Was zu Weihnachten mit Corona möglich ist und was nicht – eine Prognose

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Es sind noch einige Wochen bis Weihnachten. Klar ist schon jetzt, dass es dank Corona kein Weihnachtsfest wie jedes andere wird. Worauf müssen wir uns einstellen? Was wissen wir, was nicht?

Dortmund

, 11.11.2020, 16:21 Uhr / Lesedauer: 4 min

Um eine halbwegs seriöse Einschätzung abzugeben, was zu Weihnachten möglich sein wird und was nicht, muss man sich zunächst einige fundamentale Dinge klar machen, die schon jetzt feststehen:

1. Das Coronavirus wird bis Weihnachten nicht verschwunden sein. Bis dahin werden bei uns weder Menschen geimpft sein noch wird es ein Zaubermedikament geben, das nach einer erfolgten Infektion mit dem Virus durch eine Pille alle Corona-Leiden heilt. Das heißt: Das Coronavirus bleibt eine große Gefahr, besonders für alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

2. Noch ist unklar, wie sich die Infektionslage zum Jahreswechsel darstellt. Aktuell hat sich der Anstieg der Neuinfektionen zwar abgeflacht, er bleibt aber weiter auf einem sehr hohen Niveau. Gehen wir für diesen Blick auf den Jahreswechsel vom besten aller Fälle aus: Dass sich der Anstieg der Kurve weiter abflacht und sich bis Mitte Dezember die Zahl der täglichen Neuinfektionen halbiert. Sich mehr zu wünschen, wäre absolut unrealistisch.

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3. Die Zahl der Corona-Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt und beatmet werden müssen, ist in den vergangenen Wochen stetig gestiegen und hat schon im Oktober die Rekordmarke aus dem April übertroffen.

Und diese Zahl wird – selbst, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen rasch halbieren sollte - auch in den nächsten Wochen weiter steigen. Das ist schon jetzt ablesbar, da es mehrere Tage, zuweilen auch Wochen dauert, ehe jemand nach der Infektion mit dem Coronavirus in einer Klinik behandelt werden muss.

Erste Kliniken haben bereits Engpässe in der Versorgung gemeldet. Noch ist die Situation beherrschbar, zumal es inzwischen genügend Intensivbetten gibt, aber: Es fehlen in vielen Häusern geschulte Pflegekräfte.

4. Die Gesundheitsämter sind mittlerweile am Limit, wenn es um die Nachverfolgung von Infektionsketten geht. Daran ändert weder der Einsatz der Bundeswehr noch die eilige Verpflichtung von Aushilfskräften etwas. Die Zahl der Neuinfektionen ist einfach zu hoch und steigt weiter, wenn man die Zahl der Kontakte, die ein Infizierter hatte, nicht mehr nachverfolgen kann. Es ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Mehr Neuinfektionen = weniger Nachverfolgung; weniger Nachverfolgung = mehr Infektionen.

5. Es steht fest, dass sich das Virus in geschlossenen Räumen deutlich schneller ausbreitet als im Freien.

Die Folgen dieser Annahmen

Gehen wir von diesen fünf Annahmen aus, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sich die Politik dazu entschließen wird, vor Weihnachten alle seit Anfang November geltenden einschränkenden Maßnahmen wieder aufzuheben.

Das wäre unverantwortlich, denn: Advent, Weihnachten und Silvester sind festliche Zeiten, in denen man in kuschelig warmen Räumen die Nähe anderer Menschen, von Verwandten und Freunden, sucht.


Es sind Zeiten, in denen sich zudem viele Menschen treffen, die sich im Jahr sonst nur selten treffen. Aber all diese engen Kontakte, dazu die Partys an Silvester, das alles ist ein vorzüglicher Treibstoff, um die Ausbreitung des Virus voranzutreiben. Deshalb muss man – natürlich bei aller gebotenen Vorsicht und ohne Gewähr – von folgendem Szenario ausgehen:

1. Die derzeit gültigen Kontaktbeschränkungen, nach denen sich in der Öffentlichkeit maximal zehn Personen aus maximal zwei Haushalten treffen dürfen, werden bis zum Jahresende bestehen bleiben.


In Nordrhein-Westfalen wird es zwar weiterhin landesweit keine entsprechende Vorschrift für private Räume geben, aber: Zum einen wird das Land – wie schon jetzt – solche lokalen Verbote örtlicher Gesundheitsämter dulden, zum anderen wird es einen dringenden Appell geben, sich auch im privaten Raum an die Kontaktbeschränkungen zu halten.

Und selbst wenn keine Strafen drohen sollten: Solche Feiern machen doch keinen Spaß, wenn man dabei die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen und Angst haben muss, das Virus zu verbreiten. Moralisch fragwürdig wären sie momentan ohnehin.

