Über das Gedenken an die Corona-Toten: Das lange Sterben des Oliver Ritter

Coronavirus

Die Corona-Toten tauchen meist nur als Zahl in unserem Denken auf, selten als Menschen. Über Oliver Ritter, eines dieser 78.000 Opfer – und unsere ganz spezielle Unfähigkeit zu trauern.

Berlin

von Thorsten Fuchs

, 18.04.2021, 18:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Mehr als 78.000 Menschen sind bislang in Deutschland an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Mehr als 78.000 Menschen sind bislang in Deutschland an den Folgen von Covid-19 gestorben. © picture alliance/dpa

Zum Beispiel hat Oliver Ritter gerne Musik gemacht. Klavier hat er gespielt, aber als sie in der Band damals beim Wehrdienst in Halberstadt keinen Sänger hatten, da hat er eben gesungen, egal, sagte er, und so sind sie über die Dörfer gezogen. Später hat er mit einem Freund einen Gershwin-Abend geprobt, und wer weiß, hat er manchmal gesagt, wenn sie dann nicht das Haus gebaut hätten, vielleicht wäre er ja sogar Musiker geworden.

Und auf dem Wasser war er gerne, Wasserski, Kitesurfen, Wakeboard, egal, Hauptsache, schnell und wild übers Wasser. In jedem Sommer fuhren sie nach Mecklenburg, an die Ostsee, zuletzt auch mal nach Sansibar, und noch im Januar, zu Beginn des vergangenen Jahres, waren sie in Kenia.

Von Afrika aus verfolgten sie, Oliver Ritter und seine Frau Ilka, die Nachrichten über dieses rätselhafte Virus, das da über die Welt zu kommen schien, über die ersten Infektionen auch in Deutschland, und sie fragten sich, was das alles für sie bedeuten könnte.

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„Am 28. Januar noch kerngesund in Kenia auf dem Kitebrett“, sagt Ilka Ritter heute lakonisch. „Und genau zwei Monate später intubiert auf der Intensivstation.“

So war es in ihrem Fall.

Wenn Deutschland an diesem Sonntag der hierzulande inzwischen mehr als 78.000 Opfer der Pandemie gedenkt, dann wird Oliver Ritter eines von ihnen sein. Eine zentrale Feier wird es in Berlin geben, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der Bundespräsident wird sprechen, alles soll „in kleinster Zusammensetzung“ stattfinden, kündigt das Bundespräsidialamt an.

Das Drama der gesellschaftlichen Taubheit

Kleinste Zusammensetzung, engster Kreis, das ist dieser Tage nicht anders möglich. Und doch steht so ein Gedenken in äußerlich kleinster denkbarer Form seltsam symbolisch für die öffentliche Wahrnehmung der Toten in dieser Pandemie. 78.000, das ist so eine gewaltige Zahl, und doch scheinen die Opfer dieser Katastrophe kaum eine Rolle zu spielen. Sie sind eine amtliche Größe, die neueste Zahl am Morgen verlesen im Radio, hinter den aktuellen Infektionen, dem Inzidenzwert; was für Lockerungen oder Schließungen und das künftige Leben eben gerade relevant ist. Als Individuen jedoch, als Mutter oder Vater, Großvater oder Großmutter, als Menschen bleiben sie auf auffällige Weise unsichtbar – und mit ihr die Trauer. Von einer „gesellschaftlichen Taubheit“ spricht der Hamburger Pastor Kord Schoeler, um den es später in dieser Geschichte gehen wird.

Hat das einen Grund? Und was würde es ändern, wenn es anders wäre?

Ilka Ritter, die Witwe von Oliver Ritter, kann genau sagen, wann sie sich mit dem Virus infiziert: Es war am Freitag,13. März 2020. Ilka Ritter sitzt mit ihrem Schwager und dessen Frau zusammen, sie stornieren den Skiurlaub, von dem schon klar ist, dass er nicht stattfinden wird, sie machen sich da keine Illusionen. Oliver Ritter trifft sich an diesem Abend mit einem Freund.

„Gerade noch auf dem Brett – und zwei Monate später auf der Intensivstation“: Oliver Ritter beim Kitesurfen in Sansibar.

