Wildbienen sind die vergessenen Schwestern der Honigbienen. Das Insektensterben bedroht sie mehr als ihre domestizierten Verwandten. Biologin Berit Philipp sagt, wie man ihnen helfen kann.

MÜNSTER

, 16.07.2018, 05:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wie viele Wildbienen-Arten gibt es in Deutschland?

Aktuell gibt es insgesamt 585 Wildbienen-Arten in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen leben 364 Arten, etwa 216 in der Westfälischen Bucht. Im Niederrheinischen Tiefland und der Niederrheinischen Bucht sind es um die 235 Arten. Man kann von einem Nord-Süd-Gefälle sprechen. Je weiter man in den Norden kommt, desto weniger Wildbienen-Arten gibt es.

Was unterscheidet die Wildbiene von der Honigbiene?

Auch die Honigbiene war früher eine Wildbiene, bevor sie domestiziert wurde. Sie lebt jetzt sozusagen in der Obhut des Menschen. Ohne ihn kann sie als Volk nicht mehr gut überleben. Wildbienen sind im Gegensatz dazu völlig unabhängig vom Menschen. Sie leben fast durchweg solitär, das heißt, sie sind Einzelgänger. Es gibt aber Wildbienen, wie die Hummeln, die in Völkern leben. Bei den Hummeln überleben nur die Jungköniginnen den Winter. Sie überwintern im Boden und gründen dann im Frühjahr ein neues Volk. Ein weiterer Unterschied ist die Honigproduktion. Honigbienen brauchen den Honig als Nahrung für den Winter. Wildbienen produzieren keinen Honig. Hummeln sammeln zwar Nektar und legen Nektartöpfchen an, aber nur, um vielleicht ein- bis zwei Wochen über die Runden zu kommen, wenn es draußen kalt ist.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Honigbiene war früher auch eine Wildbiene - bevor sie vom Menschen domestiziert wurde. © Berit Philipp

Unterscheiden sich die Tiere auch in ihrem Sammelverhalten?

Honigbienen sind Generalisten. Wenn zum Beispiel ein Rapsfeld blüht, fliegen alle Tiere eines Volkes dorthin, holen sich den Pollen und kommunizieren das mit ihren Artgenossen. Sie sind eher auf große Nahrungsflächen fixiert. Unter den Wildbienen gibt es auch Generalisten, andere wiederum sind Spezialisten und auf nur eine Blütenpflanze angewiesen. Die Lauch-Maskenbiene zum Beispiel fliegt nur Lauchpflanzen an. Andere Wildbienen fliegen nur auf Glockenblumen oder nur auf Hahnenfuß. Wenn es diese Blumen in ihrem Umkreis nicht mehr gibt, sind diese Arten stark bedroht.

Das folgende interaktive Bild gibt einen schnellen Überblick über die Wildbienen der Region. Klicken Sie auf eine Biene und erfahren Sie mehr über Merkmale und Lebensweise.

Welche anatomischen Unterschiede gibt es?

Die kleinste Wildbiene ist etwa vier Millimeter groß, die größte kann über drei Zentimeter groß werden. Sie unterscheiden sich weiter in der Körperform und auch der Körperbehaarung. Manche haben Sammelhaare am Bauch, andere an den Beinen. Auch die Mundwerkzeuge sind von Art zu Art verschieden. Manche Wildbienen haben unglaublich lange Zungen, mit denen sie tief in die Blüten kommen. Durch ihre anatomischen Unterschiede zur Honigbiene können sie auch Pflanzen bestäuben, die diese nicht anfliegen kann.

Ergänzen sich die Tiere also?

Genau. Die Wildbienen kommen oft weiter hinein in eine Blüte als die Honigbienen, die Effizienz bei der Bestäubung ist dann höher. Für die Pflanze ist ein Mix aus Honigbienen- und Wildbienen-Bestäubung am besten. In Süddeutschland zum Beispiel werden auf Obstplantagen gezielt Wildbienen eingesetzt, hier können sich Landwirte Nisthilfen mit wilden Mauerbienen kaufen und in die Apfelplantagen setzen.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Rostrote Mauerbiene kommt am häufigsten an Nisthilfen vor. Sie ist von März bis Mai unterwegs und sieht kleineren Hummeln ähnlich. © Berit Philipp

Welche Wildbienen findet man hier in der Region?

