Vier Exit-Strategien im Vergleich: Die Wege aus dem Corona-Lockdown

Coronavirus

Am Mittwoch beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder über mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Vier wichtige Exit-Papiere im Vergleich.

Berlin

15.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Wie soll der Corona-Exit gelingen? Wir stellen die Expertenpläne vor, die von der Leopoldina, dem IMK, einem NRW-Expertengremium und von den Grünen formuliert worden sind.

Wie soll der Corona-Exit gelingen? Wir stellen die Expertenpläne vor, die von der Leopoldina, dem IMK, einem NRW-Expertengremium und von den Grünen formuliert worden sind. © picture alliance/dpa

Dreieinhalb Wochen sind verstrichen, seit Bund und Länder im Angesicht der Corona-Pandemie die strengen Kontaktbeschränkungen erlassen und das öffentliche Leben in Deutschland nahezu lahmgelegt haben. Um über weitere Maßnahmen oder mögliche Lockerungen zu entscheiden, berät sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Mittwoch mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Im Mittelpunkt steht dabei, wie es mit der Wirtschaft sowie den Schulen und Kitas weitergeht.

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Grundlage für die Beratungen sind verschiedene Experteneinschätzungen über einen möglichen Ausstieg aus dem „Lockdown“. Als wichtigstes Papier gilt dabei die Stellungnahme der nationalen Wissenschafts-Akademie Leopoldina in Halle, zudem haben auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung ein Expertenrat im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung sowie die Grünen entsprechende Strategien vorgelegt.

Ein Vergleich der einzelnen Papiere.

Leopoldina

Prioritäten: Die Leopoldina-Forscher fordern, zuerst die Schulen wieder zu öffnen. „Im Bildungsbereich hat die Krise zum massiven Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen sowie zur Verschärfung sozialer Ungleichheit geführt“, schreiben die Wissenschaftler. Das öffentliche Leben soll schrittweise normalisiert werden. Der Einzelhandel und das Gastgewerbe könnten demnach bald wieder öffnen. Auch dienstliche sowie private Reisen und gesellschaftliche, kulturelle sowie sportliche Veranstaltungen sollen möglich werden.

Bedingungen: Voraussetzung für die Lockerungen sei, dass die Neuinfektionen sich auf einem niedrigen Niveau stabilisieren müssten, die medizinische Versorgung von Patienten ohne Corona-Infektion wieder regulär aufgenommen sowie notwendige klinische Reservekapazitäten aufgebaut und die bekannten Schutzmaßnahmen – wie Abstandsregeln oder das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes – streng eingehalten werden.

Schulen und Kitas: Als erstes sollen Grundschulen wieder öffnen und der Unterricht in der Sekundarstufe I aufgenommen werden, weil jüngere Schüler „mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen“ seien. Außerdem regen die Leopoldina-Forscher die Verknüpfung von „Präsenzphasen und Unterricht auf Distanz mithilfe digitaler Medien“ an. Prüfungen sollen – wenn eben möglich – stattfinden. Eine Öffnung von Kindertagesstätten empfehlen die Wissenschaftler „nur sehr eingeschränkt“, weil kleinere Kinder sich nicht an die Schutzmaßnahmen halten könnten.

Hans-Böckler-Stiftung

Prioritäten: Die Autoren des Exit-Papiers vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sehen als oberstes Gebot vor möglichen Lockerungen zunächst „die notwendigen Maßnahmen zur Infektionsbegrenzung“ auf den Weg zu bringen. Dann könnten der Einzelhandel, Schulen, Kindertagesstätten und die Gastronomie schrittweise wieder öffnen – zunächst in Regionen mit geringen Infektionszahlen und niedriger Infektionsdynamik oder weit vorangeschrittenen Schutzmaßnahmen. Wichtig sei zudem die Reaktivierung der grenzüberschreitenden Lieferketten.

Bedingungen: Die IMK-Ökonomen plädieren dafür, dass lediglich Menschen mit Wohnsitz in entsprechenden Städten, Orten und Landkreisen „in Einzelhandel und Gastronomie dort bedient werden, um neue interregionale Infektionsketten zu vermeiden“. Zudem könnte der Zugang etwa zu Restaurants zunächst nur denjenigen ermöglicht werden, die über Handy-Apps ihre Daten zur Verfügung stellen.

