Wie arm sind Menschen in Deutschland wirklich?

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Wenn es um Armut geht, werden Diskussionen schnell emotional. Lässt sich Armut in Deutschland aber überhaupt richtig messen? Welche Gestalt hat sie? Was ist relative Armut? Fragen und Antworten.

Dortmund

, 11.02.2020, 16:15 Uhr / Lesedauer: 6 min

Es ist nicht so einfach, über Armut in Deutschland zu reden. Hier muss zwar niemand am Straßenrand bettelnd verhungern, trotzdem gibt es auch hier Armut. Die Zahlen der Staitstiker dazu gehen oft durcheinander, werden entsprechend gefiltert, um ganz unterschiedliche politische Forderungen abzuleiten oder abzuwehren.

Unstrittig ist, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die nur schwer über die Runden kommen, die sich vieles nicht leisten können, was für andere zum Alltag gehört. Das ist Armut in einer anderen Gestalt. Wie lässt die sich messen? Was ist, wenn die Armutsquote bei uns steigt? Ist das ein zwingendes Indiz für eine zunehmende Verelendung unserer Gesellschaft? Wir haben wichtige Fragen und Antworten zum Thema zusammengetragen.

? Von welcher Armut reden wir?

Wer in Deutschland von Armut redet, spricht nicht über absolute Armut. Als absolut arm gilt nach der Definition der Weltbank, wer am Tag weniger als 1,90 Dollar zur Verfügung hat. Das Existenzminimum, das der deutsche Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern sichert, liegt deutlich über diesem Satz. In Deutschland geht es um die relative Armut. Und damit wird es schwierig.

? Wer ist (relativ) arm?

Als (relativ) arm gilt, wer weniger als 40 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Was das genau ist, erklären wir weiter unten. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent dieses bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens hat.

Diese Unterscheidung zwischen arm und armutsgefährdet wird nicht immer scharf vorgenommen, mal bewusst, mal unbewusst. So schreibt beispielsweise der Paritätische Gesamtverband in seinem Armutsbericht von Dezember 2019, dass er grundsätzlich Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beziehen, als arm bezeichnet und nicht nur als armutsgefährdet. Für diese Menschen sei eine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht möglich. Hier von „Armutsgefährdung“ zu sprechen, sei daher ein „Euphemismus“, also eine beschönigende Verschleierung.

? Was ist das genau, das bedarfsgewichtete mittlere Nettoeinkommen?

Das Nettoeinkommen ist noch einfach zu verstehen. Darunter wird in diesem Zusammenhang das verstanden, was man jeden Monat aufs Konto überwiesen bekommt, vom Arbeitgeber und auch vom Staat, also inklusive Kindergeld, Wohngeld und anderen Sozialleistungen.

Das mittlere Einkommen wird oft mit dem Durchschnittseinkommen verwechselt. Der Unterschied ist aber groß. Ein Beispiel: Es gibt fünf Menschen. Der erste bezieht netto 500 Euro im Monat, der zweite 1.000, der dritte 2.000, der vierte 5.000 und der fünfte 7.000 Euro. Das Durchschnittseinkommen wäre: 500 + 1.000 + 2.000 + 5.000 + 7.000, also 15.500 geteilt durch fünf, also 3.100 Euro. Das mittlere Einkommen, wäre aber genau der mittlere Wert, wenn man alle Einkommen nebeneinander in einer Reihe schreibt, in unserem Beispiel läge also das mittlere Einkommen bei 2.000 Euro.

? Warum ist der Unterschied zwischen mittlerem und Durchschnitts-Einkommen so wichtig?

Wenn beispielsweise die Reichen immer reicher würden, sich sonst aber nichts ändert, würde das Durchschnittseinkommen steigen. Damit würde auch die Zahl der Armen automatisch steigen, obwohl sich für diese Menschen nichts verändert hätte. Das mittlere Einkommen bleibt dagegen unverändert, solange sich nur bei den höheren und niedrigeren Werten etwas ändert, aber nicht in der Mitte.

? Und was heißt bedarfsgewichtet?

