Um 10 vor Acht mit Annette Dasch

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DORTMUND Zehn vor acht im Konzerthaus Dortmund. Sopranistin Annette Dasch sitzt auf dem Sofa in ihrer Künstlergarderobe. Im Abendkleid, frisiert, geschminkt. Und ist still. Erst vier Minuten vor Acht öffnet sie die Tür, geht die paar Schritte zum Bühneneingang.

von Von Julia Gaß

, 20.04.2011, 18:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

"Ich gehe in den Minuten vor dem Auftritt in meine Konzentrationsphase", erzählt die Berliner Sängerin. Dabei habe jeder eine andere Technik. "Ich versuche alles andere auszuklinken. Mein Handy mache ich eine Stunde vor dem Konzert aus, ich versuche dann auch, keine SMS mehr zu lesen. Und ich muss schon geschminkt sein, ich darf zehn Minuten vor dem Konzert mit nichts anderem mehr beschäftigt sein. Ich sitze und gucke, was ich brauche", erzählt die Sängerin. "Mein Haus ausleeren" nennt sie das. Es gibt Abende, vor denen hat auch eine Annette Dasch noch Angst. "Oder auch mal solche, an denen man keine Lust hat, bei denen die Spannung fehlt. Das kommt manchmal, wenn man lange keinen Urlaub hatte. Dann wird man verkrustet. Wenn die Nerven blank liegen, ist man nicht konzentriert", sagt sie: "Ich besinne mich dann in beiden Fällen darauf, warum ich diesen Beruf gewählt habe: Weil ich gerne singe und weil wir dieses Gemeinschaftserlebnis, Musik zu machen, so lieben."Elsa verbrennt Kalorien Bei den Bayreuther Festspielen im vergangenen Jahr, als Annette Dasch ihr Debüt als Elsa im "Lohengrin" an der Seite von Jonas Kaufmann gab, hat die Berlinerin sogar eine Mentaltrainerin mitgenommen. "Sie hat mich bis zu dem Moment vor dem Auftritt begleitet. Bayreuth ist schon etwas ganz Großes", erzählt die 35-jährige Starsängerin. Zwei Stunden vor dem Konzert isst Annette Dasch zum letzten Mal etwas. "Manchmal esse ich in der Konzertpause eine Banane, wenn ich ein unterzuckertes Gefühl habe. In Bayreuth muss man in der Pause etwas essen, in so einer Vorstellung verbrennt man zu viele Kalorien." Sonst ist die Devise der Starsopranistin: so viel Schlaf wie möglich. "Man lernt auch im Schlaf die Texte auswendig", weiß die Berlinerin.Mit Adrenalin umgehen Die Minuten vor dem Konzert verändern sich im Laufe eines Sängerlebens", erzählt die Sopranistin: "Mit dem Adrenalin umzugehen, wird nicht leichter. Früher, als junge Sängerin, bin ich erst eine halbe Stunde vor dem Konzert ins Haus gekommen." Da war sie eine unbefangene Anfängerin, jetzt weiß sie, was alles schief gehen kann, kennt die hohen Erwartungen, die das Publikum inzwischen an sie als eine der besten deutschen Sängerinnen hat, will die Zuhörer und sich selbst nicht enttäuschen. "Ich möchte so aufrichtig wie möglich bleiben - so sein, wie meine Stimmung ist", sagt sie. Und die ist fast immer blendend. - Auch bei den Abenden, an denen die Sängerin selbst Gastgeberin ist: In "Annettes Dasch-Salon", der aus Berlin auch im Fernsehen übertragen wird."Junge Wilde" Um 18.15 Uhr ist die Sängerin durch den Künstlereingang ins Konzerthaus gekommen. Sie freut sich, wieder in Dortmund zu sein, in dem Haus, in dem sie drei Jahre "Junge Wilde" war. Ein Leben im Hotel ist für einen Star wie sie Alltag. Das Orchester sitzt schon auf der Bühne und probt. Annette Dasch singt sich ein, kommt danach zur Einspielprobe von 18.45 Uhr bis 19.15 Uhr im Saal. Unten betreten die ersten Besucher das Haus, das Foyerteam steht an seinen Plätzen. Auf der Bühne sitzt Annette Dasch in Jeans, mit einer Thermoskanne und einem Becher in der Hand. "Da ist heißes Wasser drin", erklärt sie. Mit dem Orchester, den Münchner Philharmonikern, und Dirigent Marc Piollet probt sie ein paar Stellen, der Dirigent läuft durch den Saal, hört von verschiedenen Plätzen, ob die Klangbalance stimmt. Kurze Absprachen, alles klar, bis gleich.

Fastenzeit 19.20 Uhr: Annette Dasch sitzt in ihrer Garderobe, dem Solistenzimmer, das der Bühne am nächsten ist. Der Dirigent klopft noch einmal an, hat eine Frage. Danach wird aus der jungen Frau in Jeans eine Solistin im Abendkleid. Ein kleines Badezimmer und ein Schminktisch mit Spiegel gehören zu der Garderobe im Konzerthaus und auch ein Sofa mit Decke und Kissen. Eine Schale mit Obst hat die Hausdame dort hingestellt, Getränke nach Wunsch und als kleine Stärkung nach dem Konzert drei Schalen mit Mousse au chocolate. "Ich esse das nicht, ich mache die Fastenzeit mit: keine Süßigkeiten, keinen Alkohol. Bis Ostern", sagt Annette Dasch an diesem 1. April-Abend. Zehn vor acht: Die Konzentrationsphase beginnt. Jetzt ist Annette Dasch in der Gretchenwelt ihres Arienabends. Und im Sommer wieder in der der Elsa in Bayreuth.

 

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