Wie ein Dortmunder mit der ganzen Welt funkt

Ein Funkamateur erzählt

Seine Fragen stellt Erich Mertes der ganzen Welt: Ist jemand da? Hört jemand zu? Erst rauscht und klickt es, doch schließlich meldet sich eine Stimme – mal aus Polen, mal aus Australien. Der Dortmunder ist Funkamateur. Seit über 40 Jahren trifft er sich mit seinen Kollegen jeden Mittwoch in der Clubstation „DL-0-Whiskey-Alpha“, um mit Menschen überall auf der Erde zu sprechen.

DORTMUND

, 30.12.2016, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Amateurfunker Erich Mertes aus Dortmund.

Amateurfunker Erich Mertes aus Dortmund.

In den 70ern ging es los. Erich Mertes ging noch zur Schule, als er das Funken entdeckte. Ein Lehrer ging dem ungewöhnlichen Zeitvertreib damals nach und rief eine Arbeitsgruppe ins Leben. In dieser lernten die Schülerinnen und Schüler, einfache Funkempfänger zu bauen. „Die AG hat dann bei einer Gruppe von fünf oder sechs Schülern großes Interesse geweckt“, erinnert sich Mertes. Sie alle wollten plötzlich Funkamateure werden. Doch was tun die eigentlich?

Die Hauptbeschäftigung der Funkamateure besteht im Grunde darin, eine Amateurfunkstation einzurichten und zu betreiben. Sie verwenden dabei selbstgebaute oder gekaufte Funkgeräte. Mit diesen können sie dann weltweit Kontakte zu anderen Stationen aufbauen. Manchmal entwickelt sich aus einem kurzen Kontakt eine enge Freundschaft. Um allerdings eine Funkstation betreiben zu dürfen, brauchen angehende Funkamateure eine offizielle Lizenz.

Funkkurs an der Volkshochschule

Die Gruppe um Erich Mertes besuchte einen speziellen Kurs an der Volkshochschule Leverkusen, der sie auf die schriftliche Lizenzprüfung vorbereitete. Mertes legte diese bei der Oberpostdirektion in Köln ab. Anschließend verloren er und die anderen keine Zeit und meldeten sich kurzerhand im Amateurfunkverein „Golf 11“ des Ortsverbands Leverkusen an.

Damals sei das Funken noch etwas sehr Interessantes gewesen, erzählt Mertes: „Es gab ja keine Handys, oder Dinge, mit denen man großartig kommunizieren konnte. Bloß Telefone mit Wählscheibe.“ Und mit diesen habe Erich Mertes als 16-Jähriger nicht oft telefonieren dürfen. Also wartete er, bis seine Eltern schliefen und sprach nachts über Funk mit seinen Freunden.

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So sieht es bei Amateurfunkern aus

So sieht es bei Amateurfunkern aus
29.12.2016
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Als die Zeche in Waltrop noch in Betrieb war, diente die Funkstation zur Kommunikation zwischen den Arbeitern Untertage und der Oberfläche. Seit 1982 betreiben die Funkamateure des Ortsverbandes Waltrop die Anlage.© Foto: Privat
Wer auf den 50 Meter hohen Funkturm klettern muss, etwa für eine Reparatur, kann den Ausblick auf das ehemalige Zechengelände genießen. Doch Vorsicht ist dennoch geboten, denn es ist ein weiter Weg nach unten.© Foto: Privat
Der Funkturm steht heute noch immer an selber Stelle und erfüllt im Prinzip den gleichen Zweck wie damals. Bloß statt qualmenden Schornsteinen ist er nun von Bäumen umrundet© Foto: Privat
Die Funkamateure von „DL-0-Whiskey-Alpha“ diskutieren vor dem eigentlichen Funken im Aufenthaltsraum des Bunkers. Bei den Gesprächen geht es meist um fachliche Themen, neue Trends und die Vereinsorganisation.© Foto: Vinnbruch
Vom Aufenthaltsraum aus lässt sich die Funkstation im Raum nebenan steuern. Die Einstellungen können die Funker digital vornehmen und sich mit ein paar Klicks viel Drehen, Schalten und Umstecken sparen.© Foto: Vinnbruch
Mit ihrer guten technischen Ausstattung können der Clubvorsitzende Wilfried Schäfer (vorne) und seine Kollegen sogar Amateurfunkstationen in Australien erreichen. Auch wenn in einer Katastrophensituation alle Netze ausfallen, könnten sie eine Notfall-Kommunikation aufrechterhalten.© Foto: Vinnbruch
Um Funkamateur zu werden, benötigt man eine Lizenz. Wilfried Schäfer hat seine stets bei sich. Und nicht nur Funken darf er mit ihr, sondern auch seine eigenen Funkgeräte bauen.© Foto: Vinnbruch
Wichtige Anschaffungen und Aufgaben werden auf einer großen Tafel im Aufenthaltsraum festgehalten, damit sie präsent bleiben. Dazu gehört natürlich auch der Termin für die Weihnachtsfeier.© Foto: Vinnbruch
War ein Funkspruch erfolgreich, verschicken viele Stationen ihre Postkarten zur Bestätigung und als Dankeschön. Natürlich haben auch die Funkamateure von „DL-0-Whiskey-Alpha“ ihr persönliches Bestätigungs-Kärtchen.© Foto: Vinnbruch
Einen ganzen Kasten voller Karten steht schon im Waltroper Bunker. Dieses kreative Exemplar kam aus Polen.© Foto: Vinnbruch
Amateurfunker Erich Mertes aus Dortmund.© Foto: Vinnbruch
Der Funkturm über dem Bunker in Waltrop.© Foto: Vinnbruch

