Was der Biss in die Wurst über Politiker verrät

Königsdisziplin im Wahlkampf

Herzhaft und entschlossen oder vorsichtig zurückhaltend - die Nahrungsaufnahme gewährt Einblicke in den Charakter eines Menschen. Bei Politikern ist das besonders interessant. Machen Sie sich selbst ein Bild: in unserer Fotostrecke. Oder vertrauen Sie der Analyse von Politikwissenschaftler Constantin Alexander. [Mit Video]

HANNOVER

, 18.09.2013, 18:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
Nichts ist schwieriger, als eine Bratwurst mit Würde zu essen. Angela Merkel wirkt dabei am professionellsten, sagt Constantin Alexander.

Nichts ist schwieriger, als eine Bratwurst mit Würde zu essen. Angela Merkel wirkt dabei am professionellsten, sagt Constantin Alexander.

Wer Kanzler werden will, muss Bratwürste essen. Das demonstriert Volksnähe, sagt Politikwissenschaftler und Blogger Constantin Alexander (30). Doch wie man reinbeißt, ist entscheidend, verrät der Experte im Interview.

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Politiker bei der Nahrungsaufnahme

Es sagt viel über den Charakter aus, wie jemand in seine Bratwurst beißt. Das sagt Politikwissenschaftler Constantin Alexander. Besonders ist das natürlich bei Politikern interessant. Wir haben eine kleine Auswahl von Politikern bei der Nahrungsaufnahme zusammengestellt.
18.09.2013
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Sie forschen zu Politikern, die in Bratwürste beißen. Wie kam es dazu? Constantin Alexander: Mir ist aufgefallen, dass es in den Archiven der Zeitungen und Presseagenturen ganz viele Bilder von Politikern gibt, wie sie in eine Bratwurst beißen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Bratwürste unmöglich würdevoll zu essen sind.Warum? Sie sind heiß, sie sind fettig, sie sind komisch geformt, man sieht einfach nicht gut dabei aus. Politiker achten immer darauf, sich selbst zu inszenieren, gut gekleidet zu sein, Fehler zu vermeiden, sehr kraftvoll zu wirken. In dem Moment, in dem sie in eine Bratwurst beißen, wird das Ganze aufgehoben.Wieso essen Politiker sie dann trotzdem? Norbert Röttgen hat damals bei einer Wahlkampfveranstaltung in NRW eine Bratwurst abgelehnt. Das führte dazu, dass die Bevölkerung von ihm die Vorstellung hatte, dass er ein bisschen überheblich und arrogant ist. Das wollen Politiker natürlich vermeiden.Aber warum Bratwurst? Die Bratwurst ist mit das volkstümlichste Lebensmittel. Es gibt sie im gesamten Bundesgebiet, entweder günstig am Imbiss am Bahnhof oder in einer teuren Luxusvariante, in Bio, halal, koscher oder vegan. Politiker versuchen, sich besonders volksnah zu geben. Und dazu gehört dann auch in einer Demokratie, das Gleiche zu essen wie das Volk – eben die Bratwurst.Gibt es Alternativen dazu? In Hamburg oder Bremen wird auch mal ein Fischbrötchen gereicht. In Süddeutschland ist es der Schoppen Wein oder die Maß Bier. Politiker aus dem Grünen-Spektrum lassen sich gerne mit einem Döner ablichten. Der steht für ein bestimmte politische Einstellung, also Offenheit gegenüber Multikulturalität und Moderne. Gleichzeitig lässt sich auch der Döner nur schwer würdevoll essen.Beim Essen können Politiker also nur verlieren. Aber das ist genau das, was Menschen bei Politikern suchen. In dem Moment, in dem sie in eine Bratwurst beißen, zeigen sie ein wenig diese Menschlichkeit, indem sie verletzlich wirken, ein wenig unbeholfen. Die Art und Weise, wie die Person da reinbeißt, macht sie sympathisch oder eben unsympathisch.Präsentation von Constantin Alexander  

Bei wem wirkt es unsympathisch? Bei Horst Seehofer oder Guido Westerwelle sieht das einfach gekünstelt aus. Von Seehofer habe ich viele Bilder gefunden, wie er den kleinen Finger abspreizt. Dafür würde man am Imbiss ausgelacht werden. Bei Gerhard Schröder sieht das sehr echt aus, als ob er auch privat mal eine Bratwurst verdrückt, sehr authentisch. In Niedersachen gibt es in vielen Kantinen auch noch die Kanzlerplatte, also Currywurst mit Pommes.Was ist der beste Weg, eine Bratwurst zu essen? Man sollte warten, bis die Wurst etwas kälter ist. Dann natürlich kein scharfer Senf, davon können die Augen tränen. Wichtig ist, dass man mit der Wurst zum Mund geht und nicht andersrum. Was Politiker auch vermeiden sollten, ist, beim Biss direkt in die Kamera zu gucken. Ansonsten nicht zu viel Zahn zeigen, das wirkt aggressiv, und die Wurst einfach genießen.Merkel oder Steinbrück, wer ist Ihr Favorit an der Wurst? Von Steinbrück habe ich fast kein Foto gefunden, wie er in eine Wurst beißt, er scheint sich zu weigern. Das passt auch ein bisschen zu seinem Charakter, unnahbar zu sein, ein bisschen arrogant. Bei Angela Merkel wiederum merkt man über die Jahre wie auch bei ihrem gesamten äußeren Erscheinungsbild: Die hat sich sehr angepasst.Inwiefern? Am Anfang war das sehr unbeholfen, sehr aggressiv. Die ersten Bratwurstbilder von Merkel wirkten bei konservativen männlichen Wählern eher abschreckend. Inzwischen macht sie das sehr professionell. Allerdings wirkt das ein wenig kühl.Was bedeutet das für die Wahl? Die Wähler müssen sich entscheiden, was sie möchten: eine Kanzlerin, die erfüllt, was Volkswille ist, oder jemanden, der vielleicht ein bisschen widerborstig wirkt, dafür aber ein eigener Charakter ist.