"Vielleicht wird Hörde wirklich von Yuppies überrannt"

Interview mit Felix Vörtler

Die Botschaft der WDR-Serie "Phoenixsee" fasst Felix Vörtler drastisch, aber treffsicher zusammen. "Du kriegst auf die Fresse - aber Du darfst nicht vergessen, wieder aufzustehen."

DORTMUND

, 07.12.2016, 14:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
"Vielleicht wird Hörde wirklich von Yuppies überrannt"

Schauspieler Felix Vörtler (55) steht im Zentrum der WDR-Serie Phoenixsee. Doch seine Karriere begann am Theater Oberhausen.

Vörtler, der inzwischen deutschlandweit bekannte Theater- und Filmschauspieler aus Essen, ist eben bodenständig geblieben.

Seit vier Folgen ist er nun als Mike Neurath auf dem Bildschirm zu sehen. Ein sympathischer Typ, ein liebevoller Papa, ein bisschen prollig und sehr verzweifelt.

Denn er hat schwarz gearbeitet, jetzt steht die Steuerfahndung vor der Tür. Und Mike macht in seiner Naivität immer mehr Fehler, wird seine Freunde mit reinreißen. Und das ist gar nicht mehr so nett ...

Begeistert vom Drehbuch

Dass Felix Vörtler in dieser differenzierten, lebensnahen Rolle im Mittelpunkt der insgesamt sechsteiligen Mini-Serie steht, ist kein Zufall. "Der Autor Michael Gantenberg kannte mich wohl von der Bühne oder aus dem Fernsehen", erzählt Vörtler (55).

"Er hatte mich im Kopf, als er die Rolle geschrieben hat." Als Vörtler dann die Drehbücher las, war er begeistert. Sein erster Gedanke: "Danke. Das isses."

Gantenberg habe die Ruhrgebiets-Seele erfasst, sagt Vörtler: "Alles ist sehr realistisch. Jede Figur hat ihre eigene Note." Dass der nette Mike in höchster Not auch gierige, finstere Seiten entwickelt, findet der Darsteller interessant. "Ich kenne niemanden, der nur gut oder nur böse ist. In jedem steckt alles."

Jeder kennt eine Sybille

Aber laviert seine Film-Ehefrau Sybille - Anna Stieblich spielt sie als patente Frau, die sich nicht unterkriegen lässt - mit ihrem pinkfarbenen Büstenhalter und der blonden Dauerwelle nicht doch am Rand der Karikatur? Vörtler lacht: "Ich kenne auch in Wirklichkeit eine Sybille. Eigentlich sogar mehrere. Sie nicht?"

Dass die Serie so witzig und spannend ist, liegt aber nicht nur an der Nähe zur Heimat. Sondern in der genau beschriebenen Dynamik von Familien im Krisen-Modus. Werden sie aus dem Streit heraus zu einer gemeinsamen Stärke finden?

Rührend sind die einfühlsamen Gespräche zwischen Mike Neurath (Vörtler) und seinem Film-Sohn Timo (Paul Bohse). Hier merkt man einfach, dass Vörtler mit seiner Frau, der Opernsängerin Franziska Dannheim, selbst Kinder großgezogen hat.

Spannende Entwicklung

"Phoenixsee" nutzt dramaturgisch geschickt den Drehort Dortmund-Hörde, um der alteingesessenen Arbeiterfamilie Neurath die neu hinzugezogenen Hansmanns gegenüber zu stellen.

Die Neuraths leben in einer kleinen Mietwohnung (mit deutlich zu großer Polstergarnitur), die Hansmanns haben gerade eine Villa direkt am neuen See bezogen. "Krass" findet Vörtler diese Gegensätze, die in Hörde wirklich existieren.

"Schon bei der Vorpremiere in Dortmund habe ich gemerkt, dass es da Redebedarf gibt", sagt er. "Vielleicht wird Hörde ja wirklich von Yuppies überrannt - vielleicht aber auch nicht. Spannend wird zu sehen sein, was mit der Gegend nach 20 Jahren passiert ist."

Polizeirevier Oberhausen

Überhaupt findet der gebürtige Oberfranke Vörtler das Ruhrgebiet faszinierend. "Als ich ins in den 80er-Jahren ins Revier kam, gab es gerade die großen Demos in Rheinhausen."

Von 1992 bis 2000 war er am Theater Oberhausen engagiert. "Da gab es noch die Hallen der Gutehoffnungshütte, wo heute das Centro steht." Vörtlers "Polizeirevier" - eine Art Sitcom, die er gemeinsam mit zwei Kollegen erfand - hatte damals Kult-Status.

Von 2000 bis 2005 war er am Schauspielhaus Bochum fest engagiert und spielte viele große Rollen von Shakespeare bis zu Brechts "Baal". Vörtler war ein Theater-Star. Dann klopfte das Kino mit dem "Wunder von Bern" an die Tür.

Fortsetzung erwünscht

An die 60 Auftritte in Film und Fernsehen - in "Tatort"-Folgen, in der Krimiserie "Wilsberg", in allen vier Staffeln der Serie "Heldt" - folgten. Außerdem steht er derzeit in Bochum in Schillers "Kabale und Liebe" auf der Bühne.

Nach hervorragenden Einschaltquoten hofft Vörtler auf eine Fortsetzung von "Phoenixsee". Michael Gantenberg schreibe schon an neuen Folgen, so die ARD.

Einen Wunsch hat Vörtler schon: "Wenn ich den Mike nicht spielen dürfte," sagt er, "dann wäre ich gerne die Chantal mit ihrem Nagelstudio. Das ist auch eine Traumrolle.

Alle Folgen sind in der ARD-Mediathek bis 12.3.2017 verfügbar. Die letzten beiden Folgen laufen am nächsten Montag, 12. Dezember, um 20.15 im WDR-Fernsehen. Die erste Staffel ist ab Freitag (9.12.) auch auf DVD erhältlich: Alive - Vertrieb und Marketing, 300 Minuten, rund 18 Euro, ASIN B01MFAXZIA.

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