Jeder hat bestimmt schon einmal die Rostrote Mauerbiene gesehen. Das ist die Art, die am häufigsten an Nisthilfen vorkommt. Sie ist schon sehr früh im Jahr, von März bis Mai, unterwegs und sieht kleineren Hummeln ähnlich. Auch relativ häufig sind noch einige Sandbienen, mit über 100 ist es die Gattung mit den meisten Arten. Die Rotpelzige Sandbiene findet man regelmäßig im Garten an den Blüten des Johannisbeerstrauches. Sie ist sehr hübsch, ist am ganzen Körper rötlich behaart und legt ihre Nistzellen im Boden an.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Rotpelzige Sandbiene findet man regelmäßig im Garten an den Blüten des Johannisbeerstrauches. © Berit Philipp

Zurzeit fliegt gerade auch die Garten-Wollbiene. Sie benötigt behaarte Pflanzen wie die Königskerze oder den Wollziest. Das Weibchen raspelt mit dem Mund die Pflanzenhaare ab und formt daraus eine Kugel, in die sie dann ihr Ei legt. Die Garten-Blattschneiderbiene zeigt auch ein recht interessantes Verhalten, da sie zum Beispiel aus Rosenblättern halbkreisförmige Blattstücke ausschneidet, diese zusammenrollt, zu einem Hohlraum transportiert und als Nistmaterial verwendet. Dadurch nutzt sie auch die sekundären Pflanzenstoffe aus den Blättern gegen Pilz- und Bakterien-Befall.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Garten-Wollbiene benötigt behaarte Pflanzen wie die Königskerze oder den Wollziest. Das Weibchen raspelt mit dem Mund die Pflanzenhaare ab und formt daraus eine Kugel, in die sie dann ihr Ei legt. © Deutschland summt/Hans-Jürgen Sessner

Von den Hummeln sind bei uns die die Erdhummeln, die Steinhummel und die Ackerhummel noch recht häufig. Diese legen ihre Nester gerne in alten Mäusehöhlen oder unter trockenem Laub und Grasbüscheln an. Wenn man im Garten eine wilde Ecke anlegt, die wenig gepflegt und genutzt wird, finden auch Hummeln gute Nistmöglichkeiten.

Zur Person

Wildbienen-Expertin Berit Philipp

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod
Berit Philipp ist promovierte Biologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nabu-Naturschutzstation Münsterland. Sie leitet regelmäßig Seminare und Exkursionen zu Wildbienen und versucht, Kinder und Erwachsene für das vielfältige Leben der Wildbienen zu sensibilisieren. Der Nabu ruft deutschlandweit zu einer Insekten-Zählaktion auf. Unter dem Stichwort „Insektensommer“ können Interessierte eine Stunde lang Sechsbeiner beobachten und zählen. Die Aktion läuft noch vom 3. bis zum 12. August. Zählhilfen und mehr Infos unter

www.insektensommer.de

Wie viele Wildbienen-Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten?

Auf der aktuellen Roten Liste für Deutschland stehen 52,6 Prozent der bei uns vorkommenden Bienen-Arten, das heißt, mehr als die Hälfte ist in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht, einige Arten sind schon ausgestorben - in NRW inzwischen 45 Arten. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, damit es ihnen gut geht. Wildbienen brauchen zum einen Nahrung in Form von Blütenpflanzen, zum anderen sollten sie aber auch die Möglichkeit haben, in nächster Nähe zu brüten. Für den Nestbau brauchen sie Nistmaterial. Ideal ist es, wenn das alles in der nahen Umgebung vorhanden ist. Umso weniger Aufwand sie für das Sammeln und das Anlegen der Nistzellen betreiben müssen, desto mehr Nachkommen haben sie. Über 60 Prozent der Wildbienen sind Bodenbrüter, das heißt, sie graben Gänge in den Boden und legen dort ihre Nester an. Andere brüten in Käferfraßgängen, in Röhren oder Höhlen, wie man sie von Insektennisthilfen kennt.

Können Wildbienen ebenso weit fliegen wie Honigbienen?

