Wie Spezialisten das Containerschiff im Suezkanal befreien wollen – und warum das so schwierig ist

Havarie

Seit Dienstag blockiert das Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal, die Bergung erweist sich als äußerst kompliziert. Eine Spezialfirma soll die wichtige Verbindungsstraße wieder frei machen.

Port Said

26.03.2021, 21:16 Uhr / Lesedauer: 3 min
Seit Dienstag blockiert das Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal, die Bergung erweist sich als äußerst kompliziert.

Seit Dienstag blockiert das Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal, die Bergung erweist sich als äußerst kompliziert. © picture alliance/dpa/Suez Canal Authority via Egyptian Cabinet Facebook Page

Wenn bei einer Schiffshavarie nichts mehr geht, kommen die Niederländer. Die Firma Smit Salvage aus Rotterdam hat inzwischen die größte Expertise bei der Bergung großer Schiffe. Deswegen rücken die Spezialisten nun auch zur am Dienstag im Suezkanal havarierten „Ever Given“ an.

Das 400 Meter lange und unter der Flagge Panamas fahrende Containerschiff war wegen schlechter Sicht in einem Sandsturm auf Grund gelaufen. Nachdem alle Versuche der staatlichen ägyptischen Kanalgesellschaft scheiterten, wurde am Mittwoch ein zehnköpfiges Team der Rotterdamer Firma auf dem Weg zum Suezkanal geschickt.

Die Frauen und Männer von Smit Salvage sind weltweit gefragt. Auch bei der „Costa Concordia“ waren sie dabei. Havarien von Containerschiffen der Größe der „Ever Given“ sind noch sehr selten. Diese Schiffe sind erst seit wenigen Jahren auf den Meeren unterwegs.

Die Berger von Smit aus Rotterdam sind die einzigen, die bereits einmal ein Schiff von der Größe der „Ever Given“ von einer Sandbank bekommen haben. Am 9. Februar 2016 holten die Holländer nach sechs Tagen den 400 Meter langen Koloss „CSCL Indian Ocean“ von der Sandbank in der Elbe bei Lühe.

Ende der „Ever Given“-Bergung ist noch nicht absehbar

Über die Dauer der Bergung der „Ever Given“ kann Smit-Sprecher Martijn Schuttevaer keine Angaben machen. „Die Crew, die sich auf den Weg macht, ist aber sehr erfahren“, so Schuttevaer. Der Frachter „Ever Given“ hat sich beim Unglück am Dienstagmorgen tief in den Sand der Nordböschung des Kanals gebohrt. Der Unglücksort liegt außerdem im Bereich zwischen Suez und dem Bittersee, wo es keine Ausweichmöglichkeit gibt und der Kanal nur einspurig befahren werden kann.

Die Wucht des Aufpralls war unterdessen so groß, dass der Bug der zur taiwanesischen Evergreen-Reederei gehörenden „Ever Given“ sich deutlich angehoben hat. Mit einem Großteil des Gewichts liegt das Schiff auf dem Sand am Ufer. Erste Bergungsversuche mit acht Schleppern, darunter auch zwei starken Ankerziehschleppern, scheiterten am Dienstag und Mittwoch.

Zuerst pumpen die Experten den Treibstoff ab

Der Unterschied zur „CSCL Indian Ocean“ ist die Beladung. Die „Ever Given“ ist voll beladen und wiegt mehr als 190.000 Tonnen. Bis zu 20.124 Standardcontainer kann das etwa 219.000 Bruttoregistertonnen große Schiff laden. Ein Entladen der Container der „Ever Given“ an Ort und Stelle ist schwer. Wie schon 2016 bei der „CSCL Indian Ocean“ sind dafür Schwimmkräne mit einer Hubhöhe von über 60 Metern erforderlich. Die müssen erst von weither herangeschleppt werden.

Zu den Erstmaßnahmen der Berger gehört das Abpumpen der Treibstoffmengen aus den Tanks der „Ever Given“. Allein die Treibstoffvorräte summieren sich auf mehrere Tausend Tonnen. Für diese Manöver müssen aber erst genaue Berechnungen der Stabilität des Rumpfes der 2018 in Japan gebauten „Ever Given“ erfolgen. Bei der „CSCSL Indian Ocean“ halfen diese Maßnahmen im Februar 2016. Der nächste Schritt sind dann Arbeiten mit speziellen Saugbaggern und Spülfahrzeugen, mit deren Hilfe das Schiff aus dem Sand geholt werden kann.

Wie die Betreibergesellschaft der „Ever Given“, die Bernard Schulte Shipmanagement, mitteilte, unterstützt die 25-köpfige Besatzung des Schiffes die Bergungsversuche mit ihren Winden an Bord. Fest steht aber schon jetzt eins: Die Pläne für eine schnelle Bergung drohen zu scheitern, wenn die Erstmaßnahmen nicht greifen.

Wirtschaftlicher Schaden durch Suezkanal-Stau ist noch nicht absehbar

Der Stau von Frachtern im Roten Meer wird währenddessen von Stunde zu Stunde größer. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es im April zu großen Problemen in den Logistikketten und Seehäfen in Westeuropa kommen wird. In der Nacht zum Donnerstag wurde damit begonnen, die hinter der „Ever Given“ wartenden Schiffe wieder rückwärts zurück ins Rote Meer zu schleppen.

Die Auswirkungen für die Häfen in Westeuropa sind dramatisch. Allein Hamburg erwartet pro Woche bis zu 18 Frachter mit Containern aus Asien. Auch die „Ever Given“ sollte am 7. April in Hamburg Container löschen.

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„Etwa 10 Prozent des maritimen Welthandels, also etwa 20.000 Schiffe pro Jahr, passieren den Suezkanal. Durch die aktuelle Blockade ist mit einer Erhöhung der internationalen Frachtkosten zu rechnen. Zudem könnte es zu einer Verschärfung der coronabedingten weltweiten Engpässe bei Seecontainern und einer Vervielfachung des Transportpreises zwischen Asien und Europa kommen“, sagte Lutz Könner, Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Seehafenbetriebe.

Die Managementfirma verweis in der Mitteilung darauf, dass es zum Unglückszeitpunk weder Hinweise auf einen Stromausfall oder ein technisches Problem an Bord des Schiffes gab. „Das schließen wir aus“, so heißt es bei BSM.