2. Unabhängig von allen rechtlichen Regelungen sollte man auf große private Feiern zu Weihnachten und auf Partys zu Silvester verzichten. Man sollte es also tunlichst unterlassen, sich unterm Weihnachtsbaum mit den Großeltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten und den Nachbarn zu treffen.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, regte vor einigen Tagen in einem Interview an, familiäre Zusammenkünfte über mehrere Tage zu strecken, so dass sich immer nur zwei Haushalte treffen. Über eine Bescherung, so sagte er, könne man sich auch noch am 28. Dezember freuen.


Christian Drosten, Chef-Virologe der Charité in Berlin, schlug zudem eine „Vor-Quarantäne“ vor. Das heißt: Bevor man sich am Weihnachtstag etwa mit Oma und Opa trifft, sollte man sich eine Woche lang selbst isolieren. Das verringere die Gefahr für eine Virusausbreitung deutlich.

3. Advents- und Weihnachtsmärkte dürften sich ebenso erledigt haben wie Weihnachtsfeiern betrieblicher und anderer Art. Größere Veranstaltungen, Feste und Festivals sind schon jetzt bis Ende des Jahres untersagt.

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4. Ob Cafés, Kneipen und Restaurants ab Dezember wieder öffnen dürfen, ist derzeit noch völlig offen. Da das Lüften dieser Räume gerade bei niedrigen Temperaturen oft problematisch ist, dürfte man dieses Mal deutlich zurückhaltender sein als bei der Wiederöffnung nach dem ersten Lockdown.


Andererseits ist der Dezember traditionell einer der umsatzstärksten Monate für die Gastronomie. Sie komplett geschlossen zu halten, dürfte zu einem flächendeckenden Sterben solcher Betriebe führen – es sei denn, die Politik ersetzt ihnen wie im November auch im Dezember einen Großteil des entgangenen Umsatzes.

Wahrscheinlicher ist es, dass Cafés, Kneipen und Restaurants unter sehr strengen Auflagen und vielleicht auch mit zeitlichen Beschränkungen wieder öffnen dürfen. Sicher ist das nicht.

5. Viele Menschen planen in der Weihnachtszeit einige Urlaubstage. Was ist mit Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen? Aktuell gilt bis Ende November ein Beherbergungsverbot für touristisch Reisende. Auch hier gilt: Im Moment ist es absolut unklar, ob es zum Dezember aufgehoben wird. Dabei dürften in diesem Bereich aber am ehesten Chancen auf Lockerungen bestehen, denn: Sowohl in einem Hotelzimmer als auch in einer Ferienwohnung lassen sich Kontakte sehr gut beschränken, andererseits: Was will man in einem Hotel, wenn alle Restaurants, Kneipen und Cafés geschlossen sind?

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6. Weihnachten ist noch immer ein christliches Fest. Trotz seit langem steigender Zahlen bei den Kirchenaustritten gehört der Besuch eines Weihnachtsgottesdienstes in vielen Familien ebenso zum Fest wie der geschmückte Baum. Daher sind in der Regel die Kirchen an diesen Tagen übervoll. Das wird in diesem Jahr definitiv so nicht möglich sein.

In den Kirchenbänken wird nur ein Bruchteil der Plätze genutzt werden dürfen. Daher haben sich etliche Gemeinden bereits entschlossen, in größere Räume – Industrie- und Sporthallen oder ähnliche Orte – auszuweichen. Außerdem dürfte es vielfach notwendig sein, sich für einen Gottesdienst anzumelden.

Prall gefüllte Kirchen wie sonst vielerorts in den Weihnachtsgottesdiensten wird es in diesem Jahr mit Sicherheit nicht geben dürfen.

Prall gefüllte Kirchen wie sonst vielerorts in den Weihnachtsgottesdiensten wird es in diesem Jahr mit Sicherheit nicht geben dürfen. © picture alliance / dpa

Wieder andere Gemeinden streamen ihre Gottesdienste im Internet oder bieten Gottesdienste im Freien an. Die evangelische Kirchengemeinde in Dorsten-Holsterhausen hat sich beispielsweise dafür entschieden, Gottesdienste draußen zu feiern. Die sollen nicht so lange dauern wie üblich, so dass Zeit für mehr Gottesdienste bleibt.

Und für all jene, die darüber lamentieren, dass es draußen Weihnachten doch zu kalt sei, haben die Seelsorger der Gemeinde einen biblischen Hinweis parat: „Die Hirten auf dem Felde hatten es auch nicht immer komfortabel und zogen sich wetterfest an“.

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