Warum Bill Gates der Lieblingsfeind der Verwirrten ist

Coronavirus

In der Corona-Krise haben Verschwörungstheoretiker und Impfgegner Bill Gates zur Hassfigur erkoren. Dass die milliardenschwere Stiftung des Microsoft-Gründers Gesundheitsprojekte in alle Welt finanziert, beflügelt Spekulationen.

Hannover

von Harald Stutte

, 10.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bei einer Demonstration am Samstag in Frankfurt am Main hielt eine Person ein Plakat mit der Aufschrift "Bill Gates 'Geschäft = Impfungen" hoch.

Bei einer Demonstration am Samstag in Frankfurt am Main hielt eine Person ein Plakat mit der Aufschrift "Bill Gates 'Geschäft = Impfungen" hoch. © picture alliance/dpa

Hannover. Mitunter scheint es, als würde die Corona-Pandemie nicht nur die Lungen, sondern auch die Gehirne befallen, denn in den vergangen Wochen hat sich ein wahrer Tsunami an wirren Ideen über dem Planeten ausgebreitet.

Da ist von Mikrochip-Implantaten die Rede, von einer gezielten Bevölkerungsreduzierung, von der schleichenden Entmündigung der Bürger bis hin zur Diktatur der Impfpflicht. Da werden wahre Forderungen, wie die Debatte über die Tracing-App mit dystopischen Weltuntergangsphantasien gemischt.

Und dann gibt es diesen einen Namen, der praktisch immer auftaucht, wenn es darum geht, die Verantwortlichen der vermeintlichen Verschwörung zu benennen. Genau genommen sind es sogar zwei Namen: Bill und Melinda Gates.

Der 66-jährige Microsoft-Gründer und seine elf Jahre jüngeren Ehe-Frau sind in der Krise von Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern und Populisten jeglicher Couleur zu Hassfiguren stilisiert worden. Aus Sicht der Verwirrten ist der Selfmade-Milliardär, der sich seit Jahren als globaler Philanthrop engagiert, verantwortlich für so gut wie alles, was gerade in der Welt schiefläuft.

Ideale Projektionsscheibe

„Bill Gates scheint da als Projektionsscheibe ideal“, erklärt Nikil Mukerji, der sich als Philosoph an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit den Phänomen der Verschwörungstheorien beschäftigt, im „Bayerischen Rundfunk“. „Gates hat viel Geld – was ihn per se für viele Menschen verdächtig macht – und er hat weit weniger unter der Pandemie zu leiden als wirtschaftlich schlechter Gestellte“, so Mukerji weiter.

Viele hätten Angst um ihre wirtschaftliche Existenz oder bereits ernsthafte Schwierigkeiten. Es sei psychologisch nachvollziehbar, so Mukerji, dass man das jemandem in die Schuhe schieben wolle und einen Schuldigen sucht.

Was gegen Gates in Stellung gebracht wird, sind klassische antisemitische Stereotype, mit denen auch der amerikanisch-ungarische Philanthrop George Soros immer wieder diffamiert wird - selbst von ungarischen Regierungsvertretern: Raffgier, weltumspannende Aktivitäten, ein „Gutmenschen“-Image, hinter dem sich aber Verschlagenheit verbirgt. Die Vorwürfe haben sich seit der Zeit des Nationalsozialismus kaum geändert, wahrer sind sie aber in all den Jahren nicht geworden.

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Ein Faktencheck

Behauptung 1: Gates will im Kampf gegen den Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen lassen – und so die totale Kontrolle erlangen.

Bewertung: Falsche Zusammenhänge.

Fakten: Gates schrieb bereits im März, dass irgendwann „digitale Zertifikate“ Auskunft darüber geben könnten, wer eine Infektion mit dem Coronavirus bereits durchgestanden hat oder – sobald das möglich ist – dagegen geimpft ist. Diese Aussage wurde mit vollkommen anderen Projekten verrührt, die von der Gates-Stiftung unterstützt werden – etwa Forschungen zur digitalen Identifizierung, zu einer Technik, die Impfungen im Infrarotlicht auf der Haut anzeigt, sowie zu Verhütungsmethoden via Mikrochips. Mit dem Coronavirus haben sie nichts zu tun.

Behauptung 2: Gates finanziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Bewertung: Das ist übertrieben. Doch gehört die Gates-Stiftung tatsächlich zu den größten Geldgebern der WHO.

Fakten: Im Budgetzeitraum 2018/2019 flossen Spenden der Gates-Stiftung von 367,7 Millionen Dollar in WHO-Projekte. Damit war sie als zweitwichtigster Zahler nach den USA (553 Mio.) gelistet, die jüngst ihre finanzielle Unterstützung an die UN-Behörde einfroren. Die Gates-Stiftung beteiligte sich damit zu 9,8 Prozent an den zweckgebundenen Spenden, die wiederum 77 Prozent des gesamten WHO-Budgets ausmachen. Kritiker bemängeln, Gates dürfe die Ziele seiner Spenden bestimmen und könne so der WHO eine Richtung vorgeben.

Microsoft-Gründer Bill Gates setzt sich seit Jahren für eine bessere Gesundheitsversorgung in der Welt ein.

Microsoft-Gründer Bill Gates setzt sich seit Jahren für eine bessere Gesundheitsversorgung in der Welt ein. © picture alliance/dpa

Behauptung 3: Die Gates-Stiftung soll die Entwicklung des neuen Coronavirus finanziert haben – inklusive Patent.

Bewertung: Entbehrt jeder Grundlage.

Fakten: Der vermeintliche Beweis: das Patent eines von der Stiftung unterstützten Instituts von 2015 mit dem Titel „Coronavirus“. Dabei geht es aber nicht um Sars-CoV-2, sondern um die Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus aus der Gruppe der Coronaviren. In der Immunologie ist es üblich, dass Forscher das Erbgut von Erregern verändern, um sie weniger gefährlich zu machen. Diese eignen sich dann zur Herstellung von Impfstoffen. Zudem halten Wissenschaftler eine Entwicklung des neuen Coronavirus im Labor für nicht plausibel.

Behauptung 4: Gates hat seine eigenen Kinder nicht impfen lassen.

Bewertung: Abstruse Quelle.

Fakten: Gates vermeintlicher früherer Arzt soll das in den 1990er-Jahren auf einem Symposium in Seattle erzählt haben. Es werden weder der Name des Symposiums noch der des Arztes genannt. Wer diese unbelegte These zuerst in die Welt brachte, ist nicht mehr nachvollziehbar.

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Was Gates selbst sagt

Gates kämpft seit Jahren mit seiner „Bill & Melinda Gates“-Stiftung für eine bessere Gesundheitsversorung weltweit. Auf die nun vor allem in der Corona-Krise über ihn verbreiteten Gerüchten und Falschmeldungen sagte der Microsoft-Gründer bereits Ende April in einem Interview mit dem TV-Sender CNN: „Es gibt Leute, die wollen das durch eine politische, nicht durch eine wissenschaftliche Brille betrachten. Das kann dich zu seltsamen Ansichten führen.“

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