Thüringen: AKK besteht vorerst nicht mehr auf Neuwahl

Eklat in Thüringen

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte nach dem Wahl-Eklat von Thüringen eigentlich eine sofortige Neuwahl gefordert. Doch nun räumt sie der Landes-CDU noch eine Schonfrist ein.

Erfurt, Berlin

07.02.2020, 08:39 Uhr / Lesedauer: 3 min
Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, bei einer Pressekonferenz nach einem Krisengespräch mit CDU-Politikern in Thüringen.

Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, bei einer Pressekonferenz nach einem Krisengespräch mit CDU-Politikern in Thüringen. © dpa

Nach einem bundesweiten Proteststurm wegen der maßgeblichen Rolle der AfD hatte Kemmerich am Donnerstag die Bereitschaft erklärt, seinen Posten wieder zu räumen. „Der Rücktritt ist unumgänglich“, sagte der FDP-Politiker nach einem Krisentreffen mit FDP-Chef Christian Lindner, der extra nach Erfurt gereist war.

Spitzenvertreter von Linkspartei, SPD und Grünen in Thüringen forderten Kemmerich auf, bis Sonntag seinen Rücktritt zu erklären. Der FDP-Mann hat bisher keinen klaren Fahrplan genannt.

Nach der Wahl Kemmerichs mit AfD-Stimmen steht auch Lindner parteiintern massiv unter Druck. Er kündigte an, an diesem Freitag bei einer Sondersitzung des Bundesvorstandes die Vertrauensfrage zu stellen.

Kemmerich sagte auf die Frage, ob er zu seiner Erklärung gezwungen worden sei: „Gezwungen hat uns niemand.“ Lindner hatte aber deutlich gemacht, dass er nicht Bundesvorsitzender bleiben könne, wenn eine Parteigliederung in Abhängigkeit zur AfD stehe.

Die FDP-Fraktion Thüringen will einen Antrag auf Auflösung des Landtags zur Herbeiführung einer Neuwahl stellen. Mohring wollte eine Neuwahl des Landtags unbedingt vermeiden. Der amtierende Ministerpräsident könne die Vertrauensfrage im Landtag stellen und die Wahl eines Nachfolgers ermöglichen, schrieb er auf Twitter. Der bisherige Ministerpräsident Bodo Ramelow steht weiter als Kandidat zur Verfügung, wie der Vize-Chef der Thüringer Linken, Steffen Dittes, sagte.

Auflösung des Parlaments nicht so leicht möglich

Am Donnerstagvormittag hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Wahl Kemmerichs mit Hilfe von Stimmen der CDU und der AfD „unverzeihlich“ genannt und verlangt, das Ergebnis dieses Vorgangs müsse korrigiert werden. „Es war ein schlechter Tag für die Demokratie. Es war ein Tag, der mit den Werten und Überzeugungen der CDU gebrochen hat, sagte Merkel während einer Südafrika-Reise.

Eine Auflösung des Parlaments ist indessen gar nicht so leicht möglich. Nach der Landesverfassung muss eine Abstimmung über Neuwahlen von mindestens einem Drittel der Abgeordneten beantragt werden - in Thüringen wären das 30. Die FDP-Fraktion hat aber nur fünf Abgeordnete im Thüringer Landtag. Um eine Neuwahl tatsächlich zu beschließen, wären sogar die Stimmen von zwei Dritteln der Abgeordneten nötig. Kemmerich machte deutlich, sollte dies nicht gelingen, würde er die Vertrauensfrage im Landtag stellen.

CDU-Präsidium tagt am Freitag

Spannend wird sein, wie Kramp-Karrenbauer mit ihrem Erfurter Gesprächsergebnis am Freitag beim CDU-Präsidium in Berlin ankommt. Das hatte auf ihre Initiative hin eine sofortige Neuwahl empfohlen. Lindner stellt seinerseits am Freitag die Vertrauensfrage im FDP-Vorstand. Die Wahl Kemmerichs war das erste Mal, dass die AfD einem Ministerpräsidenten ins Amt verhalf.

Linken-Chef Bernd Riexinger sieht sogar die politische Zukunft Kramp-Karrenbauers auf dem Spiel. „Je länger die CDU hier rumeiert, desto wahrscheinlicher wird es, dass Kramp-Karrenbauer das nicht überlebt“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Das war ein Tabubruch. Und die Bundesführung hatte nicht die Autorität, das zu unterbinden.“

Die Bundesvorsitzende der FDP-Nachwuchsorganisation Junge Liberale, Ria Schröder, ließ offen, ob sie Lindner bei seiner Vertrauensfrage unterstützen wird. „Es ist zu klären, ob Fehler gemacht worden sind, die hätten vermieden werden müssen“, sagte sie dem „Mannheimer Morgen“ (Freitag). „Und da werde ich bei der Sitzung einige Frage stellen und dann anhand der Antworten entscheiden.“

Die bayerischen Liberalen stärkten ihrem Parteichef den Rücken: „Er hat mein Vertrauen“, sagte Landeschef Daniel Föst der „Augsburger Allgemeinen“ (Freitag). Parteivize Katja Suding sagte dem Nachrichtenportal „Watson“, es sei wichtig gewesen, dass Lindner Kemmerich „zum Rücktritt bewegen konnte“. „Das war wichtig als Signal dafür, dass die FDP nichts mit der AfD zu tun hat.“

SPD will in der Großen Koalition will eine Menge Fragen klären

Die Wahl Kemmerichs belastet auch die große Koalition in Berlin. „Es gibt eine Menge Fragen, die beantwortet werden müssen, um das Vertrauensverhältnis zu klären“, sagten die Parteichefs Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit wüssten sie nicht, „woran wir sind mit der CDU“. Um das zu klären, hat die SPD für Samstag einen Koalitionsausschuss durchgesetzt.

Merkel wollte sich in Südafrika nicht zu der Frage äußern, ob die Vorgänge in Thüringen auch dazu führen könnten, dass die große Koalition in Berlin scheitert. Die SPD-Chefs wiesen den Vorwurf zurück, die Sozialdemokraten könnten die Gelegenheit ausnutzen, um die Koalition platzen zu lassen. „Wir taktieren hier nicht“, betonte Esken. „Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen, diesen Dammbruch aufzuhalten, der dramatische Folgen haben kann, auch für andere Bundesländer.“

RND/dpa