Schulen und Kitas: An Schulen und Kitas soll der Betrieb teilweise wieder aufgenommen werden. Notwendig dafür sei die „Separation und Kohortierung bestimmter Gruppen“. Sprich: Jede Klasse wird nur noch an jedem zweiten Tag unterrichtet – bei „klarer räumlicher Trennung“. Zudem fordern die Ökonomen eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur, etwa die Versorgung wirtschaftlich benachteiligter Schüler mit Laptops oder Tablets und Internetzugängen.

NRW-Expertenrat

Prioritäten: Der von der nordrhein-westfälischen Landesregierung eingesetzte Expertenrat will die Einschränkungen zuerst für Schulen, Universitäten und den Einzelhandel lockern. Später könnten nach und nach erst Läden öffnen, dann Diskotheken – und auch Restaurants.

Bedingungen: Eine wichtige Voraussetzung für die Lockerungen ist, die medizinischen Kapazitäten schnellstmöglich auszubauen und freie Intensivbetten in Echtzeit zu erfassen. Zudem müsse die Erreichbarkeit der Gesundheitsämter verbessert werden. Die Testkapazität soll auf bis zu 500.000 mögliche Testungen pro Tag erhöht werden. In der Gastronomie sollen Tische in großer Entfernung voneinander stehen und nur eine geringe Anzahl an Gästen zugelassen werden.

Schulen und Kitas: Der Expertenrat empfiehlt, in den Schulen einen zeitversetzten Unterricht einzuführen. Dabei soll es auch Unterschiede je nach Alter geben. In Kitas und im Präsenzunterricht sollen zuerst solche Lehrkräfte arbeiten, die nicht zu einer Risikogruppe zählen.

Grüne

Prioritäten: Als erste politische Partei haben die Grünen in Hamburg eine Strategie vorgelegt, nach der zunächst Kitas und Schulen sowie kleine Betriebe und der Einzelhandel wieder öffnen sollen. Auch Sport in Kleingruppen unter freiem Himmel und der Einhaltung vorgeschriebener Abstände könnte ermöglicht werden.

Bedingungen: Die Zahl der täglichen Tests in Hamburg soll von 3500 auf 5000 erhöht werden. Außerdem sollen die Bürger künftig „flächendeckend und fachgerecht“ einen Mund-Nasen-Schutz tragen und alte Menschen und Risikogruppen besonders geschützt werden.

Schulen und Kitas: Zur Wiederaufnahme des Betriebs in Schulen und Kitas haben die Grünen-Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck in einem Brief an die Parteimitglieder geschrieben: „Abschlussklassen sollten als Erste wieder in die Schulen.“ Die Klassen eins bis sechs hätten ebenfalls Priorität, weil die Betreuung der jüngeren Schüler besonders wichtig sei. Kitas sollen schrittweise öffnen: erst für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen, dann auch für andere – besonders an Orten mit geringen Infektionszahlen.

Fazit

Gemeinsam haben alle Strategien, dass sie zunächst nur für erste kleine Schritte aus dem „Lockdown“ plädieren, die zudem stets an den Infektionsverlauf angepasst werden müssten. Als Voraussetzung für Lockerungen gilt allen Experten, dass die Neuinfektionen sich auf einem niedrigen Niveau stabilisieren müssten, die medizinische Versorgung von Patienten ohne Corona-Infektion stabil sein müsse und eine klinische Reservekapazität aufgebaut wird.

Zudem müssten die geltenden Schutzmaßnahmen wie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder die Abstandsregeln streng eingehalten werden. Denkbar sind dabei konkrete Vorgaben von Bund oder Ländern, etwa für Bus und Bahn oder für den Betrieb von Restaurants.

Den Schulen wird ebenfalls übereinstimmend hohe Bedeutung zugemessen – oft sogar die höchste. Grundsätzlich gelten dabei kleinere Klassen sowie räumliche oder zeitliche Trennung der Schüler als Bedingung – plus zusätzliche Schutzmaßnahmen und digitaler Ersatz für ausfallenden Unterricht.

Damit ist eine beispiellose Abstimmung und Harmonisierung in einem Feld nötig, das Ländersache ist und in das sich die Länder ungern hineinreden lassen. So preschte NRW am Dienstag mit der Ankündigung vor, die Schulen nach den Ferien schrittweise wieder zu öffnen. Bayern dagegen warnte vor Eile: Erleichterungen könne es nur mit zusätzlichem Schutz geben, erklärte Ministerpräsident Markus Söder, der zurzeit zugleich der Ministerpräsidentenkonferenz vorsitzt.

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