Wie Astrazeneca die politische Strategie ins Wanken bringt

Coronavirus

Der britisch-schwedische Hersteller Astrazeneca durchkreuzt die Pläne der Bundesregierung. Das Unternehmen weist derweil mangelnden Schutz von Senioren mit dem Impfstoff zurück.

Berlin

27.01.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Astrazeneca wehrt sich gegen Berichte zu einer geringen Schutzwirkung seines Corona-Impfstoffs bei Senioren.

Astrazeneca wehrt sich gegen Berichte zu einer geringen Schutzwirkung seines Corona-Impfstoffs bei Senioren. © picture alliance/dpa/PA Wire

Der Konflikt mit dem britisch-schwedischen Pharmahersteller Astrazeneca um die Lieferung von Impfdosen könnte die Strategie der Bundesregierung und ihre Zusage für ein Impfangebot an die gesamte deutsche Bevölkerung bis Mitte September ins Wanken bringen.

Ohne sich auf das Unternehmen zu beziehen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag beim digitalen Weltwirtschaftsforum von Davos, der Weg aus der Pandemie sei das Impfen. Dieser werde aber mühseliger und länger sein als von manchen erhofft. Eine Lehre sei, dass auf Lieferketten nicht immer Verlass sei. Sie mahnte eine solidarische und multilaterale Politik an. Ein „Abschottungsansatz“ werde nicht helfen, die Probleme zu lösen.

Weniger Impfstoff als die bestellten Impfdosen

Astrazeneca will der EU vorerst weniger Impfstoff als die 400 Millionen bestellten Impfdosen liefern, andere Vertragspartner sind davon offenbar nicht betroffen. Für Corona-Impfungen zugelassen in Deutschland bisher zwei Impfstoffe – das Präparat der Hersteller Biontech und Pfizer, für das sich Deutschland bisher mehr als 90 Millionen Dosen gesichert hat, und das Präparat des Herstellers Moderna mit 50 Millionen gesicherten Dosen.

Von dem Impfstoff von Astrazeneca soll Deutschland rund 56 Millionen Dosen über die gemeinsame EU-Bestellung bekommen. Es wird erwartet, dass dieser Impfstoff an diesem Freitag in der EU zugelassen wird, in Großbritannien wird er bereits in großem Stil eingesetzt.

Im Streit um knappe Corona-Impfstoffe versucht die Europäische Union am Mittwoch erneut, den Hersteller Astrazeneca zur raschen Lieferung vertraglich zugesicherter Mengen zu bewegen. Die EU-Kommission hat Vertreter des Konzerns am Abend zur Krisensitzung mit Experten der EU-Staaten geladen.

Merkel: „Die Schnelligkeit unseres Handelns lässt sehr zu wünschen übrig“

Merkel räumte Schwachstellen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie in Deutschland ein. „Die Schnelligkeit unseres Handelns lässt sehr zu wünschen übrig“, kritisierte sie. Prozesse seien oft sehr bürokratisch und dauerten lange.

Sie beklagte auch einen Mangel an Digitalisierung der Gesellschaft, insbesondere Gesundheitsämter, der Verwaltung und des Bildungssystems. Ein gutes Fundament seien hingegen die soliden Finanzen des Staates zur Hilfe für die Bevölkerung und Unternehmen sowie Gemeinsinn und Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern.

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans zeigte sich skeptisch, ob tatsächlich bis zum Sommer jedem Bürger ein Impftermin angeboten werden könne. „Dass es Ende des Sommers wird oder auch darüber hinaus, kann bei solchen Hiobsbotschaften dieser Unternehmen sicher niemand garantieren“, sagte er den Sendern RTL und n-tv. Merkel hatte das Datum 21. September genannt – das kalendarische Ende des Sommers.

Unzureichender Schutz von Senioren durch Astrazeneca-Impfstoff?

Astrazeneca wehrte sich unterdessen gegen Berichte zu einer geringen Schutzwirkung seines Corona-Impfstoffs bei Senioren. Es sei „komplett falsch“, dass das Mittel bei Menschen über 65 Jahren nur eine Wirksamkeit von 8 Prozent habe, teilte ein Sprecher mit.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte, bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA und der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (RKI) würden derzeit Daten ausgewertet.

Auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse solle in der nächsten Woche entschieden werden, welche Gruppen, auch welche Altersgruppen zuerst damit zu impfen wären. In jeder Altersgruppe gebe es Menschen mit Vorerkrankungen, die sich Impfungen erhofften. „Wir werden den Impfstoff in jedem Fall (...) natürlich auch gut gebrauchen können.“

Das Ministerium stellte ferner auf RND-Anfrage klar: „Ob und in welchem Umfang die Impfverordnung geändert werden muss, kann erst nach der Entscheidung der EMA zur Zulassung und nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission entschieden werden.“

RND

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