Das bedarfsgewichtete Einkommen berücksichtigt, dass die Fixkosten etwa für den Unterhalt einer Wohnung sinken, wenn mehrere Menschen in einer Wohnung leben. Das ist logisch, denn man teilt sich ja das Bad, die Küche, die Heizkosten und viele andere Dinge.

Außerdem geht man davon aus, dass Kinder einen geringeren Bedarf haben als Erwachsene, wobei Eltern mit Kindern diese Einschätzung durchaus nicht immer teilen. Also wird das Haushaltseinkommen gewichtet.

Dabei gelten seit Ende der 1990er-Jahre in Europa die folgenden Faktoren: In einem Haushalt wird der Hauptbezieher des Einkommens mit dem Faktor 1,0 berücksichtigt, alle anderen Mittglieder des Haushalts ab 14 Jahren werden mit dem Faktor 0,5, Kinder unter 14 Jahren mit dem Faktor 0,3 eingerechnet. Beispiel: In einer fünfköpfigen Familie mit zwei Erwachsenen sowie Kindern im Alter von 6, 8 und 15 Jahren kommt man auf einen Gewichtungsfaktor von 2,6 (1 + 0,5 + 0,5 + 0,3 + 0,3). Wenn das gesamte Einkommen dieser Beispielfamilie 5.000 Euro beträgt, ergibt sich also ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das auch als Äquivalenzeinkommen bezeichnet wird, von 1.923 Euro (5.000 ÷ 2,6 = 1.923).

? In den Armutsberichten ist immer von einer Armuts- bzw. Armutsgefährdungsquote die Rede. Worauf bezieht sich denn die?


Die bezieht sich grundsätzlich auf die 60 Prozent des gewichteten mittleren Nettoeinkommens. Da nahezu alle relevanten Untersuchungen zum Thema diesen Wert „als relevante Armutsgrenze“ ansehen, wird er auch im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – zuletzt im Jahr 2017 – zugrunde gelegt. Die Quote beschreibt den Anteil der Haushalte, die ein Einkommen beziehen, das unterhalb der 60-Prozent-Schwelle liegt.

? Und wo liegen jetzt in Deutschland die Armutsgrenzen?

Die neuesten Daten, die beim Statistischen Bundesamt und bei der Europäischen Statistik-Behörde Eurostat vorliegen, beziehen sich auf das Jahr 2018. Danach beträgt für einen Ein-Personen-Haushalt die 60-Prozent-Schwelle bei einem mittleren, gewichteten Einkommen 1.035 Euro, bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2.174 Euro. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet.

? Werden bei der Berechnung der Armutsquoten wirklich alle Menschen erfasst?

Nein. Bei der Berechnung von Armutsschwellen wird immer vom Haushaltseinkommen ausgegangen. Damit wird das Einkommen all derer, die nicht in einem Haushalt, sondern in Gemeinschaftsunterkünften wie Senioren- und Pflegeheimen, stationären Behinderteneinrichtungen, aber auch in Flüchtlings-Gemeinschaftsunterkünften leben, nicht berücksichtigt.

? Wie hoch ist jetzt die Armutsgefährdungsquote?

Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegt die Armutsgefährdungsquote in Deutschland aktuell bei 16,0 Prozent. Der Paritätische geht von 15,5 Prozent aus. In Nordrhein-Westfalen liegt die Quote höher: Laut dem Statistischen Landesamt IT NRW bei 16,6 Prozent, laut Paritätischem bei 18,1 Prozent. In Dortmund liegt die Armutsquote laut Statistischem Bundesamt bei 23,9 Prozent.

? Wie kommt es zu unterschiedlichen Armutsquoten der Statistischen Ämter von Bund und Land einerseits und dem Paritätischen andererseits?