Hummeln schon, sie schaffen auch Strecken von mehreren Kilometern. Wildbienen fliegen sonst eher weniger weit. Die Flugdistanz hängt auch von der Körpergröße der Wildbienen ab. Ihr Aktionsradius liegt zwischen 100 und 1500 Metern.

Was kann ich tun, damit Wildbienen sich in meinem Garten ansiedeln?

Wichtig ist ein strukturreicher Garten, und dass die Blumen das ganze Jahr, vom Frühjahr bis zum Spätsommer, blühen. Auf gefüllte Blüten sollte man verzichten, da kommen die Bienen nicht an den Nektar und Pollen ran. Schon Anfang März fliegen die ersten Wildbienen, diese freuen sich über Zwiebelpflanzen, wie Krokusse, Wildtulpen, Hyazinthen. Margeriten, Ringelblumen, Glockenblumen und ungefüllte Stockrosen werden auch gerne von Bienen angeflogen. Obstbäume, aber auch Beerensträucher sind beliebt, besonders Himbeeren, Brombeeren und Johannisbeeren. Die Blüten der klassischen Heil- und Küchenkräuter, wie Rosmarin, Schnittlauch, Salbei, Ysop, Thymian und Lavendel werden auch gerne von Wildbienen angeflogen. Auf den Einsatz von Pestiziden sollte man im Garten ganz verzichten.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Reseden-Maskenbiene ist durch ihre Gesichtszeichnung sehr auffällig. © Berit Philipp

Und wo kann ich Wildbienen Nistplätze anbieten?

Dies ist gar nicht so schwer. Bei mir zuhause im Garten nisten Wildbienen z.B. im Rasen. Dieser ist nicht so stark gedüngt, und so gibt es kleine, offene Bodenstellen, in denen die Wildbienen ihre Nistplätze angelegt haben. Es stört sie auch nicht, wenn man über die Stellen läuft. Man sollte den Boden nur nicht umgraben, da dort die Bienenlarven in den Nestern liegen. Man kann auch im Garten ein mageres Sandbeet anlegen, das gerne von erdbewohnenden Wildbienen besiedelt wird. Wildbienen, die in Hohlräumen nisten, kann man mit gebohrten Holzblöcken oder mit Bambusröhrchen in Nisthilfen in den Garten locken. Auch in Stängeln von Stauden, die dann über den Winter stehen gelassen werden, können Wildbienen nisten.

Ist es kein Problem, wenn Kinder im Garten spielen?

Nein, Wildbienen sind überhaupt nicht aggressiv. Anders als Honigbienen müssen Wildbienen ja keinen Honig verteidigen. Man kann mit Kindern wunderbar aus nächster Nähe Wildbienen beobachten, wie sie leben - im Boden oder in den Nisthilfen. Sie fliegen um einen herum und fühlen sich gar nicht gestört. Wildbienen können zwar stechen, aber bei den kleinen Arten geht der Stachel nicht durch die menschliche Haut durch. Der Stich einer Hummel kann schmerzen, aber bevor die Hummel sticht, muss man sie schon in der Hand quetschen oder ausversehen auf sie treten.

Wildbienen: Den vergessenen Schwestern der Honigbiene droht ein schleichender Tod

Die Ackerhummel legt ihre Nester gerne in alten Mäusehöhlen oder unter trockenem Laub und Grasbüscheln an. © Nabu/Helge May

Was muss ich beim Kauf von Nisthilfen beachten?

Man sollte möglichst auf Discounter- oder Baumarkt-Ware verzichten, da diese oft nicht den Ansprüchen der Wildbienen entsprechen. Die Bohrlöcher der Nisthilfen sollten etwa 10 cm lang sein, einen Durchmesser von 4-8 mm haben und am Ende geschlossen sowie sauber, ohne Splitter, gebohrt sein. Man kann Nisthilfen aus Hartholzblöcken oder aus Ton gut selbst herstellen. Wichtig ist auch, dass die Nisthilfen im Garten oder auf dem Balkon nach Süd-Osten ausgerichtet sind, so dass sie Morgensonne bekommen. Außerdem müssen sie im Trockenen stehen. Sonst schimmeln die Nistzellen und es können sich keine Wildbienenlarven entwickeln.