Tschechows "Drei Schwestern" in Zeitlupe

Schauspielhaus Bochum

BOCHUM. "Warum wir leben, warum wir leiden, wenn wir's doch wüssten..." - ratlos bleiben Tschechows "Drei Schwestern" am Ende von Paul Koeks Inszenierung im Bochumer Schauspielhaus zurück. Gelitten haben, so vermitteln es einige Buhrufe bei der Premiere, auch die Zuschauer.

von Von Ronny von Wangenheim

, 07.10.2011, 19:52 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die "Drei Schwestern" spielen in einem gigantischen Setzkasten.

Die "Drei Schwestern" spielen in einem gigantischen Setzkasten.

Es ist keine einfache Kost, die Paul Koek bietet. Der Niederländer, der mit seiner Veen fabriek zum zweiten Mal am Bochumer Schauspielhaus arbeitet, verbindet in seiner Arbeit Sprache und Musik. Sein Ensemble ist für ihn wie ein Orchester, in der jedes Instrument gleich wichtig ist, das Stück wie eine Komposition.

Von der er offensichtlich keine Note streichen wollte. Dreieinhalb Stunden zieht sich Tschechows Drama endlos dahin, so wie das Leben an den drei Schwestern vorbeizieht. Olga, Mascha und Irina, sie leben in der Vergangenheit und in der Zukunft, die für sie Moskau bedeutet. Nie aber in der Gegenwart, in der Provinzstadt, wo nur das Militär Abwechslung bringt. "Das Leben hat uns überwuchert wie Unkraut", sagt Irina irgendwann.Seltene Slapstickeinlagen

Paul Koek dehnt die Zeit bewusst. Seine Schauspieler bewegen sich in Zeitlupe, dann wieder mit manierierten Bewegungen. Nur selten gibt es ein paar Slapstickeinlagen.

Das Gefühl von Leere, Gleichgültigkeit, Stillstand wird über die Stunden übermächtig. Dafür sorgen auch drei Musikerinnen, die mit ihren strähnigen Haaren an Nornen erinnern. Mit Material des Komponisten Morton Feldman, mit langen Klängen und Tönen auf Klavier, Cello, Flöten und Porzellangeschirr erzählen auch sie Tschechows Geschichte von der Unfähigkeit, sein Leben zu verändern. 

Auch wenn das Ende des Abends zu langsam kommt: Vieles begeistert in der Inszenierung, von der man spürt, dass jedes Detail, von den Kostümen über die Musik bis zur kleinsten Rolle durchdacht und miteinander verwoben ist. Beeindruckend ist das Bühnenbild von Theun Mosk. Vom Keller bis zum Schnürboden hat er Zimmer auf- und nebeneinander gestapelt, sichtbarer Ausdruck für die Schwierigkeit, miteinander zu kommunizieren.Ergreifende Seelenporträts

 Hier ist Raum für die 14 Schauspieler, die auch dann auf der Bühne stehen, wenn sie keinen Text haben. Ihnen gelingen immer wieder ergreifende Seelenporträts. Bettina Engelhardt als beherrschte Schwester Olga, Anna Grisebach, die ihrer Mascha eine tiefe Verzweiflung verleiht, oder auch Nadja Robiné, deren Schwägerin Natalja voller Energie das Heft an sich reißt, seien nur als Beispiele genannt. 

Karten: Tel. (0234) 33 33 55 55

 

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