„Gerade noch auf dem Brett – und zwei Monate später auf der Intensivstation“: Oliver Ritter beim Kitesurfen in Sansibar. © privat

Als vier Tage später die Verwandten anrufen und von ihrer Erkrankung berichten, dauert es nur noch einen Tag, bis sich auch bei Ilka Ritter die ersten Symptome zeigen. Kratzen im Hals, trockener Husten, kein Geschmack mehr, kein Riechen. Noch vier Tage, dann beginnt es auch bei Oliver Ritter. Er ist unwillig, ein kräftiger Typ, niemand, der sich leicht einer Krankheit ergibt.

Dann jedoch bekommt er immer schwerer Luft, wird stiller, apathisch. Sie rufen den Krankenwagen, der ihn nach Rüdersdorf bringt, in die nächste Klinik, und schon am nächsten Tag, zwei Wochen nach jenem Freitag, dem 13., wird er intubiert und in die Charité verlegt, auf die Intensivstation 144i.

„Es war das letzte Mal für viele Wochen, dass ich ihn gesehen habe“, sagt Ilka Ritter. Für viele Wochen wird sie nur am Telefon erfahren, was mit ihm geschieht.

„Mein Handy“, sagt sie, „habe ich in dieser Zeit nie aus der Hand gelegt. Das war wie festgewachsen.“

Eine Kapelle, 24/7 geöffnet

Es ist in dieser Zeit, im März 2020, als der Pastor Kord Schoeler in der evangelisch-lutherischen St.-Andreas-Gemeinde im Hamburger Stadtteil Harvestehude ein besonderes Angebot begründet: Er richtet eine Kapelle für das Gedenken an die Corona-Toten ein. 24 Stunden am Tag ist sie zugänglich, Besucher können eine Kerze anzünden und Zettel beschriften, die im Gottesdienst verlesen werden. Schoeler ist auch Notfallseelsorger, er kennt sich aus mit Unglücken, Katastrophen und dem Bedürfnis von Menschen, zusammenzukommen und zu verarbeiten, was geschehen ist.

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Was Schoeler dann beobachtet, überrascht ihn. Die Menschen kommen, mittlerweile oft mehr als 100 am Tag, wie sich an Kerzen und Zetteln abzählen lässt. Aber sie kommen nicht zusammen, sie kommen einzeln. „Es gibt im Vergleich eine geringe gemeinsame Anteilnahme“, sagt er. Nach einem Gewaltverbrechen kämen oft noch am selben Abend Tausende zusammen. Jetzt bleibt es stiller.

Was Schoeler noch auffällt: Es gibt kaum ähnliche Orte, die Kapelle ist der einzige Corona-Trauerort in ganz Hamburg, und darüber hinaus. „Trauer ist in der Pandemie etwas Individuelles“, konstatiert er. Das Virus trennt die Menschen, noch im Tod.

Aber noch, Ende März 2020, hat Deutschland ja auch glücklicherweise kaum Tote zu beklagen. Das wird sich ändern.

Als Oliver Ritter, von Beruf Prüfingenieur, Vater von zwei Kindern in den Zwanzigern, an Covid-19 erkrankt, ist er nicht prädestiniert für einen schweren Verlauf. 54 Jahre ist er alt, sein Blutdruck ist ein wenig zu hoch, aber er ist sportlich, und wenn es stimmt, dass viele Freunde und Humor einen Wert für die Gesundheit haben, dann hatte er hier sicher keine Risikofaktoren. „Man hat ihn immer schon von Weitem gehört“, sagt Ilka Ritter.

Wiedersehen nach vielen Wochen

Doch als sie ihn zum ersten Mal wiedersieht, Ende April 2020, ist er ganz still. Die Ärzte haben ihn wiederbeleben müssen, das hatten sie ihr am Telefon gesagt. Jetzt steht sie an seinem Bett, in Schutzkleidung, mit Maske, vor ihr ihr Mann, im künstlichen Koma, das Gesicht verschorft, von Herpes übersät, unzählige Schläuche führen in seinen Körper. Die künstliche Lunge versorgt seinen Körper mit Sauerstoff, die Dialyse ersetzt die ausgefallenen Nieren.

Ilka Ritter hat sich danach gesehnt, ihren Mann wiederzusehen, und zugleich hatte sie Angst vor diesem Moment. „Ich hatte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen“, sagt sie. Darauf konzentriert sie sich, als sie bei ihm ist.

