Tragödie im Altenheim: Drei Jahre Haft nach Brandanschlag

Justiz

Weil sich ein verwirrter Mitbewohner immer wieder im Zimmer vertan hatte, griff ein anderer Bewohner in einem Recklinghäuser Altenheim zum Feuerzeug – und sorgte damit für eine Tragödie.

Bochum

von Werner von Braunschweig

, 26.05.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Foto zeigt den schwer erkrankten Angeklagten (Mitte) beim Prozessauftakt.

Das Foto zeigt den schwer erkrankten Angeklagten (Mitte) beim Prozessauftakt. © Werner von Braunschweig

Nach einem folgenschweren Brandanschlag auf einen Mitbewohner in einem Altenheim in Recklinghausen ist ein ehemaliger Heimbewohner (52) am Dienstag zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Anders als die Staatsanwaltschaft unterstellte das Bochumer Schwurgericht dem Frührentner keinen Tötungsvorsatz. „Vieles spricht dafür, dass der Angeklagte vom Ausmaß des Anzündens des Mitbewohners selbst überrascht war“, hieß es in der Urteilsbegründung.

Richter sicher: Angeklagter wollte nicht tötenDer „multi-morbid erkrankte“ Angeklagte (Schlaganfälle, Herzinfarkt, Diabetes, Nierenleiden und Demenz) hatte im Prozess zugegeben, den Mitbewohner (68) am 13. November 2020 mit einem Feuerzeug am Oberhemd angezündet zu haben. Das demenzkranke Opfer hatte sich zuvor immer wieder in das Zimmer des Angeklagten verirrt und sich am fraglichen Tag zudem an dessen Süßigkeiten vergriffen.

Töten wollen habe der 52-Jährige den Mitbewohner deswegen aber nicht, urteilte das Schwurgericht. „Der Angeklagte wollte seine Ruhe haben. Auch um den Preis einer schweren Verletzung des Mitbewohners“, sagte Richter Josef Große Feldhaus. Dass dem Angeklagten überhaupt ein Feuerzeug zum Rauchen im eigenen Zimmer erlaubt gewesen ist, lag an einer coronabedingten Ausnahme.

„Den letzten Rest an Lebensqualität genommen“

Das Opfer war damals brennend auf den Flur gelaufen. „Ein Pfleger hat dem Mann wahrscheinlich das Leben gerettet, indem er ihm das Hemd vom Leib gerissen hat“, hieß es beim Urteil. Die Verletzungen waren massiv: 20 Prozent der Körperoberfläche waren im Ausmaß des dritten Verbrennungsgrades betroffen.

Der 68-Jährige lag tagelang im künstlichen Koma und ist heute dauerhaft bettlägerig. „Ihm ist der letzte Rest an Lebensqualität genommen worden“, sagte Nebenklagevertreter Heinz-Hermann Mues.

Der Angeklagte hatte den Tatverdacht eher zufällig auf sich gezogen. Wie es im Urteil hieß, war einer Physiotherapeutin seine schwarzverfärbte Hand aufgefallen – offensichtlich eine Folge eines eigenen Feuer-Ausklopfversuches.

Staatsanwältin geht von versuchtem Totschlag aus

Haftfähig war und ist der 52-Jährige aber wohl nicht. Seit seiner Festnahme ist er (unter anderem dialysebedingt) durchweg in einem Justizvollzugskrankenhaus untergebracht.

Ein psychiatrischer Gutachter hatte zuletzt sogar eine krankheitsbedingt aufgehobene Schuldfähigkeit beim Angeklagten ins Spiel gebracht – diesem Vorstoß konnte aber letztlich niemand folgen.

Staatsanwältin Christine Ziplies hatte den Brandanschlag als versuchten Totschlag eingestuft („Dem Angeklagten war jedes Mittel recht, um seinen Frieden zu bekommen“) und neun Jahre und acht Monate Haft beantragt. Das Urteil lautet auf schwere und gefährliche Körperverletzung.

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