Virologin über Lockerungen: „Wer das Virus verstanden hat, kann darüber nur entsetzt sein“

Coronavirus

Die Virologin Melanie Brinkmann übt scharfe Kritik an den beschlossenen Lockerungen in der Corona-Pandemie. Es sei eine „intellektuelle Beleidigung“, Lockerungen zuzulassen.

Berlin

10.03.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Virologin Melanie Brinkmann übt scharfe Kritik.

Die Virologin Melanie Brinkmann übt scharfe Kritik. © picture alliance/dpa/POOL AP

Die jüngsten Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Deutschland bereiten Wissenschaftlern Sorgen. Auch die Virologin Melanie Brinkmann äußerte sich mit deutlicher Kritik zu der Pandemiepolitik der Bundesregierung. Dem „Kölner Stadtanzeiger“ sagte die Braunschweiger Virologin: „Was uns gerade präsentiert wird, ist eine intellektuelle Beleidigung an alle und keine Perspektive.“

Sie sei desillusioniert, wie schlecht die Pandemiebekämpfung in Deutschland gelinge. „Eigentlich will ich solche Sätze von mir gar nicht zitiert haben. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin. Aber ich bin auch Bürgerin.“

„Entsetzen“ über Schulöffnungen

Der seit November geltende Lockdown sei nicht genutzt worden, um neue Maßnahmen wie effizientere Kontaktnachverfolgung, zügiges Impfen oder intelligentes Testen zu implementieren, so die Forscherin, die unter anderem an der TU Braunschweig praktiziert.

Diese Maßnahmen müssten umgesetzt sein, bevor man Lockerungen zulassen könne. „Ich fühle mich da als Bürgerin mit alten Eltern einerseits und drei schulpflichtigen Kindern andererseits im Stich gelassen“, so Brinkmann. Zudem fehle der Forscherin, die auch Regierungen von Bund und Ländern berät, eine Folgestrategie, eine dritte Welle zu verhindern.

Vor allem Schulöffnungen sieht die Forscherin kritisch: „Ich halte es für eine sehr schlechte Idee, bei den aktuell hohen Inzidenzen in Deutschland die Schulen aufzumachen – ohne Testkonzept. Wer die Dynamik des Virus verstanden hat, kann darüber nur entsetzt sein.“

Brinkmann warnt, dass man mit den Beschlüssen der vorigen Woche in die „nächste Welle“ rausche. Die Intensivstationen würden dann „volllaufen“, allerdings nicht mehr mit den „über 80-Jährigen, denn die sind ja nun geimpft. Aber mit den 50- bis 80-Jährigen. Und deren Gesamtzahl ist weitaus größer.“ Dennoch sei im Kampf gegen das Coronavirus „das Rennen noch nicht verloren. Wir müssen jetzt nur unseren Raketenantrieb zünden“, warnt Brinkmann.

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