Ein alter Bunker als Funkstation

Einen eigenen Clubraum, wie den jetzigen – ein Bunker auf dem alten Zechengelände in Waltrop – hatten die jungen Funkamateure damals noch nicht. Die mittlerweile 18-Jährigen Jungs trafen sich monatlich in einem Multifunktions-Gebäude in Leverkusen, um sich über ihre neusten Erkenntnisse auszutauschen. Mertes: „Das war gar nicht so interessant. Besonders nicht in dieser sterilen Umgebung. Deswegen nahmen wir regelmäßig an sogenannten ‚Field-Days‘ teil.“

Field-Days sind mehrtägige Wettbewerbe unter Funkamateuren. Um bei diesen mitzumachen, zog die Gruppe, bewaffnet mit einem Zelt, ihrem Funkgerät und einem Stromgenerator, in die Wildnis. Unter ihrem Rufzeichen „DL 0 IL“ traten sie dort gegen andere Clubs an. Das Ziel: innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens so viele Funkverbindungen wie möglich aufbauen. Doch Mertes und seinen Hobby-Funkern ging es nicht bloß um den Sieg.

„Die Gemeinschaft, das miteinander Zelten und Funken war das Spannende daran“, sagt Mertes. Während seines Studiums schränkte er sein Hobby aus zeitlichen Gründen ein. Doch das Jahr 1985 ließ die Leidenschaft des Dortmunders für das Funken wieder aufflammen.

Erster Kontakt mit dem Waltroper Club

„Eines Abends habe ich einfach mal das Funkgerät eingeschaltet und prompt ‚DL 0 Whiskey Alpha‘ erreicht“, erzählt er. „Die haben mich dann zu sich in die Clubstation eingeladen, und ich bin irgendwie dort hängengeblieben“. Denn 31 Jahre später trifft sich Erich Mertes noch immer Woche für Woche mit seinen Funkerkollegen im Waltroper Bunker. Und auch auf dem heimischen Dachboden in Dortmund hat er sich eine kleine Privatstation aufgebaut.

Es sei vor allen die weltweite Kommunikation, sagt Mertes, die ihn so an seinem Hobby fasziniert. Funken könne außerdem jeder. Auch für Senioren, Blinde oder Menschen mit anderen Beeinträchtigungen sei es eine schöne, spannende Beschäftigung. Durch die weltweiten Verbindungen könne Mertes Menschen kennenlernen, die später sogar Ansprechpartner für Reisen in ferne Länder sein können.

Und auch bei all den technischen Errungenschaften im Zeitalter der Digitalisierung lässt Erich Mertes seine alte Leidenschaft nicht los. Besonders nicht, wenn er mittwochs im Funk-Bunker sitzt und mit der Welt ein Schwätzchen hält. Ganz wie damals, mit den Jungs in der Wildnis.

Die Funkstation „DL-0-Whiskey-Alpha":
Die Funkstation auf dem Zechengelände in Waltrop ist ein in den Boden eingelassener Bunker mit einem 50 Meter hohen Funkturm auf dem Dach. Als die Zeche noch in Betrieb war, diente die Funkstation zur Kommunikation zwischen den Arbeitern Untertage und der Oberfläche. Seit 1982 betreiben die Funkamateure des Ortsverbandes Waltrop die Anlage. „DL-0-WA“ ist seit dem das Rufzeichen.

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