Virologe Streeck: „Ich finde es müßig, über Todesfälle zu reden“

Coronavirus

In Deutschland steigt die Zahl der positiv auf Corona Getesteten steil an, zuletzt auf mehr als 6000. Doch Virologe Streeck hält auch 20.000 tägliche Corona-Neuinfektionen noch für verkraftbar.

von Michèle Förster

, 15.10.2020, 17:18 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hendrik Streeck (M), Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn.

Hendrik Streeck (M), Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn. © picture alliance/dpa

Wie von Experten prognostiziert, nehmen die täglichen Corona-Fallzahlen im Herbst wieder deutlich zu. Am Mittwoch meldete das Robert Koch-Institut mit 6638 positiven Corona-Tests den bislang höchsten Wert seit Beginn der Pandemie. Bund und Länder hatten sich am Mittwoch bereits auf neue Maßnahmen verständigt. So soll bei steigenden Fallzahlen und einer 7-Tage-Inzidenz über 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zukünftig die Maskenpflicht ausgeweitet werden. Zudem soll in Hotspots eine Sperrstunde für die Gastronomie und die Begrenzung der Personenzahl bei privaten Feiern gelten.

Streeck: „Schäden aller Art verhindern“

Der Bonner Virologe Hendrick Streeck kritisierte am Mittwochabend in der Sendung „Maischberger“ die Konzentration auf die Sterberate. „Ich finde es müßig, über Todesfälle zu reden“, sagte Streeck.

Es gehe darum, insgesamt Schäden zu verhindern. Er plädierte stattdessen dafür, andere Faktoren – wie die Anzahl der Tests, Daten über die stationäre Belegung sowie über die Schwere der Krankheitsverläufe – für die Bewertung der Lage heranziehen. „Schäden sind eben nicht nur Corona-Tote“, sagte Streeck. Dazu zählten auch verschobene Operationen oder der Verlust von Existenzen.

Neuinfektionen nicht unabhängig von Tests bewerten

Streeck kritisiert, es habe keinen Sinn, die Zahl der Neuninfektionen unabhängig von der Anzahl der durchführten Tests zu betrachten. Auch von Aussagen wie „Es ist fünf vor zwölf“ hält Streeck nicht viel, denn sie würden eher Angst machen. „Das Virus ist ein Teil von unserem Leben und wir müssen damit leben lernen“, sagte er.

Der aktuelle Anstieg der Fallzahlen sei außerdem nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu beobachten. Wichtig sei nun, dass es nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems komme. Auf seine Aussage angesprochen, dass auch 20.000 Neuinfektionen am Tag „uns keine Angst machen sollten“, sagte Streeck, entscheidend seien jetzt vor allem die stationären Fälle, nicht die Neuinfektionen.

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Die Virologin Sandra Ciesek gab auf Twitter zu bedenken, dass Operationen auch dann verschoben werden müssten, wenn viele medizinisches Personal in Quarantäne sei. „Hohe Infektionszahlen sind insgesamt schlecht für den Betrieb im Krankenhaus.“

Es gebe auch Hochrechnungen, sagte Streeck, die besagten, dass es im Frühjahr täglich bis zu 60.000 Neuinfektionen gab, die wegen der geringen Testkapazitäten unentdeckt blieben. „Viel wichtiger finde ich es, sich anzuschauen, wie viele Menschen intensivmedizinisch behandelt werden müssen“, sagte Streeck. „Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, wie wir die Risikogruppen besser schützen können.“

Streeck: Sperrstunden sind kontraproduktiv“

Streeck ist daher überzeugt, dass Maßnahmen wie die von der Bundesregierung beschlossenen Sperrstunden kontraproduktiv sind, um die Pandemie einzudämmen. „Ich würde die Menschen nicht zwingen, sich in Innenräumen zu versammeln“, riet Streeck. Denn die größten Ausbrüche gingen auf den privaten Bereich zurück.

Bund und Länder schließen jedoch eine Verschärfung der Maßnahmen nicht aus, sollte sich die Infektionslage in den kommenden zwei Wochen nicht bessern.

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