Sie selbst, 50 Jahre alt, übersteht die Infektion, ohne ins Krankenhaus zu müssen. Aber die Folgen spürt auch sie noch nach Wochen und Monaten. Sie fühlt sich schwach, hat manchmal Mühe, sich zu erinnern. Jeden Tag fährt sie dann in die Charité, zu ihrem Mann, auf die Intensivstation. Über jeden Tag macht sie sich Notizen in ihrem Kalender.

Plötzlich vertraute Werte

„Besuch 15 Uhr“, notiert sie am 12. Mai. „Oli war ziemlich gelblich, er hat die Augen kurz mal geöffnet, hat gehustet und die Stirn gekräuselt, Thoraxdrainage ist noch drin.“ Dann folgen ein paar Laborwerte, die sie in dieser Zeit ebenfalls zu deuten lernt. „CRP 142“, notiert sie für diesen Tag zum Beispiel. Es ist das Zeichen einer sehr schweren Entzündung in seinem Körper.

So vergehen nun die Wochen. Ilka Ritter und ihre Kinder hängen Fotos und Luftballons an seinem Bett auf. Besprechen CDs, damit er ihre Stimme hört, wenn sie nicht da sind. Berühren, pflegen, massieren seine Füße. Dekorieren sein Zimmer mit Flaggen von Union Berlin, seinem Lieblingsverein.

Der Sommer der Illusion

Und tatsächlich gibt es irgendwann Zeichen der Besserung, er wacht auf, kann dank eines Aufsatzes auf dem Tracheostoma auch ein paar Worte sprechen. Und während Deutschland sich in diesem Sommer in der Illusion wiegt, die Pandemie überwunden zu haben, trinkt Oliver Ritter zu seinem Geburtstag mit seinem Kumpel ein alkoholfreies Bier, verlangt nach Nudeln und möchte am liebsten gleich nach Hause.

Aber dann gibt es auch die anderen Momente, die düsteren, in denen er nicht an eine Heilung glaubt, an Schläuchen zerrt, und zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Ärzte die Entzündungen in seinem Körper, die auch eine Folge der vielen Eingriffe sind, nicht in den Griff bekommen. Am 28. August, da liegt Oliver Ritter seit fünf Monaten in der Klinik, notiert seine Frau: „Oli hat geschlafen, Kühlkissendecke war angeschlossen, trotzdem 40,4 Fieber.“ Er liegt jetzt wieder im künstlichen Koma. „Habe mit ihm gesprochen und ihn gestreichelt, keine Reaktion, alle Laborwerte waren extrem hoch.“

Überlebenschance: 10 Prozent

Tag für Tag fährt Ilka Ritter in die Charité, eine Stunde hin, eine Stunde zurück, und einmal spricht sie auch öffentlich über das, was ihr Mann, ihre Familie und sie in dieser Zeit durchmachen. Das ist im September, als die, die behaupten, Covid-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe, in Berlin demonstrieren, und Ilka Ritter ihnen auf ihrem Weg begegnet. Sie wendet sich an eine Berliner Zeitung, weil sie das Gefühl hat, dass zu viele diese Krankheit nicht ernst nehmen. „Covid-19 hat unser Glück von heute auf morgen zerstört“, sagt sie da.

In dieser Zeit schätzen die Ärzte seine Überlebenschance noch auf 10 Prozent.

Es ist seine Leber, die schließlich versagt. Nur eine Transplantation könne jetzt noch helfen, erklären die Ärzte.

Am 2. November, gegen 10.45 Uhr, erhält Ilka Ritter einen Anruf der Ärzte. „Seine Entzündungswerte sind hoch (neue Sepsis)“, notiert sie. Die kreislauferhaltenden Mittel seien schon überdosiert.

Oliver und Ilka Ritter 2019 in Paris.

Oliver und Ilka Ritter 2019 in Paris. © privat

Um 13.20 Uhr ist Ilka Ritter bei ihrem Mann. Zwei Stunden bleibt sie an seinem Bett. Spricht mit ihm, hält seine Hand. Um 15.20 Uhr bleibt sein Herz stehen. Nach mehr als sieben Monaten auf der Intensivstation, mit 55 Jahren.

Und wenn Ilka Ritter heute über diese sieben Monate spricht, dann nicht, wie sie betont, um ihren Mann aus der Menge der Toten herauszuheben, sondern, im Gegenteil, um zu erzählen, dass er einer von vielen ist. Dass es fast jeden treffen könne, nicht nur die Greisen oder Siechen, sondern auch die mitten im Leben, die ohne große Vorerkrankungen.

