Vizepräsidentin Kamala Harris: ein Gesicht des neuen Amerika

Wahlen in den USA

Die demokratische Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris verkörpert das Gegenbild zur Trump-Gesellschaft. Ihre Wahl ist mindestens so historisch wie die Barack Obamas zum Präsidenten.

Washington

08.11.2020, 07:48 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kamala Harris, „Gewählte Vizepräsidentin“ („Vicepresident Elect“).

Kamala Harris, „Gewählte Vizepräsidentin“ („Vicepresident Elect“). © picture alliance/dpa

Als alles vorbei war, gab Kamala Harris auf Twitter einen Einblick, wie es aussieht, wenn alle Anspannung abfällt. Sie twitterte ein Video des Anrufs bei Joe Biden: „Wir haben es geschafft, Joe!“

Harris kämpft, bis alles vorbei ist. Wie vor zwei Jahren im US-Senat: Die Anhörung lief schon acht Stunden, als Brett Kavanaugh, der konservative Kandidat der Trump-Regierung für den frei gewordenen Sitz am Obersten Gericht, sichtlich ins Schwimmen geriet. Ob er mit dem Vertreter einer bestimmten Anwaltsfirma über die Mueller-Untersuchung gesprochen habe, wollte Senatorin Kamala Harris von dem Topjuristen wissen. Kavanaugh wich mehrfach aus. Immer wieder stellte Harris dieselbe Frage.

„Ich bin nicht sicher“, wandte sich Kavanaugh: „Ich weiß nicht, wer da arbeitet.“ Und schließlich: „Ich möchte wissen, über welche Person Sie reden.“ Darauf hatte Harris gewartet: „Sie denken an eine bestimmte Person, die Sie uns nicht verraten wollen“, konterte sie. Als Kavanaugh wenig später um die Wiederholung einer Frage bat, erwiderte sie kühl: „Ich habe die Frage erst vor einer Minute gestellt. Erstaunlich, dass Sie sich daran nicht erinnern können.“ Mehr als sieben Minuten dauerte das Kreuzverhör. Man konnte fast Mitleid mit dem Bewerber bekommen.

Eine Frau, die den Chauvinisten Trump nervös macht

„Boshaft“ sei die Senatorin damals im September 2018 gewesen, empörte sich am Dienstag Donald Trump: Der Auftritt der frisch gewählten Vizepräsidentin der USA sei „eine furchtbare Sache“ gewesen. Die Reaktion illustriert die Verunsicherung des Chauvinisten über eine Frau, die sich nicht einschüchtern lässt. Eine Frau, die als ehemalige Generalstaatsanwältin von Kalifornien die Waffen der Rhetorik beherrscht. Und eine Frau, die einen starken Machtwillen hat.

Das hat der gewählte 46. US-Präsident Joe Biden an der eigenen Person erfahren. Eher jovial und schlecht vorbereitet war er im Juni 2019 in die erste Debattenrunde der demokratischen Bewerber gestolpert und hatte offensichtlich keinen Angriff von Harris erwartet.

Doch die damalige Mitbewerberin ging ihn plötzlich scharf an, weil er sich in den 1970er-Jahren dagegen ausgesprochen hatte, schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulbezirke zu fahren. Ein kleines Mädchen habe damals in so einem Bus gesessen, berichtete Harris: „Das kleine Mädchen war ich.“

Harris wurde 1964 im kalifornischen Oakland als älteres von zwei Kindern einer Krebsforscherin aus Indien und eines Ökonomen aus Jamaika geboren. Die Eltern hatten sich in den bewegten 1960er-Jahren an der linken Universität von Berkeley kennengelernt und nahmen die Tochter im Kinderwagen zu Protestmärschen mit. Doch die Ehe hielt nicht lange. Nach der Scheidung wurden beide Mädchen von der Mutter großgezogen.

Bemerkenswerte Karriere

„Meine Mutter verstand sehr gut, dass sie zwei schwarze Töchter erzog“, hat Harris später in ihrer Autobiografie geschrieben: „Und sie war entschlossen sicherzustellen, dass aus uns selbstbewusste, stolze schwarze Frauen wurden.“ Tatsächlich legte Kamala eine bemerkenswerte Karriere hin: Nach dem Jurastudium arbeitete sie zunächst im Büro eines Staatsanwalts und wurde dann mit 38 Jahren zur ersten schwarzen Distriktstaatsanwältin von San Francisco gewählt.

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Acht Jahre später stieg sie zur kalifornischen Generalstaatsanwältin auf. Seit 2017 vertritt sie den Bundesstaat im US-Senat. Wenn sie im November erfolgreich ist, wäre sie die erste schwarze Frau und die erste Person mit indischen Wurzeln im Vizepräsidentenamt der USA.

Ihre eigenen Präsidentschaftsambitionen platzten wie ein Heißluftballon

Mit ihren Ambitionen auf eine eigene Präsidentschaftskandidatur war Harris freilich weniger erfolgreich. Ihre Kampagne geriet bald völlig außer Tritt. „Sie startete wie eine Rakete und endete wie ein geplatzter Heißluftballon“, schrieb das Magazin „The Atlantic“. Schon im vorigen Dezember gab Harris auf. Sie wartete jedoch bis zum März, bevor sie sich öffentlich auf die Seite von Biden schlug. Seither macht sie für ihn Wahlkampf. Die Angriffe gegen den 77-Jährigen von damals? „Es war eine Debatte“, spielte die Politikerin im Interview mit dem Talkmaster Stephen Colbert vor ein paar Wochen den Konflikt herunter.

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