"Volksfeind" in Essen: Wer nicht kungelt, wird bekämpft

ESSEN Schweinerei im Kurbad. Das Wasser ist verseucht. Kurarzt Stockmann will den Fall an die große Glocke hängen. Presse und Honoratioren stehen auf seiner Seite - bis sie einknicken und den Doktor zum Volksfeind erklären. Henrik Ibsens "Ein Volksfeind", zu sehen im Essener Grillo Theater, lässt sich in Abwandlung des Brechtschen Diktums so lesen: Erst kommt der Geldbeutel, dann die Moral.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 08.03.2009, 16:21 Uhr / Lesedauer: 1 min
"Volksfeind" in Essen: Wer nicht kungelt, wird bekämpft

Ausgerechnet Brüder: "Volksfeind" (Raiko Küster, r.) und Bürgermeister (Holger Kunkel).

Ein Lehrstück über Opportunismus und die Ohnmacht des Einzelnen.

Thomas Ladwigs Inszenierung verortet die Handlung in der Gegenwart. Die Kostüme (Alice Nierentz) sind von heute, die Einheitsbühne von Franziska Bornkamm zeigt einen Hügel mit Miniaturhäuschen, wie aus einer Tourismusbroschüre.Raiko Küster spielt mit Verve den Kurarzt

Mit Verve spielt Raiko Küster den Kurarzt Stockmann. Auftrumpfend, solange er Mitkämpfer auf seiner Seite glaubt. Wütend, als die Rückendeckung bröckelt. Keime im Wasser wären der Ruin der Stadt. Die Mächtigen pfeifen auf die Wahrheit. Stockmanns größter Gegner ist sein Bruder, der Bürgermeister (Holger Kunkel als Archetyp des Polit-Aals). Der betreibt die Ächtung des Querulanten, die Speichellecker von Zeitung (Roland Riebeling) und Hausbesitzerverein (Sierk Radzei) ziehen mit. Die Skandale sind heute größer

Aus Ibsens Stück spricht Skepsis gegen die Demokratie. Die Regie greift das auf, wenn sie Stockmann eine flammende Rede im Foyer halten lässt. Raiko Küster zitiert aus Botho Straußens Essay "Anschwellender Bocksgesang": einer Polemik gegen Volksblödheit und mediale Verdummung. Ibsen wie Strauß preisen den, der sich gegen die Masse stemmt. Die Parallele ist da, aber den Sprung ins Jetzt und Hier beschert der Strauß-Text der Inszenierung nicht: Wir haben uns an größere Skandale gewöhnt, als der alte Ibsen ahnen konnte.

Karten unter Tel. (0201) 81 22-200.

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