Pandemie nehmen. In London, wo es um das Jahr 1850 einen schweren Cholera-Ausbruch gab, der auf verunreinigtes Trinkwasser zurückzuführen war, verlegte man unterirdische Abwasserrohre und Kanäle. Breitere Straßen und Fußwege wären heute eine geeignete Maßnahme, um Kontakte zu reduzieren.

Die entscheidende Frage sei laut Siedentop und Zimmer-Hegmann nun, wie Städte dauerhaft widerstandsfähiger in Bezug auf Infektionskrankheiten werden können. Davon seien vor allem die medizinische Versorgung, die Energie- und Wasserversorgung sowie der Nahverkehr betroffen. Eine angemessene Siedlungsdichte, gute Wohnverhältnisse und Grünflächen bleiben laut ILS wichtige Eckpunkte einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Besonders städtische Nachbarschaften haben sich in der Krise als resilient erwiesen. „Was wir bislang an Hilfsbereitschaft und Solidarität gerade gegenüber den älteren Mitmenschen erlebt haben, zeigt das Potential an sozialem Kapital in funktionierenden Nachbarschaften“, schreiben die Wissenschaftler. Die gelebte Alltagssolidarität auch langfristig zu fördern, darauf komme es an.

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