Wie Deutschland 78 Tage im Kampf gegen Corona verlor

Coronavirus

Am letzten Tag des vergangenen Jahres erhielt das Robert-Koch-Institut Informationen über eine unbekannte Lungenentzündung in China. Warum dauerte es so lange mit ersten Maßnahmen gegen das Corona-Virus?

Hannover

17.05.2020, 16:36 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wurde die Gefahr durch das Corona-Virus verkannt?

Wurde die Gefahr durch das Corona-Virus verkannt? © picture alliance/dpa

Einen Namen hatte die Krankheit noch nicht, als am 31. Dezember 2019 das internationale Frühwarnsystem ProMED eine E-Mail versendete, die über eine unbekannte Lungenentzündung in China informierte.

Die Benachrichtigung über das - wie wir heute wissen - neuartige Coronavirus trifft auch im Berliner Robert Koch-Institut (RKI) ein, haben Recherchen von „BR“ und „Welt am Sonntag“ ergeben. Doch es passierte erst einmal - nichts.

Von einer Pandemie war noch keine Rede, ansonsten hätte die Bundesregierung womöglich eher gehandelt. Entsprechende Pläne finden sich in acht Jahre alten Lockdown-Papieren der Behörden zum Bevölkerungsschutz.

Erste Warnungen

Allerdings gab es Warnungen: Schon im Januar traten in Deutschland die ersten Fälle beim Autozulieferer Webasto in Bayern auf. Eine chinesische Kollegin hatte das neuartige Coronavirus nach Deutschland gebracht. Alle Infizierten wurden im Klinikum München-Schwabing behandelt. Die Verläufe waren mild.

Trotzdem warnte der Virologe Alexander Kekulé vor Einreisenden aus China und wetterte über die Unbeweglichkeit der deutschen Behörden - wie das zum Bundesgesundheitsministerium gehörende RKI - Vorsichtsmaßnahmen einzuleiten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt am 23. Januar in den tagesthemen: „Der Verlauf hier, das Infektionsgeschehen, ist deutlich milder, als wir es bei der Grippe sehen.“ Dieses Statement hatte zuvor in ähnlicher Weise schon RKI-Präsident Lothar Wieler abgegeben.

Am 29. Januar redet der Gesundheitsausschuss des Bundestags über Corona. Es ist der letzte Tagesordnungspunkt. Geklärt wird hier - außer Klagen über Chinas Informationspolitik - nichts.

Abgeordnete waren beruhigt

Noch zwei Wochen später stufte Spahn in dem Bundestagsgremium die Gefahr einer Pandemie als „eine zurzeit irreale Vorstellung“ ein. Die meisten Abgeordneten waren beruhigt.

Ende Februar ändert sich die Atmosphäre in internen Runden. Früher als bisher bekannt, haben die Recherchen des „BR“ ergeben, gibt es in der Bundesregierung Überlegungen zu einem Lockdown. Im Innenministerium wird leise die Frage erörtert, ob Folgen für die innere Sicherheit drohen.

In vielen Ländern breitet sich das Virus inzwischen aus, es gibt furchtbare Bilder aus Italien. Doch in Deutschland wird noch Karneval gefeiert und die Politik feiert sich beim Politischen Aschermittwoch.

Spahn vermeidet Druck

Am 2. März trifft sich der Gesundheitsausschuss zu einer Sondersitzung. Die Parlamentarier erörtern auch die Frage, Großveranstaltungen abgesagt werden sollten. Spahn macht keinen Druck. Die Behörden vor Ort sollten entscheiden - „ohne dass man belehrend aus Berlin kommt“, heißt es im Protokoll. Erst eine Woche später empfiehlt der Minister, Großveranstaltungen abzusagen.

„Nehmen Sie es auch ernst“

Wieder eine Woche verloren. Dann, am 11. März, wacht auch die Weltgesundheitsorganisation auf und ruft den Pandemiefall aus. Sieben Tage später sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“

Das war 78 Tage nach der Meldung vom 31. Dezember 2019.

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