Der Paritätische bezieht sich bei all seinen Vergleichen und Zahlen auf die bundesweiten gewichteten, mittleren Einkommen. IT NRW legt dagegen die landesweiten gewichteten mittleren Einkommen zu Grunde. Diese Zahlen werden dann vom Statistischen Bundesamt übernommen. Das hat Folgen: Wenn man nur auf das Land NRW mit seinen nach wie vor vorhandenen Problemen wie einer vergleichsweisen hohen Arbeitslosigkeit schaut, ist das mittlere Einkommen relativ niedrig und damit auch die Armutsquote. Beim Vergleich mit den bundesweiten Daten kommt halt eine höhere Quote heraus, weil darin auch die Einkommen wohlhabenderer Länder wie Bayern und Baden-Württemberg einfließen. Je nach politischem Interesse kann man so mit höheren oder niedrigeren Armutsquoten argumentieren.

? Bedeutet einen höhere Armutsquote automatisch, dass dort mehr Menschen Probleme haben, über die Runden zu kommen als in einer Stadt oder einer Region mit einer geringeren Armutsquote?


Nein, nicht unbedingt. Dazu sind die Lebenshaltungskosten von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, sogar von Stadtteil zu Stadtteil viel zu unterschiedlich. So sind beispielsweise allein die Mieten in Köln, Düsseldorf oder Münster deutlich höher als etwa im Sauerland; und in der Dortmunder Nordstadt lebt es sich preiswerter als am Phoenixsee im Dortmunder Süden. Da kann es durchaus passieren, dass ein Mensch in Düsseldorf mit seinem Einkommen zwar über der Armutsschwelle liegt, aber deutlich mehr Probleme hat, mit seinem Geld auszukommen, als jemand, der im Sauerland ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle hat.

? Die Armutsquote in NRW lag laut IT NRW 2005 bei 14,6 Prozent, 2018 bei 16,6 Prozent. Heißt das, dass es heute mehr Menschen in NRW finanziell schlecht geht als früher?

Das scheint auf den ersten Blick so zu sein, aber so klar ist das nicht, denn: Zwischen 2005 und 2018 sind die Armutsgrenzen um gut 40 Prozent gestiegen, nach denen die Armutsquoten berechnet werden. Zieht man den inflationsbedingten Preisanstieg ab, verbleibt ein Netto-Anstieg von 16,8 Prozent.

„Haushalte, die 2018 über ein Einkommen verfügen, welches genau ihrer Armutsgrenze entspricht, können sich aktuell also knapp 17 Prozent mehr Güter und Dienstleistungen kaufen als es in der gleichen Konstellation 2005 möglich gewesen wäre“, schreibt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer Analyse.

Anders gesagt: Eine ganze Reihe von Menschen gelten heute als arm, obwohl sie sich im wirklichen Leben auch preisbereinigt mehr leisten können als im Jahr 2005, als sie noch nicht als arm eingestuft worden waren.

Dieser Effekt ist in der Definition der relativen Armut grundgelegt: Es geht immer um den Vergleich mit allen anderen, nie darum, ob man mit seinem Geld im wirklichen Leben gut oder schlecht über die Runden kommt. Das gilt dann auch für Dortmund, das eine vergleichsweise hohe Armutsquote von 23,9 Prozent aufweist. Sie lag 2005 noch bei 18,6 Prozent. Auch sie ist also in den vergangenen Jahren im Schnitt deutlich gestiegen. Dass es damit mehr Menschen als 2005 in Dortmund wirklich schlecht geht, ist damit aber eben noch nicht gesagt, auch wenn politische oder gesellschaftliche Interessengruppen gerne so argumentieren.

? Wo liegen – ganz allgemein gesagt – die Ursachen für eine hohe Armutsquote in Dortmund?


Ohne ins Detail zu gehen, liegen einige Gründe auf der Hand. Dazu zählt die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit in Dortmund, die 2018 bei 10,1 Prozent lag und damit deutlich höher als im Bund (5,2 Prozent) und im Land (6,8 Prozent).

Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit wiederum findet man unter anderem im hohen Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Berufsabschluss. Dieser liegt in Dortmund bei 22,2 Prozent, im Land bei 19,4 und im Bund nur bei 14,8 Prozent. Und Menschen ohne Berufsabschluss haben eben die höchsten Arbeitslosenquoten: in Dortmund 30,3 Prozent, im Land 21,9 Prozent und im Bund 18,3 Prozent.

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