Aber das ist natürlich eine sehr unbequeme Botschaft.

Sie habe, sagt sie, im Grunde nur positive Reaktionen erfahren, auf ihre öffentlichen Sätze. Aber es gab, so berichtet sie, auch jene, die später dann am Rande fragten, ob das mit den Masken denn wohl alles nötig sei.

„Tote haben keine Lobby“, sagt Ilka Ritter. Sie sagt das nicht resigniert, eher wie eine nüchterne Feststellung.

Für die Toten eine Lobby zu sein, das war das Ziel einer Initiative, die Christian Y. Schmidt, ein 65-jähriger Autor, gut einen Monat nach Oliver Ritters Tod gründete, „#coronatotesichtbarmachen“ heißt sie. Am 6. Dezember stellten er und Unterstützerinnen und Unterstützer zum ersten Mal Kerzen auf, auf dem Arnswalder Platz in Prenzlauer Berg, als eine Erinnerung an die Toten, deren Zahl damals gerade wieder steil stieg.

Berichte in „New York Times“ und „Guardian“

Die Resonanz war enorm, es gab Nachahmer in mehr als 40 Städten. Internationale Medien berichteten über Aktionen, die „New York Times“, der „Guardian“ und „China Daily“ unter anderem. Es schien, als habe Schmidt, der wegen der Pandemie seine in China lebende Frau seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat, mit der Aktion ein Bedürfnis gestillt, das schon seit Langem auf Erfüllung drang.

Aber vielleicht war es doch vor allem nur ein mediales Bedürfnis.

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Heute, vier Monate später, klingt Schmidt am Telefon ernüchtert. In Berlin haben sie die Aktion vor einem Monat offiziell beendet. Einer der Gründe sei, dass „die Medien die Zahl der Toten herunterspielen“ und die Situation verharmlosten. Auch die Pandemiemüdigkeit spiele eine Rolle, dazu der Rückgang der Todeszahlen im Zuge der Impfkampagne. „Das Bedürfnis, zu trauern und die Toten wahrzunehmen, scheint nicht besonders groß zu sein“, stellt Schmidt heute fest.

Aber gibt es dafür vielleicht noch andere Gründe als jene politischen, die Schmidt anführt, der dem Bundespräsidenten vorwirft, mit der Gedenkaktion an diesem Sonntag vom angeblichen Versagen der politisch Verantwortlichen abzulenken?

Eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit

Die Erklärung des Hamburger Pastors Kord Schoeler ist die eines Seelsorgers. „Die Pandemie zwingt dazu, sich auch mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen“, sagt er. Corona also als nun schon mehr als einjähriges Memento mori, als Erinnerung an die eigene Verwundbarkeit, das wäre eine These.

Aber vielleicht hat es auch einfach mit jenem Phänomen zu tun, das Schoeler aus seiner zweiten Tätigkeit kennt, der des Notfallseelsorgers. Da ist es bei großen Unfällen oder Unglücken auch so, dass die Menschen, solange sie noch am Unfallort sind, solange die Bedrohung also noch nah ist, kaum Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben und ganz nüchtern agieren, regelrecht funktionieren.

Manchmal merken sie dann nicht mal, dass sie verletzt sind.

„Vielleicht“, sagt Schoeler, „ist es für die Trauer einfach noch zu früh.“ Vielleicht muss die Pandemie erst vorüber sein, um kollektiv um jene zu trauern, die ihr zum Opfer fielen.

Eine große Feier als Abschluss

Oliver Ritter ist noch nicht beerdigt. Erst, sagt Ilka Ritter, habe es sechs Wochen gedauert, bis überhaupt die Sterbeurkunde da war. Dann, so hatten sie es beschlossen, wollten sie die Beerdigung auf eine Weise begehen, wie es für ihn angemessen wäre, mit allen Freunden und Bekannten und der nun noch größeren Familie, im Februar wäre Oliver Ritter Großvater geworden, auch das hat er nicht mehr erlebt.

Irgendwann, bald, sollte so eine Feier doch wohl endlich wieder möglich sein, hatte Ilka Ritter gehofft. Aber inzwischen ahnt sie, dass sie vielleicht doch nicht so lange warten können. Dass alles viel länger dauert als erhofft.

RND

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