Trotz Netflix und Co.: Der „Tatort“ läuft und läuft und läuft – Warum?

50 Jahre „Tatort“

Nach 50 Jahren Fernsehgeschichte, in Zeiten von Netflix und Video on demand, da wäre eigentlich Zeit für einen Abgesang. Beim „Tatort“ fällt das schwer. Woher kommt die anhaltende Begeisterung?

17.11.2020, 17:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
Rennende Beine - ein Motiv aus dem Vorspann zur ARD-Krimireihe "Tatort". Die Krimireihe begann am 29. November 1970 mit dem Film "Taxi nach Leipzig" und läuft immer noch.

Rennende Beine - ein Motiv aus dem Vorspann zur ARD-Krimireihe "Tatort". Die Krimireihe begann am 29. November 1970 mit dem Film "Taxi nach Leipzig" und läuft immer noch. © picture-alliance/ dpa

Am „Tatort“ scheiden sich die Geister. Für die einen ist er Kult, für die anderen die Pest. Oder allenfalls ein zu belächelndes Relikt aus Zeiten des Röhrenbildschirms. Nichtsdestotrotz können sich die Sonntagabend-Erstausstrahlungen über ein Millionenpublikum freuen. Ausgerechnet die Krimireihe über Mord und Totschlag ist nicht totzukriegen. Experten sehen den Grund gerade darin, dass es eben nicht DEN „Tatort“ gibt.

„Manche „Tatort“-Standorte haben hervorragende Drehbuchautoren, manche erlauben auch Experimente“, sagt die Kulturanthropologin Regina Bendix von der Universität Göttingen. Der Zuschauer habe somit eine Auswahl. „Wer schon lange „Tatort“ schaut, kann diese Unterschiedlichkeit auskosten. „Tatort“ ist nicht gleich „Tatort“.“

Die Abwechslung macht den „Tatort“ aus

„Wenn man zehn Millionen Zuschauer haben will, muss man eine Mischkalkulation machen“, erklärt Germanist Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie. Für jüngere, Netflix-erprobte Generationen müsse etwas dabei sein, dass sich am Kino orientiert. Die Wiesbadener Folgen um Ulrich Tukur oder das Weimarer Team um Christian Ulmen und Nora Tschirner seien Beispiele. Großeltern sei das womöglich zu schnell, die bräuchten eher Kammerspielartiges.

Darf es eher klamaukig wie bei Nora Tschirner und Christian Ulmen sein...

Darf es eher klamaukig wie bei Nora Tschirner und Christian Ulmen sein... © picture alliance/dpa

Gerade die Abwechslung mache es aus, sagt Scherer. „Man muss schon Experimente wagen, aber nicht zu viele.“ Folgen von Regisseur Dominik Graf etwa, der auch einen Teil der Jubiläumsdoppelfolge verantwortet, überforderten viele. „Aber ich glaube, das Format ist unverwüstlich.“

... oder lieber experimentell wie bei Ulrich Tukur? Der „Tatort“-Zuschauer kann sich aus einem breiten Spektrum seine liebsten Ermittler aussuchen.

... oder lieber experimentell wie bei Ulrich Tukur? Der „Tatort“-Zuschauer kann sich aus einem breiten Spektrum seine liebsten Ermittler aussuchen. © picture alliance / HR/HR Presses

Zudem baue sich der „Tatort“ kontinuierlich um, betont Bendix. „Dass er sein 50. Jubiläum feiern kann, leitet sich aus der recht genialen föderalen Anlage ab, der es nach 1989 auch gelang, in gewisser Weise integrativ zu wirken.“ Früher noch stärker habe der „Tatort“ zur Landeskunde beigetragen, sagt auch Scherer. „In Norddeutschland hat man durch den „Tatort“ die Lebensverhältnisse in Bayern kennengelernt und umgekehrt.“

Wer beim Publikum nicht ankommt, wird schnell abgesetzt

Durch den regen Wandel könnten auch neue Herangehensweisen gut getestet werden, sagt Christian Hißnauer vom Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Wenn etwas dann beim Publikum nicht ankomme, wie etwa der Saarbrücker Ermittler Jens Stellbrink (Devid Striesow), könne es schnell abgestellt werden. „Gleichzeitig stabilisieren die Altbekannten das Format.“

Und wer gar nicht bei den Zuschauern ankommt – wie Devid Striesow – wird kurzerhand wieder aus dem Programm genommen.

