Tödlicher Schuss auf SEK-Beamten - Täter: „Hatte Angst und Panik“

mlzKriminalität

Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Gelsenkirchen wird ein SEK-Beamter von einem Schuss tödlich getroffen. Jetzt steht der Täter in Essen vor Gericht.

Essen/Gelsenkirchen

, 24.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Diese Tat macht immer noch fassungslos. Vor sechs Monaten hat ein mutmaßlicher Drogendealer in Gelsenkirchen einen SEK-Beamten erschossen. Seit Freitag steht der 30-Jährige in Essen vor Gericht. Die Anklage lautet auf Mord. Er selbst scheint sich dagegen eher auf eine Art Notwehr berufen zu wollen.

Von „nackter Angst und Panik“ ist in einer Erklärung die Rede, die Verteidiger Siegmund Benecken zum Prozessauftakt vor dem Essener Schwurgericht verlesen hat. Er habe mit einem Überfall einer Rockergruppe gerechnet, die ihn einige Zeit vorher bedroht habe.

Westen mit der Aufschrift „Polizei“

Die SEK-Beamten waren um sechs Uhr morgens an seiner Gelsenkirchener Wohnung aufgetaucht. Es war der 29. April 2020. Der Einsatzbefehl war einfach: festnehmen und die Wohnung nach Waffen und Drogen durchsuchen. Tatsächlich waren später rund 1,4 Kilo Marihuana sichergestellt worden.

Die Haustür wurde mit Hilfe einer Hydraulikpresse aufgestemmt, die Wohnungstür im Dachgeschoss mit einer Ramme aufgebrochen. Laut Anklage trugen die Beamten Westen mit der Aufschrift „Polizei“, außerdem sollen sie sich durch Rufen zu erkennen gegeben haben. Doch das will der Angeklagte nicht gehört haben.

Pistole lag im Nachttisch

Er hatte sich nach eigenen Angaben erst kurz zuvor schlafen gelegt, war durch die Geräusche im Hausflur jedoch wieder aufgewacht. Seine Pistole lag in der Schublade des Nachttisches. „Ich hatte die Waffe auf die Tür gerichtet“, hieß es in seiner Erklärung. „Während ich noch überlegte, einen Warnschuss abzugeben und zu schreien ,Haut ab, ich bin bewaffnet, ich schieße‘ flog mir die Tür mit einem lauten Knall entgegen.“ Da habe er geschossen.

Angeklagter wurde vorher observiert

Er war danach sofort ins Badezimmer geflüchtet, hatte sich dort widerstandslos festnehmen lassen.

Warum es überhaupt so weit kommen musste, ist unklar. Verteidiger Benecken hält den SEK-Einsatz im Rückblick nicht nur für zu gefährlich, sondern auch für überzogen.

Auch wenn man gewusst habe, dass der Angeklagte Waffen besitze, hätte man aus seiner Sicht auch schon vorher zugreifen können. Schließlich sei der 30-Jährige observiert worden. „Man sah ihn auf der Straße, mit seinem Hund, natürlich ohne Waffen“, so Benecken am Rande des Prozesses. „Da hätte man ihn ohne weiteres festnehmen können.“

Warum wurde nicht geklingelt?

Auch der Angeklagte hat für den Einsatz kein Verständnis. „Ich habe die Beamten gefragt, warum sie nicht einfach geklingelt hätten“, heißt es in seiner Erklärung. Dann hätte er die Tür aufgemacht, so dass es zu der ganzen Situation gar nicht gekommen wäre.

„Ich würde nie eine Gewalttat begehen“, ließ er die Richter wissen. „Ich würde nie auf die Idee kommen, auf einen Polizisten zu schießen.“ Die Situation habe ihn „überrannt und total überfordert“.

Urteil voraussichtlich am 17. Dezember.

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