Todesanzeige für die Erde

Kino: Mit "Melancholia"

Wegen seiner indiskutablen Nazi-Äußerungen wurde Lars von Trier in Cannes zur unerwünschten Person (wir berichteten). Seinem Film "Melancholia", den er dort vorstellte und der ab heute in den Kinos läuft, sollte dieser Platzverweis nichts anhaben. Der Regisseur hat ein Meisterwerk abgeliefert. Trotz alledem.

von Von Klaus-Peter Heß

, 05.10.2011, 17:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Braut (Kirsten Dunst) mit Maiglöckchen - eine Todesanzeige für die Erde.

Die Braut (Kirsten Dunst) mit Maiglöckchen - eine Todesanzeige für die Erde.

er Verleih bewirbt den Film indes mit einer Todesanzeige. Auf dem Bild ist Kirsten Dunst zu sehen: umwölkt von einem Brautschleier, einen Strauß Maiglöckchen in der Hand. Darüber der Titel und der Name des Regisseurs, darunter die Liste der Hauptdarsteller. Das Ganze schwarz umrahmt. Dass es im Grunde eine Todesanzeige für die Erde ist, offenbart der Film in seinen ersten Minuten. In einer irritierenden dramatischen Ouvertüre voller Schönheit und Schrecken. Mit grazilen Zeitlupenaufnahmen von einer entrückt wirkenden, leichenblassen Braut. Von einem Reitpferd, das im wogenden hohen Gras einer Parkanlage versinkt. Von großen Vögeln, die tot vom Himmel fallen. Von einem Nachtfirmament mit drei strahlend hellen Monden.Wagners "Tristan und Isolde" Schließlich vom ultimativen Crash: Der riesige Planet „Melancholia“ trifft auf den so genannten „blauen Planeten“, er lässt ihn explodieren und zerstäubt ihn förmlich in Nanopartikel. Unterlegt ist diese brillant fotografierte Sequenz mit der schmerzhaft-süßen Eröffnungsmusik aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Ganz große Oper ist das – und ganz großes Kino. Dann der ästhetische Schwenk – wie ein Rückfall in alte Dogma-Zeiten: Eine nervöse Handkamera wuselt zwischen Festgästen umher und suggeriert dokumentarische Nähe, eine fürstliche Hochzeit auf einem in der Einöde liegenden Schloss unterstellt höchstes Glück. Doch die Gäste stehen am moralischen Abgrund. Stolz, Habgier, Wut, Ausschweifung, Maßlosigkeit, Eifersucht und Ignoranz prägen das Fest. Feierbiester tanzen auf dem Vulkan.Depressive Einsamkeit Nur Justine (Kirsten Dunst), die Braut, schert aus. Aus der zunächst locker-fröhlichen Haltung in depressive Einsamkeit. Immer tiefer gräbt sie sich ein in die nach außen hin abgeschirmte Eigenwelt der Melancholie. Sie scheint schon länger an der Krankheit zu leiden. Die Hochzeit ist wohl ein letzter Versuch, in die Welt der Normalität zurückzukehren. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Das Ende der Zeremonie ist auch das Ende der gerade erst geschlossenen Ehe. Der Bräutigam gibt auf. Als Meldungen auftauchen, dass ein Planet auf die Erde zurast, behält allein Justine die Ruhe. Komm, süßer Tod! Claire (Charlotte Gainsbourg), die bisher so pragmatisch veranlagte Schwester von Justine, wird hingegen hyperaktiv, flippt völlig aus. Ihr Mann (Kiefer Sutherland) bringt sich um. Das Leben ist böse, zum letzten Mal. Das Ende ist Pathos. Ein Happyend ist ausgeschlossen.Totaler Untergang Lars von Trier arbeitet die Geschichte vom totalen Untergang in einem Zweiakter der Kontroversen ab. Nach dem grandiosen Zeitlupenauftakt die Nervosität und Aufgeregtheit der Festgemeinde. Ihre Boshaftigkeiten sind begleitet von grimmigem Humor. Nach dem Ende der Feier das bange, ohnmächtige Warten auf das Ende allen Lebens. Lange Einstellungen auf die beiden von Blitzen umzüngelten Schwestern, während das Grollen des herannahenden Planeten immer lauter wird. Kirsten Dunst gibt der Todesnähe ein faszinierendes Antlitz, Lars von Trier dem apokalyptischen Film ein neues Gesicht. Die Wirkung ist verstörend, beunruhigend. Ein Kunstwerk, das keiner Kommentare seines Schöpfers bedarf 

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