Und wer gar nicht bei den Zuschauern ankommt – wie Devid Striesow – wird kurzerhand wieder aus dem Programm genommen. © picture alliance / dpa

Insbesondere der Hessische und der Mitteldeutsche Rundfunk trauten sich, experimentelle Kriminalfilme umzusetzen, meint Sabine Pofalla aus der Chefredaktion der Website „tatort-fans.de“. „Der WDR, NDR und BR hingegen bedienen im Wesentlichen die Sehgewohnheiten der – vorwiegend älteren – Stammzuschauer, die klassische Erzählformate bevorzugen. Das sind jene „Tatort“-Liebhaber, die sich regelmäßig Kommissar Haferkamp, Bienzle oder Horst Schimanski aus den Anfängen der Serie zurückwünschen.“

Die Mischung sei ausbalanciert und genau richtig, findet Pofalla. „Spannend, ernst, komisch, überraschend, erschreckend, seriös und albern: Der „Tatort“ erzeugt Emotionen.“

Eines der letzten medialen Lagerfeuer

Auch Hendrik Buhl vom Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur an der Uni Regensburg, findet, die ARD habe alles richtig gemacht, dass sie die Reihe im Laufe der Zeit breiter aufstellte und beispielsweise mit den Til-Schweiger-„Tatorten“ mehr Action bot. „Das ist der Versuch, andere Milieus zu erreichen.“

Der Wandel sorge für Erneuerung. Zugleich funktioniere der „Tatort“ nach wie vor dank der einfachen Formel: Mord-Detektion-Aufklärung. Den „Tatort“ bezeichnet Buhl als „letztes fiktionales Fernsehereignis“, als „eines der letzten medialen Lagerfeuer, vor denen sich die Nation versammelt“.

Das liegt aus Bendix‘ Sicht auch am Sendeplatz am Sonntag um 20.15 Uhr: „Der markiert das Ende des Wochenendes.“ Da sei oft Zeit zum generationsübergreifenden, gemeinsamen Gucken. „„Tatort“ wirkt – für manche – vergemeinschaftend. Menschen tauschen sich mit Familie und Freunden oder auch am Arbeitsplatz darüber aus“, sagt sie.

Dass dabei auch gelästert werde, tue wenig zur Sache: „Es bilden sich Vorlieben heraus für ein Ermittlerduo, Antipathien für ein anderes, Neugierde, wie ein neuer „Tatort“-Ort sich entwickeln wird, und Genuss, gemeinsam mit einem altvertrauten „Tatort“-Team zu altern.“

Anders sieht es etwa Hißnauer: Der Sendeplatz passe für viele nicht mehr in den Tagesablauf. Viele guckten heute zeitversetzt. Das habe auch Folgen für den „Tatort“ als Gesprächsthema: „Man kann sich nicht mehr sicher sein am Montagmorgen, dass das Gegenüber ihn auch geguckt hat.“ Das sei früher anders gewesen. „Da wusste man, dass der Kollege „Wetten, dass..?“ oder „Tatort“ geguckt hatte.“

Buhl betont ebenfalls, dass die „Erzählform der Stunde“ die horizontal erzählte Serie sei. „Vielleicht sollte es den „Tatort“ daher auch in Form von Miniserien geben, eventuell sogar mit eigenen Teams dafür, die dann über mehrere Folgen einen Fall lösen.“ Das entspreche mehr der Netflix-Generation und den neuen Sehgewohnheiten. Zudem liege ein wichtiger Faktor auf der Mediathek und ähnlichen Nutzungsformen: „Wenn man junge Zuschauer halten will, dann online.“

dpa

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